Ausgewählte Beiträge

Umsetzung der neuen Risikotragfähigkeit-Vorgaben

Dr. Daniel Baumgarten, Teamleiter Risikotragfähigkeit und Kapital, Sparkasse KölnBonn

Überarbeitete aufsichtliche Vorgaben zur Risikotragfähigkeit und Kapitalplanung

In Annäherung an die Erwartungen der EZB an die Ausgestaltung des ICAAP haben die BaFin und die Deutsche Bundesbank im Mai 2018 ein überarbeitetes Leitlinienpapier zur Risikotragfähigkeit veröffentlicht. Der Leitfaden richtet sich an unmittelbar von der BaFin beaufsichtigte Less Significant Institutions (LSI) und enthält Vorgaben, die von der nationalen Aufsicht zukünftig bei der Beurteilung der bankinternen Risikotragfähigkeitskonzepte zugrunde gelegt werden.

SEMINARTIPPS

RWA-Optimierung bei knapper werdendem Eigenkapital, 21.10.2019, Frankfurt/M.

Übergang Going Concern-Ansatz auf neue normative RTF-Perspektive, 22.10.2019, Frankfurt/M.

Neue ICAAP-/ILAAP-Grundsätze: Herausforderungen für die Banksteuerung, 23.10.2019, Frankfurt/M.

Neue RTF-Praxis:(un)sachgerechte adverse Szenarien als Herausforderung, 24.10.2019, Frankfurt/M.

12. Hamburger Bankenaufsicht-Tage 2019, 04.–05.11.2019, Hamburg.

Zwar bietet der Annex des neuen Leitfadens die Möglichkeit, die bisher in Deutschland weit verbreiteten Going-Concern-Ansätze (Fortführungsansätze) zunächst weiter zu nutzen. Nach einer ersten Analyse- und Vergleichsphase beschäftigen sich nun jedoch viele deutsche Institute vermehrt mit der perspektivischen Umsetzung der neuen Vorgaben in Form der normativen und ökonomischen Perspektiven.

Weiterentwicklung der Kapitalplanung als Grundlage der normativen Perspektive

Das Ziel der normativen Perspektive ist die Sicherstellung der Erfüllung aufsichtlicher Mindestkapitalquoten und relevanter Kapitalpufferanforderungen über einen Horizont von mindestens drei Jahren. Zur Erfüllung der bestehenden Anforderung in MaRisk AT 4.1 Tz. 11 dürfte jedes deutsche Institut bereits bisher eine Kapitalplanung durchführen und entsprechende langjährige Erfahrungswerte aufweisen.

Der primäre Umsetzungsaufwand der deutschen LSI bei der Einführung der normativen Perspektive wird daher in einer Weiterentwicklung der Ableitung und Dokumentation der Szenarien liegen und in diesem Zusammenhang insbesondere bei der Entwicklung des oder der adversen Szenarien. Diese sollen neben einer von der Planung abweichenden Entwicklung gemäß den neuen Anforderungen auch Risiken aus der ökonomischen Perspektive berücksichtigen. Die Entwicklung des geforderten sinnvollen „Zusammenspiels“ der beiden Sichtweisen bei der Entwicklung der Szenarien wird bei vielen Instituten voraussichtlich den Großteil des Umsetzungsaufwands ausmachen. Nicht zu vernachlässigen ist darüber hinaus die in Tz. 22 des neuen Leitfadens formulierte Anforderung einer Planung der Strukturanforderungen hinsichtlich des Kapitals.

Liquidationsansatz als Grundlage der ökonomischen Perspektive

Die ökonomische Perspektive dient der langfristigen Sicherung der Substanz des Instituts und dem Schutz der Gläubiger vor Verlusten aus ökonomischer Sicht. Der institutsindividuelle Umsetzungsaufwand zur Ausgestaltung der ökonomischen Perspektive ist in hohem Ausmaß davon abhängig, ob das bisherige Risikotragfähigkeitskonzept des Instituts einen Liquidationsansatz („Gone Concern“) beinhaltet. Ist dies nicht der Fall, fehlen dem Institut in der Regel Erfahrungswerte bzgl. der barwertigen Risikoquantifizierung zu einem Konfidenzniveau von 99,9 %. Mit dieser Herausforderung sieht sich eine große Anzahl der deutschen LSI konfrontiert. Laut der kürzlich veröffentlichten „Range of Practice“-Studie der Deutschen Bundesbank zur Risikotragfähigkeit nutzten im Zeitraum 2015 bis 2017 knapp 93 % der deutschen LSI ausschließlich einen buchwertigen Fortführungsansatz.

