Ansätze für die Prüfung von Rating-Prozessen

Aktuelle Prüfungsansätze aufgrund von Erkenntnissen aus externen und internen Prüfungen

Bettina Hermes, Kreditrevision der Sparkasse Essen

Wie „rate“ ich wen, wann und vor allem womit?

Die Klassifizierung des Risikos kann natürlicherweise nicht für alle Kreditnehmer eines Institutes auf ein und dieselbe Art und Weise erfolgen, da sich sowohl im Risikogehalt als auch hinsichtlich der für das Risiko relevanten Faktoren und der institutsinternen Steuerung dieser Risiken deutliche Unterschiede zwischen den Kreditnehmern ergeben. Neben den quantitativen Daten aus Finanzkennzahlen und Frühwarnsignalen spielen die individuell zur Verfügung stehenden qualitativen Daten aus langjährigen Kundenbeziehungen und Umfeldinformationen immer mehr eine wichtige Rolle für die trennscharfen Verfahren der Bonitätsanalysen.

Da die diversen Risikoklassifizierungsverfahren (RKV) eine wesentliche Grundlage zur Beurteilung des Adressenausfallrisikos bilden, werden sie regelmäßig sowohl von der internen Revision als auch von externen Prüfern Funktions- und Systemprüfungen unterzogen.

Aufgrund der in der Sparkasse Essen eingesetzten vielseitigen RKV für verschiedene Kundensegmente (von Standard-Rating und Immobiliengeschäftsrating über KundenKompaktRating für kleinere Geschäftskunden zum KundenScoring für Privatkunden), ist in einer umfangreichen Rating-Landkarte dokumentiert, welcher Kunde mit welchem Verfahren zu beurteilen ist. Zusätzlich werden alle durch uns betreuten Leasinggesellschaften über ein LandesbankenRating-Modul geratet. Seit geraumer Zeit setzen wir für Corporates auch ein entsprechendes LB-Modul ein.

SEMINARTIPPS

Prüfung Rating-Prozesse, 04.06.2019, Frankfurt/M.

Prozessprüfungen im Kreditgeschäft, 05.06.2019, Frankfurt/M.

Neue Prozesse bei Problemkrediten nach dem NPL-Leitfaden, 25.10.2019, Frankfurt/M.

Automatisierte EWB-Sicherheiten-Prüfung, 11.11.2019, Berlin.

EWB-Prozesse, 27.11.2019, Frankfurt/M.

Wer nun wen wann zu raten hat, ist in unseren Organisationsrichtlinien geregelt. Doch die Frage, inwieweit ein Kunde tatsächlich mit dem für ihn korrekten RKV bewertet ist, stellt sich laufend und ist auch Gegenstand von externen Prüfungen.

Die Zuordnung der Kunden zu dem zutreffenden RKV wird in der Sparkasse Essen über den Risikoverfahrensschalter gesteuert, der zu jedem Kunden in der EDV hinterlegt ist. Mit Hilfe der entsprechenden Schalterstellungen werden die Kunden für eine bestimmte Risikoeinstufung selektiert. Die Einstellung des korrekten Risikoverfahrensschalters zu jedem Kunden ist entscheidend dafür, dass der Kunde mit dem für ihn zutreffenden RKV beurteilt werden kann. Aus unserer Sicht sind deswegen regelmäßige, EDV-gestützte Kontrollen über eine zentral verantwortliche Stelle erforderlich, um die Richtigkeit des für den Kunden angewandten RKV sicherzustellen.

Zur Qualitätssicherung ist in der Sparkasse Essen administriert, dass der Risikoverfahrensschalter grundsätzlich nur von den Mitarbeitern geändert werden kann, die der für die Risikoklassifizierungsverfahren zuständigen Fachabteilung angehören.

In den durch die interne Revision jährlich durchgeführten Funktionsprüfungen greifen wir auch auf Erkenntnisse aus den ganzjährig stattfindenden Einzelengagementprüfungen zu, in denen im Rahmen einer Checkliste das korrekte RKV für den Kunden und den Verbund überprüft wird.

