Analyse Handelsbranche

Die Top 5-Kennzahlen für eine Quick-Check-Analyse

Dr. Thomas Kohlhase, Senior Credit Analyst, Talanx Asset Management GmbH

Mit Hilfe der Quick-Check-Analyse können Entscheider auf Markt- und Marktfolgeseite schnell das Gesamtrisikoprofil eines Firmenkunden erfassen. Ausgehend von der Branchenanalyse, über das Aufspüren zentraler bilanzpolitischer Stellschrauben sowie der Identifizierung von Schlüsselkennzahlen eignet sich diese Konzeption nicht nur für das Bestandskundengeschäft, sondern auch für die Akquisition von Neukunden.

Kennzahlenauswahl

Ziel einer Quick-Check-Analyse ist es, u. a. aus mehreren hundert möglichen Kennzahlen, die sich aus einem Jahresabschluss berechnen lassen können, nur diese – sogar nur eine Handvoll Kennzahlen – auszuwählen, die zur Beurteilung der tatsächlichen Vermögens-, Finanz- und Ertragslage ausreichend sind. Durch die Fokussierung auf wenige Zahlen, welche Kapitalstruktur, Cashflow und Schuldentilgungsfähigkeit berücksichtigen, wird zudem der Blick auf das Wesentliche geschärft. Außerdem gilt es die Kennzahlen richtig (z. B. je nach Branche und Geschäftsmodell) zu interpretieren: Eine operative Marge von einem Prozent mag für ein Handelsunternehmen ausreichend sein, würde aber für ein fertigungsintensive Unternehmen mittelfristig den Ruin bedeuten.

Bei den Top 5 Bilanzkennzahlen in der Handelsbranche handelt es sich im Überblick um:

  • Schuldentilgungsfähigkeit
  • Verschuldungsgrad (Leverage)
  • Umsatzrendite
  • Cashflow-Rate
  • Kapitalbindungsdauer des Nettoumlaufvermögens.

Schuldentilgungsfähigkeit

Die Schuldentilgungsfähigkeit ist eine Kennzahl, welche die kurzfristige Entschuldungsfähigkeit des Unternehmens widergibt.

 

 

Häufig wird statt der Brutto- die Nettoverschuldung ausgewiesen. Dabei gilt es zu beachten, dass vermeintlich liquide Mittel (Kassenbestand etc.) auch zweckentfremdet werden können (Sonderdividenden, Steuerzahlungen, Bußgelder, unvorteilhafte Akquisitionen etc.) bzw. aufgrund des gewöhnlichen Betriebs- und Geschäftsablaufs nicht zur Verfügung stehen, weil sie beispielsweise verpfändet oder als Sicherheit hinterlegt sind.

Verschuldungsgrad (Leverage)

Der Verschuldungsgrad ist eine Kennzahl zur Beurteilung der Kapitalstruktur.

 

Der Verschuldungsgrad ist eine Kennzahl, die angibt, wie konservativ oder progressiv die Kapital- bzw. Finanzierungsstruktur eines Unternehmens ist. Damit lässt sich der Grad der Risikoverteilung zwischen Eigen- und Fremdkapitalgebern quantifizieren. Je höher der Wert, desto abhängiger ist das Unternehmen von Dritten. Typischerweise wird das nominelle Eigenkapital über diverse Anpassungen bereinigt. So werden Geschäfts- und/oder Firmenwerte genauso vom Eigenkapital abgezogen wie aktive latente Steuern. Die Anrechnung von eigenkapitalersetzenden Darlehen ist ebenfalls im Hinblick auf deren individueller Kriterien (Verlustbeteiligung, Nachrangigkeit, Laufzeit etc.) zu überprüfen.

Umsatzrendite (Return on Sales)

Die Umsatzrendite ist eine klassische Kennzahl zur Beurteilung der Ertragskraft und setzt das erzielte Jahresergebnis ins Verhältnis zu den erlösten Umsätzen.

 

Die Umsatzrendite eignet sich zur Beurteilung der Ertragskraft bzw. der Wahrscheinlichkeit der Kreditrückzahlung auch besser gegenüber anderen Kennzahlen, wie der Gesamtkapitalverzinsung oder Gesamtkapitalrendite, da bei ihr Fremdkapitalzinsen als ordentlicher Aufwand behandelt werden. Ein weiterer Vorteil bei der Verwendung der Umsatzrendite gegenüber anderen Kennzahlen, wie der Eigenkapital- oder Gesamtkapitalrendite, liegt darin, dass die Umsatztätigkeit (zeitraumbezogene Stromgröße), anders als Bilanzsumme und Eigenkapital (Bestandsgrößen zu einem Stichtag), weniger anfällig für bilanzpolitische Maßnahmen ist.

Darüber hinaus kann die Kennzahl modifiziert werden, insbesondere die Zählergröße. So kann statt des bilanzpolitisch beeinflussbaren Jahresergebnisses, das nachhaltigere Betriebsergebnis oder der Cashflow (ebenfalls eine Stromgröße) im Zähler berücksichtigt werden. Allgemein gilt zur Höhe der Umsatzrendite, dass diese bei Produktionsunternehmen aufgrund der größeren Wertschöpfung tendenziell höher als bei Händlern ausfällt. Im Einzelhandel ist die Umsatzrendite zudem typischerweise höher als im Großhandel. Beim Unternehmensvergleich ist ferner zu beachten, dass kleinere und mittlere Unternehmen „KMU“ (oft in der Rechtsform einer OHG/KG, eK) eine höhere Umsatzrendite als Großbetriebe aufweisen, da der Unternehmerlohn bei KMUs als Bestandteil des (Betriebs-)Gewinns meistens einen relativ hohen Anteil hat.