Doch auch für Institute, die bereits in ihrem bisherigen Risikotragfähigkeitskonzept einen Liquidationsansatz verwenden, wird sich im Rahmen der Einführung der ökonomischen Perspektive Analyseaufwand ergeben. So ist sowohl auf Seite der Quantifizierung der einzelnen wesentlichen Risiken als auch bei der Definition des Risikodeckungspotenzials jeweils kritisch zu überprüfen, ob die dem Liquidationsansatz zugrunde liegende Annahme einer fiktiven Zerschlagung des Instituts eine Rolle spielt. Denn die ökonomische Perspektive zielt zwar wie der Liquidationsansatz auf eine barwertige, von der Rechnungslegung und Regulatorik losgelöste Betrachtung ab, das Ziel des Schutzes der Gläubiger vor Verlusten aus ökonomischer Sicht wird jedoch unter der Prämisse der Unternehmensfortführung verfolgt.

PRAXISTIPPS

  • Zeitnahe intensive Auseinandersetzung mit den überarbeiteten Vorgaben inkl. Testrechnungen und Auswirkungsanalysen.
  • Übergreifende Überprüfung der risikostrategischen Ziele.
  • Frühzeitige Einbindung der Adressaten des Risikoreportings bzgl. der anstehenden Änderungen in den Instrumenten der Risikosteuerung.

 

Beitragsnummer: 73328

EuGH-Urteil: Arbeitszeit muss systematisch erfasst werden

Dr. Jaime Uribe, Geschäftsführer, FCH Personal GmbH

Begründet durch die Arbeitszeitrichtlinie, die Grundrechtecharta der Europäischen Union und die EU-Richtlinie über die Sicherheit und die Gesundheit der Arbeitnehmer bei der Arbeit hat der Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in seinem Urt. v. 14.05.2019 klar gemacht, dass die Arbeitgeber in den EU-Ländern verpflichtet werden sollen, die Arbeitszeiten ihrer Beschäftigten systematisch zu erfassen. Das Urteil hat Grundsatzentscheidungscharakter für alle EU-Mitgliedsstaaten.

Vorausgegangen ist ein Fall in Spanien, wo bislang wie in Deutschland nur eine Pflicht zur Erfassung der Überstunden bestand. Der EuGH bestätigt hiermit das Grundrecht eines jeden Arbeitnehmers auf eine Begrenzung der Höchstarbeitszeit und auf tägliche und wöchentliche Ruhezeiten, welches ohne ein System der Arbeitszeiterfassung nicht zu gewährleisten sei. „Ohne ein System zur Messung der täglichen Arbeitszeit könnten weder die geleisteten Stunden und ihre zeitliche Verteilung noch die Zahl der Überstunden objektiv und verlässlich ermittelt werden“.

Weil alle EU-Mitgliedstaaten verpflichtet sind, das Urteil umzusetzen, muss nun der deutsche Gesetzgeber entsprechend reagieren und die Einzelheiten festlegen.

 

 

 

Die Auswirkungen könnten im Einzelnen zwar vielfältig sein, insbesondere bei Arbeitsverhältnissen und Branchen, in denen die Arbeitszeiten flexibel gestaltet werden, z. B. Homeoffice, und/oder Mitarbeiter viel unterwegs sind, z. B. Beratung und Außendienst. Dafür ändern sich aber bekannte Parameter nicht, wie z. B. die Obergrenze für die Arbeitsstunden pro Tag/pro Woche, Stundenanzahl ununterbrochener Ruhe zwischen zwei Arbeitstagen, Mindestzeit für Pausen während eines Arbeitstages, die Pflicht zur Arbeitszeitaufzeichnung z. B. beim Homeoffice oder das wechselseitige Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, was als Begründung für die Vertrauensarbeitszeit geführt wird.

