Bankbilanzen – Worauf es bei der Analyse ankommt

Dr. Thomas Kohlhase, Senior Credit Analyst, Fixed Income, Talanx Asset Management GmbH

Aktuelle Entwicklungen – Bankenrestrukturierung in Europa noch nicht abgeschlossen

Mehr als ein Jahrzehnt nach Ausbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise und dem anschließend eingeleiteten Paradigmenwechsel ist der Restrukturierungsprozess der europäischen Banken fortgeschritten, aber immer noch nicht abgeschlossen. Vor allem der branchenweite Kapitalaufbau hat die Risikotragfähigkeit der meisten Banken verbessert. Zuletzt hat die EZB im Herbst 2018 ihr größtes geldpolitisches Experiment, das mehrere Billionen umfassende Anleiheankaufprogramm, beendet. Dennoch ist aufgrund eines fragilen Konjunkturausblicks und anhaltender Rezessionssorgen die von vielen Banken erwartete Zinswende nicht in Aussicht.

SEMINARTIPPS

Analyse der zukünftigen Kapitaldienstfähigkeit, 07.10.2019, Frankfurt/M.

Analyse von Bankbilanzen, 04.11.2019, Wiesbaden.

Kredit-Jahrestagung 2019, 20.–21.11.2019, Berlin.

Südeuropäische Institute sind teilweise und trotz Sanierungsfortschritten immer noch mit der Bewältigung von Altlasten beschäftigt, deutschsprachige Institute leiden unter hohen Kostenquoten, hartem Wettbewerb und niedrigen Zinsmargen, der britische Bankensektor blickt immer noch gebannt auf einen möglichen Brexit und einige skandinavische Institute haben infolge von Geldwäscheskandalen an Reputation eingebüßt. Über allen stehen zudem geopolitische Unsicherheiten (Handelskonflikt, Populismus etc.) und massive Herausforderungen durch Digitalisierung, neue Wettbewerber und einem sich verändernden Kundenverhalten. Demgegenüber strotzen die Banken jenseits des Atlantiks vor Kraft. Ein simpler Vergleich zeigt die Kräfteverhältnisse: die beiden größten US-Institute haben in den ersten drei Monaten des Jahres 2019 so viel Gewinn erwirtschaftet, wie der gesamte deutsche Bankensektor aggregiert im Jahr 2018. Auch wenn sich die Ergebnisse europäischer Banken zuletzt auf einem positiven Pfad befanden, so zeigt ein Blick hinter die Zahlen, dass viele Institute einen Gutteil ihrer Erträge nur der Auflösung von Risikorückstellungen zu verdanken haben und weniger ihrem Kerngeschäft. Die Nachhaltigkeit der Gewinnerzielung und auch der Geschäftsmodelle dürfte somit bei einigen Instituten weiter in Frage stehen.

Verlustbeteiligung von Gläubigern ist Realität

In diesem Kontext ist zu beachten, dass die europäische Bankenabwicklungsrichtlinie zwischenzeitlich erstmals zum Tragen gekommen ist. Die bis dato sechst größte spanische Bank (Banco Popolar) wurde Anfang Juni 2017 von der EZB bzw. der Bankenabwicklungsbehörde SRB (Single Resolution Board) aus Liquiditätsgründen für abwicklungsreif erklärt. Aktionäre und auch Gläubiger nachrangiger Schuldinstrumente wurden an der Abwicklung beteiligt. Damit ist bei Bankenschieflagen der Gläubiger Bail-In de facto Realität.

BUCHTIPP

Denter/Eckhardt, Bankbilanzen verstehen und einsetzen, 2017.

 

 

Der Bankensektor bleibt eine der am höchsten regulierten Branchen in den freien Marktwirtschaften. Die herausragende Rolle von Banken als Finanzintermediäre, die in modernen Volkswirtschaften einen effizienten Transaktionsaustausch gewährleisten sollen, wird parallel durch den zum Teil disruptiven Digitalisierungsprozess und das Aufkommen neuer Konkurrenten bedroht. Die andere Megaherausforderung, mit der Banken konfrontiert sind, stellt das oben skizzierte Niedrigzinsumfeld dar. Dieses hat zu einem Abschmelzen der Nettozinserträge, der für die meisten Banken wichtigsten Ertragsquelle geführt und die Generierung von Erträgen aus Fristentransformation nahezu zum Erliegen gebracht. Der daraus resultierende Druck, die Kosten und organisatorischen Strukturen anzupassen, ist bei vielen Instituten in Gang gekommen, aber oftmals steht ein schmerzhafter Weg noch bevor. In diesem dynamischen Umfeld sind die Anforderungen an Berichterstattung und Transparenz von Banken ebenfalls rasant gestiegen. Regelmäßig werden Banken von unterschiedlichen Aufsichtsbehörden, Ratingagenturen und anderen Finanzmarktteilnehmern umfassend analysiert und in diversen Rankings/Stresstests publizitätsträchtig eingestuft. Dennoch sollten auch andere Stakeholder als vielleicht noch Bankvorstände und professionelle Investoren in der Lage sein, die gewachsene Komplexität von Bankbilanzen richtig zu lesen und unabhängig zu interpretieren.

Geschäftsmodell- und Bilanzanalyse als Basis der Bonitätseinstufung

Die professionelle Bankbilanzanalyse umfasst eine Mikro– und eine Makroperspektive. Zu den relevanten Mikrofaktoren zählen die Geschäftsmodellanalyse und die quantitative Analyse der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage (VFE) einer Bank.

INHOUSETIPP

Analyse von Bankbilanzen.