Cashflow-Rate

Die Cashflow-Quote ist eine Kennzahl zur Beurteilung der Finanzkraft bzw. Innenfinanzierungskraft eines Unternehmens.

Die Cashflow-Rate ist die wichtigste Kennzahl zur Beurteilung der nachhaltigen Selbstfinanzierungskraft eines Unternehmens. Der operative Cashflow umfasst die selbst erwirtschafteten Finanzmittel, die für Investitionen, Kredittilgungen, aber auch für Ausschüttungen oder Akquisitionen zur Verfügung stehen. Durch die Berücksichtigung kapitalflussbasierter Kennzahlen werden zudem die Nachteile von GuV-basierten Kennzahlen aufgrund bilanzpolitischer Gestaltungsmöglichkeiten eliminiert. Dies soll folgendes Beispiel zeigen: Einzelhändler A mit altem Anlagevermögen weist unter sonst gleichen Bedingungen aufgrund niedrigerer Abschreibungen ein höheres Betriebsergebnis (EBIT) auf als Einzelhändler B mit neuem Anlagevermögen. Das geringere EBIT (aufgrund der höheren Abschreibungen) von B wird in der Cashflow-Betrachtung durch die Eliminierung zahlungsunwirksamer Aufwendungen, also der in diesem Fall höheren Abschreibungen, ausgeglichen. Somit sollten beide Händler in diesem Szenario sonst gleicher Bilanzen identische Cashflow-Raten ausweisen.

SEMINARTIPPS

Quick-Check Sicherheiten, 13.06.2018, Berlin.

Quick-Check-Analyse für Kreditentscheider und Votierer, 20.06.2018, Frankfurt/M.

Kreditnehmereinheiten/GvK in der Analyse & Meldewesen & Prüfung, 21.–22.06.2018, Frankfurt/M.

Kapitalbindungsdauer des Nettoumlaufvermögens

Die Kapitalbindungsdauer des Nettoumlaufvermögens ist eine der zentralen Kennzahlen des Handels und hilft zur Beurteilung der Finanzkraft. Diese Kennzahl setzt sich aus drei Detailkennzahlen zusammen: Lagerdauer, Kreditoren- und Debitorenlaufzeit. Aus diesen drei Komponenten ergibt sich schließlich die Kapitalbindungsdauer bzw. die Net Working Capital Tage.

Die Kapitalbindungsdauer liefert erste Hinweise auf ein eventuell überhöhtes Umlaufvermögen (nicht abgesetzte Warenlager, Ausfall von Großkunden, mangelhaftes Vertrauen der Lieferanten in die Kreditwürdigkeit des Unternehmens). Im Einzelnen setzen sich die drei Detailkennzahlen wie folgt zusammen:

Die Lagerdauer bezeichnet den Zeitraum, in dem die Vorräte (oder Lagerbestände) aus Roh-, Hilfs-, Betriebsstoffen sowie aus unfertigen und fertigen Erzeugnissen und das dafür erforderliche Kapital durchschnittlich gebunden sind. Eine Reduzierung der Lagerdauer führt zu geringerer Kapitalbindung und damit zu einer Erhöhung der betrieblichen Effizienz durch Freisetzung der zuvor gebundenen Mittel.

 

Die Debitoren- bzw. Forderungslaufzeit zeigt die Kundenkredittage an, also in welchem Verhältnis die ausstehenden Forderungen aus Lieferungen und Leistungen zum Umsatz des jeweiligen Abrechnungszeitraumes stehen. Die Kennzahl gibt Einblick in die Effizienz des Forderungsmanagements sowie das Mahnwesen eines Unternehmens. Unter Umständen kann die Kennzahl auch Aufschluss über die Kreditqualität der Kunden geben, insbesondere wenn ein Anstieg der langfristigen Forderungen (> 12 Monate) erkennbar ist.

 

Die Kreditorenlaufzeit, auch Lieferantenzahlungszeitraum oder Zielinanspruchnahme genannt, zeigt an, wie lange es dauert, bis ein Unternehmen seine Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen gegenüber seinen Lieferanten bezahlt. Je größer die Kennzahl bzw. Dauer in Tagen ausfällt, umso besser gelingt es dem Unternehmen, Liquidität zu binden.

PRAXISTIPPS

  • Fokussierung auf wenige Zahlen, welche Kapitalstruktur, Cashflow und Schuldentilgungsfähigkeit berücksichtigen – dadurch wird der Blick auf das Wesentliche geschärft.
  • Mit Hilfe eigener Quick-Check-Plausibilitätsprüfungen lassen sich mitunter die Einstufungen externer Ratingagenturen kritisch hinterfragen.
  • Plausibilitätskontrollen: Konsistenz von Geschäftsmodell, Finanzkennzahlen und Strategie. Aufdeckung von Gefährdungspotentialen.
  • Checklisten erstellen, um Faktoren wie Branche, Risikoprofil, Krisenindikatoren, Neugeschäftspotentiale etc. strukturiert darzustellen.

Beitragsnummer: 37968


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