Letzteres kommt häufig bei sogenannten AT-Mitarbeitern (außertarifliche Mitarbeiter) als flexible Arbeitszeitgestaltung vor. Hierbei bestimmt der Mitarbeiter die Lage und die Verteilung seiner Arbeitszeit eigenverantwortlich, ohne Zeiterfassung und Arbeitszeitkontrolle, während das Erreichen definierter Ziele oder die Erfüllung festgelegter Aufgaben im Vordergrund stehen. Folgt man argumentativ dem Urteil vom Bundesarbeitsgericht vom 15.05.2013, 10 AZR 325/12, wonach eine betriebsübliche Arbeitszeit auch für AT-Mitarbeiter gilt, auch wenn im Arbeitsvertrag nichts dazu geregelt ist, ist auch hier eine Zeiterfassung erforderlich, um die Erfüllung dieser fixierten Arbeitszeit nachweisen zu können. Bei der Implementierung von Vertrauensarbeitszeit muss der Arbeitgeber die Arbeitszeiten weiterhin überwachen, kann aber die Erfassung an die Mitarbeiter übertragen. Insofern ändert sich bei einer ersten Betrachtung das Modell nicht, sondern die praktische Erfassung an sich.

 

 

 

 

Natürlich gibt es Kritik und Lob für das Urteil. Entscheidend ist jedoch, dass viele Unternehmen bereits, z. T. seit Langem, (digitale) Arbeitszeiterfassungssysteme und variable Arbeitszeitmodelle implementiert haben. Die Überlegungen, die dazu geführt haben, werden durch dieses Urteil nicht in Frage gestellt. Daher ist zunächst zu empfehlen, den Ist-Zustand dieser Maßnahmen im Sinne des Urteils auf Effektivität zu prüfen, sprich: ist die vorhandene Zeitarbeitserfassung objektiv, verlässlich und zugänglich? Werden daraus auch deutlich die geleisteten normalen Arbeitszeiten und die Überstunden abgebildet? Welche flexible Arbeitszeitmodelle werden angeboten bzw. in welchem Verhältnis werden diese von der Belegschaft in Anspruch genommen? Wird hier die Arbeitszeit erfasst und wenn ja, in welcher Form?

Interessant, vor allem bei der Umsetzung erforderlicher Maßnahmen, wird auch die Verbindung zu anderen betrieblichen Themen, wie Beschäftigtendatenschutz (Daten bzgl. Leistung und Verhalten der Mitarbeiter) und Informationssicherheit (digitale Zeiterfassung über Mobile-Geräte).

PRAXISTIPPS

  • Lassen Sie sich von Ihrer Rechtsabteilung oder einem Fachanwalt beraten.
  • Analysieren Sie Ihre vorhandenen Arbeitszeitmodelle und Arbeitszeiterfassungssysteme im Lichte der neuen EuGH-Rechtsprechung.
  • Vermeiden Sie eine emotionalisierte Diskussion in die eine oder andere Richtung und gehen Sie als personalverantwortliche Führungskraft aktiv in der Organisation damit um, z. B. indem Sie andere Führungskräfte und die Belegschaft über diese Entwicklung und die Konsequenzen für Ihr Unternehmen zeitnah informieren.
  • Suchen Sie den Kontakt zu anderen Akteuren im Unternehmen, die auch bei der Umsetzung von Arbeitszeitmodellen mitwirken können oder sollen, z. B. den Betriebsrat, den ISB und den DSB – insbesondere dann, wenn Sie Anpassungen vornehmen möchten.