Im Focus von externen Prüfungen steht des Weiteren die Aktualität des einzelnen Ratings und die sog. Historisierungsquote, d. h. ist zu jedem Kunden über den Zeitverlauf der Geschäftsverbindung die Risikoklassifizierung regelmäßig vorgenommen worden. Interne Kontrollmöglichkeiten bestehen durch eigene Auswertungen oder über die Analyse externer Berichte, falls RKV durch einen zentralen Dienstleister, wie in der Sparkasse Essen, zur Verfügung gestellt werden. Abweichungen und Ausschläge führen dann möglicherweise zu weiteren Prüfungshandlungen.

Ein zentraler Bestandteil dafür, dass die eingesetzten RKV funktionsfähig sind, ist eine korrekte Berücksichtigung von Anlässen, die eine Beendigung der laufenden Geschäftsbeziehung zur Folge haben, wie EWB-Bildung oder Insolvenz des Kunden, sog. Ausfallgründe. Für die Ratingverfahren ist eine schnelle und ordnungsgemäße Erfassung der Ausfallgründe wesentlich, weil diese Daten zur Ermittlung der Trennschärfe und zum Vergleich der tatsächlichen mit der prognostizierten Ausfallrate unbedingt benötigt werden. Deswegen muss ein besonderes Augenmerk bei jeder internen und externen Prüfung auf der korrekten, zeitnahen Berücksichtigung der Ausfallgründe bei den entsprechenden Kunden liegen, denn die nach CRR risiko- und prozessgerechte Ausfallerfassung – insbesondere der Ausfallgrund 90-Tage-Zahlungsverzug als drohende Nichterfüllung von Zahlungsverpflichtungen – steht besonders im Fokus.

Zudem muss sichergestellt werden, dass unterjährig auftretende, bonitäts-relevante Informationen zu den Kunden einen Anlass darstellen, die vorhandene RKV zu überprüfen. Als Anlässe kommen z. B. die Verschlechterung der Liquidität über das Auftreten von Überziehungen oder Rückständen in Frage.

 

 

 

Solange ein Ratingverfahren vollständig an das operative System des Kreditinstitutes gekoppelt ist, stellt die Überwachung der Anlässe kein großes Problem dar. Ist dies nicht der Fall, sind aufgrund der mangelnden technischen Gegebenheiten manuelle Kontrollen notwendig, die zeitaufwendig und potentiell fehlerbehaftet sind und wegen hoher Fallzahlen oft nur in Stichproben durchgeführt werden können. Unsere Erfahrungen aus internen und externen Prüfungen zeigen, dass es jedoch unerlässlich ist, solche Verfahren zu installieren, die das korrekte Aufgreifen des Kunden bei unterjährigen Anlässen gewährleisten.

Neben dem wann und womit gibt es auch noch ein WIE rate ich den Kunden? Womit wir bei einem weiteren wesentlichen Prüfungsgegenstand wären: Sind die Informationen korrekt im Rating erfasst worden und beinhaltet das vorliegenden Rating alle aktuell zu dem Kunden vorliegenden Informationen? (Stichwort Überschreibungen/Overrides). Auch in diesem Themenbereich sind Prüfungshandlungen sinnvoll.

PRAXISTIPPS

  • Überprüfen Sie anhand von Selects die vorgenommenen Eingaben sowie den Sachverhalt, inwieweit alle vorliegenden, relevanten Informationen zu dem Kunden in das aktuelle Rating eingeflossen sind.
  • Machen Sie sich auch unterjährig ein Bild von der Einstellung des korrekten Ratingverfahrens durch Erkenntnisse auch aus anderen Prüfungen.
  • Stellen Sie sicher, dass alle relevanten Kreditnehmer Ihres Institutes mit Hilfe eines RKV beurteilt werden. Damit erhöhen Sie Ihre Ratingabdeckung in Ihrem Hause und erfüllen die Anforderungen der BTO 1.2 Tz. 6 der MaRisk.

 

Beitragsnummer: 64546



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