 

 

Die Geschäftsmodellanalyse bildet den Ausgangspunkt, da sich die geschäftspolitische Ausrichtung einer Bank auch in deren VFE-Lage typischerweise widerspiegeln sollte. Das Erkennen von Abweichungen kann helfen, frühzeitig Risiken aufzudecken. Zum Beispiel erwartet man von einer Retailbank, dass diese sich primär über (stabile) Einlagen refinanziert, während sich Hypothekenbanken schwerpunktmäßig über Pfandbriefe refinanzieren. Dabei sollte der Anteil von traditionell volatileren Handelserträgen aus dem Wertpapierportfolio an den Gesamterträgen bei diesen Banktypen deutlich geringer ausfallen, als bei Investmentbanken. Mit dem von US-Aufsichtsbehörden entwickelten CAMELS-Rating-Ansatz für Banken, der in der Praxis seit Jahren ein weitverbreitetes Konzept darstellt, lässt sich eine strukturierte Bankbilanzanalyse in sechs Stufen vornehmen.

Diese Stufen umfassen:

  1. Kapitalausstattung und Struktur der Verbindlichkeiten (C = Capital Adequacy)
  2. Ausfallrisiko der außenstehenden Kredite und sonstigen Aktiva (A = Asset Quality)
  3. Kompetenz, Integrität und die Bereitschaft der Geschäftsleitung, Regulierungsvorschriften zu befolgen (M = Management)
  4. die Beurteilung der Ertragslage und Profitabilität (E = Earnings)
  5. die Beurteilung der Liquiditätslage (L = Liquidity)
  6. die Beurteilung der Empfindlichkeit gegenüber Marktpreisschwankungen bzw. die Marktrisikoanfälligkeit einer Bank (S = Sensitivity to market risks).

Die Analyse der sechs CAMELS-Bestandteile erfolgt jedoch nicht isoliert. Vielmehr bestehen vielfältige Interdependenzen zwischen den einzelnen Stufen. Im Rahmen der Analyse von Aktiva und Passiva gilt es, Fristentransformationsprobleme aufzudecken (Asset-Liability-Mismatch), die durch das Bilanzstrukturmanagement determiniert sind. Aus derartigen Laufzeitinkongruenzen ergeben sich Interdependenzen zu anderen Parametern des CAMELS-Rating. So können Ertragsprobleme auftreten, wenn eine Bank Fristentransformation betreibt und durch sich ändernde Zinssätze gezwungen wird, Kredite billiger als geplant auszureichen oder für Einlagen mehr als geplant zu zahlen (Zinsänderungsrisiko). Mit Hilfe weniger Top-Kennzahlen lassen sich im Wettbewerbs- und Zeitvergleich Trends und Risikopotentiale aufdecken.

Die Bilanzanalyse sollte zudem mit dem Aufspüren von Risikokonzentrationen (z. B. durch Segmentierung der Umsätze, des Kredit- und Wertpapierportfolios und Clustermethoden) sowie einfacher Strukturdatenanalysen ergänzt werden, um der ohnehin gewachsenen Komplexität effektiv entgegen zu wirken. Nicht fehlen darf in Zeiten umfassender Bail-In sowie Abwicklungs- und Sanierungsregulierungen eine abschließende Kapitalstrukturanalyse.

Anhaltende Verflechtungen von Banken und Staat – Die gesamtwirtschaftliche Analyse

Im Rahmen der Makroperspektive spielen das regulatorische, das wettbewerbliche- und das volkswirtschaftliche Umfeld eine zentrale Rolle. Da Banken nicht selten die jeweils geographische Wirtschaftsstruktur ihres Umfeldes abbilden (z. B. reflektieren lokal agierende Institute die Wirtschaftsstruktur ihrer Stadt/ihres Landkreises wieder). Bewegt man sich im internationalen Rahmen, ist eine Einstufung des jeweiligen Länderrisikos unverzichtbar. Denn die Verflechtungen zwischen Banken und ihrem jeweiligen Heimatland determinieren in entscheidendem Ausmaß die Gesamtbonität einer Bank. Neben dem institutionellen und politischen System spielt die gesamtwirtschaftliche Lage (z. B. Beschäftigungsentwicklung, Verschuldung privater Haushalte, Robustheit des Unternehmenssektors) eines Landes eine erhebliche Rolle im Hinblick auf die Qualität der Aktiva. In diesem Kontext ist zu beachten, dass heimische Banken oft zu den größten Gläubigern ihres Staates zählen. Des Weiteren können aus der Länderanalyse Erkenntnisse zur grundsätzlichen Stützungsfähigkeit des Staates getroffen werden, um als lender of last resort zu intervenieren. Neben der Stützungsfähigkeit spielt die Unterstützungsbereitschaft (Bail-Out-Politik) eine Rolle. Mit der Einführung der Bankenabwicklungs- und Sanierungsrichtlinie (BRRD) in der EU als Antwort auf die durch die Lehman Krise 2008 ausgelöste Too-Big-Too-Fail-Problematik müssen Gläubiger (von Anleihen und auch Einlagen) jedoch nunmehr damit rechnen, an Verlusten zu partizipieren. Daher ist die Analyse der länderspezifischen Regulierung unabdingbar. Unterschiedliche Kapitalanforderungen auf globaler (TLAC) oder europäischer Ebene (MREL/SREP) sind bei der Analyse daher ebenfalls zu berücksichtigen.

PRAXISTIPPS

  • Effizienter Einbezug von Marktdaten als Frühwarnindikatoren zum Erkennen von Depot A-Risiken: u. a. Bond-Spread/CDS-Entwicklungen/Aktienkursentwicklung.
  • Aufspüren von bilanziellen Risikokonzentrationen: Kreditnehmer-/Branchen-/Ertragskonzentrationen.
  • Analyse außerbilanzieller Risiken: Nachrichtenlage? Drohen Reputationsverluste?

 

Beitragsnummer: 73315



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