 

Beitragsnummer: 72171

 

Übernahme von Leitlinien der EBA, der ESMA und der EIOPA in die Verwaltungspraxis der Bafin (gilt auch für LSIs)

Michael Helfer, Geschäftsführer, FCH Consult GmbH

In der Kw 19 hat die BaFin das Protokoll der Sitzung des Fachgremiums MaRisk vom 05.11.2018 auf die Homepage der BaFin gestellt: https://www.bundesbank.de/resource/blob/794148/bcea4bae50d844551ad150055d803e86/mL/2018-11-05-marisk-data.pdf. Im Fachgremium MaRisk (Mindestanforderungen an das Risikomanagement) berichten Bundesbank und BaFin über aktuelle Entwicklungen in der Aufsicht, erörtern mit der Finanzbranche Grundsatz- und Auslegungsfragen und stellen Überarbeitungen der MaRisk und des Leitfadens zur aufsichtlichen Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte (Risikotragfähigkeitsleitfaden) zur Konsultation. Die Mitwirkung der Finanzbranche soll die praxisgerechte Weiterentwicklung aufsichtlicher Anforderungen sicherstellen.

In dem Protokoll wird unter anderem ausgeführt, dass „im Regelfall davon ausgegangen werden kann, dass die BaFin die Leitlinien der EBA, der ESMA und der EIOPA in ihre Verwaltungspraxis übernimmt. Soll eine Leitlinie der EU-Behörden ausnahmsweise nicht oder – was in der Praxis eher vorkommt – nicht vollständig (etwa aufgrund von Konflikten mit deutschen gesellschaftsrechtlichen Regelungen) übernommen werden, benennt die BaFin diese Leitlinien auf ihrer Homepage. Im Einzelfall kann für die Übernahme in das deutsche Aufsichtsrecht ein Rechtsakt erforderlich sein (z. B. der Erlass oder die Änderung einer Verordnung). Für den Fall der Umsetzung durch ein Rundschreiben oder die Novellierung eines Rundschreibens müssten die LSIs die hieraus resultierenden Anforderungen aus der Guideline dann in der Tat erst mit der Veröffentlichung des nationalen Rundschreibens anwenden. Auch dann seien die LSIs aber gehalten, sich bereits vorher mit dem Inhalt der betreffenden (und regelmäßig auch in der deutschen Amtssprache vorliegenden) Leitlinien zu befassen und organisatorische Vorkehrungen zu treffen, um die hierin adressierten Anforderungen umzusetzen”.

Daraus folgt, dass nunmehr alle EBA-Guidelines grundsätzlich sofort gelten bzw. organisatorische Vorkehrungen unverzüglich beginnen müssen (so z. B. hinsichtlich der neuen EBA Guidelines on Outsourcing Arrangements!).

 

 

Beitragsnummer: 71791

 

Integrierte Liquiditätsrisikosteuerung mit Meldewesendaten



Wie das Meldewesen mit der Banksteuerung zusammengeführt werden kann.

Dr. Normen Rohde, Spezialist für Liquiditätsrisiko, Berliner Volksbank eG/Lisa-Marie Geray, Consultant Risk Advisory, Deloitte/Rouven Hartmann, Senior Manager Risk Advisory, Deloitte

I. Meldewesendaten – eine Goldgrube an Informationen

Die im Jahr 2007 aufgekommene Finanzmarktkrise führte insbesondere bei den deutschen Regionalbanken zu vergleichsweise geringen Schäden in Folge von atypisch hohen Refinanzierungskosten. Anders verhielt es sich bei Großbanken, welche insbesondere aufgrund ihrer Risiko- und Refinanzierungsprofile ungleich stärker belastet wurden. In Folge einer krisengetriebenen Entwicklung von liquiditätsbezogenen aufsichtlichen Vorgaben entstand eine Vielzahl von neuen, in Teilen inkonsistenten Anforderungen. Dies führte institutsübergreifend zu ansteigenden einmaligen wie auch laufenden Aufwendungen für die erforderliche IT-Infrastruktur sowie dem Aufbau und Erhalt des benötigten Fachwissens der verantwortlichen Mitarbeiter im Bereich des Meldewesens. Insbesondere Regionalbanken wurden aufgrund ihrer begrenzten personellen Möglichkeiten aber auch aufgrund vorhandener Abhängigkeiten (bspw. im IT-Bereich) vor Herausforderungen gestellt. In jüngster Zeit fordert die Aufsicht zudem eine enge Verzahnung zwischen dem Meldewesen (Säule I) sowie dem Risikomanagement (Säule II). Werden in diesem Zusammenhang die Informationen aus der normativen Säule-I-Perspektive sowie der ökonomischen Säule-II-Perspektive zusammengeführt, können sich Synergien ergeben, welche zur Senkung von Kosten beitragen können.

Abbildung 1: Anstieg der zu meldenden ...

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Nachruf Dr. h.c. Gerd Nobbe, Vorsitzender Richter am BGH a.D.

© Stefan Gröpper Photography

Liebe Leserinnen und Leser,

der Vorsitzende Richter am BGH a.D. Dr. h.c. Gerd Nobbe ist am 14.04.2019 im Alter von 75 Jahren verstorben. Mit ihm verlieren wir einen wirklich großen Bankrechtler, der das Rechtsgebiet wie kaum ein Zweiter gestaltet hat. Er hat den Vorsitz des XI. Zivilsenates und damit des Bankrechtssenates am BGH von Herbert Schimansky 1999 übernommen und den Senat zehn Jahre bis 2009 geleitet, bevor er altersbedingt aus dem aktiven Richterdienst ausgeschieden ist. Danach war er als Ombudsmann und weiterhin intensiv als Autor und Referent im Bankrecht tätig.

Eine meiner ersten persönlichen Begegnungen mit Gerd Nobbe war beim RWS-Forum Bankrecht im Jahr 2000. Als wir zufällig allein im Aufzug des Seminarhotels unterwegs waren, fragte er mich unvermittelt: Wie ist das nun mit der Vorfälligkeitsentschädigung, Herr Rösler? So habe ich ihn immer erlebt: Sehr neugierig, sehr fokussiert, sehr darauf bedacht, die singulären Sachverhalte beim BGH in das Lebenssachverhaltspotpourri einzuordnen. Dabei stand bei ihm das Recht im Vordergrund, es war ihm wichtig, juristisch und dogmatisch sauber zu argumentieren und nicht in unvorhersehbare Einzelfalljurisprudenz abzugleiten. Daher wurde ihm – für mich nie nachvollziehbar – gelegentlich auch vorgehalten, in seiner Rechtsprechung zu bankenfreundlich agiert zu haben.

In seine Zeit beim XI. Senat fielen die Schrottimmobilienfälle, Entgeltfälle, sittenwidrige Bürgschaften, AGB-Klauseln, Haftungsfälle bei Krediten und Wertpapieranlagen und vieles mehr.  Der Senat hat unter seiner Leitung immer versucht, sich solchen Themenkomplexen über den vorliegenden Einzelfall vorsichtig zu nähern, auch wenn das nicht immer einfach und vielleicht wie beim Thema Rechtsberatung auch nicht immer gelungen war.

Gerd Nobbe wollte dabei immer auch das Rechtgebiet Bankrecht nach vorn bringen. Er hat mir bei Gründung der Zeitschrift für Bank- und Kapitalmarktrecht im Beck-Verlag genauso schnell die Rolle als Mitherausgeber zugesagt wie später die Mitherausgeber- und Autorenschaft bei den im FCH erscheinenden Kommentaren zum Kreditrecht und zum Zahlungsverkehrsrecht. Zu letzterem hat er in den Wochen vor seinem Tod noch sein aktualisiertes Manuskript abgegeben. Pflichterfüllung und Bankrecht bis zum Schluss.

Bei allen Treffen habe ich ihn als Menschen mit einer klaren Meinung erlebt, der aber immer zum – auch nachdrücklichen – juristischen Diskurs mit glasklarer Argumentation bereit und für andere Ansichten sehr offen war. Ich hatte bei ihm nie den Eindruck, dass er von „oben herab“ als Vorsitzender Richter am BGH andere Meinungen nicht gelten ließ. So hatte Gerd Nobbe ja erst die Meinung, dass ein Bausparvertragabschlussentgelt nicht zulässig sei, hat sich dann aber während einer WM-Veranstaltung und den daran anschließenden Heidelberger Bankrechts-Tagen des FCH im Laufe der Diskussion durch Argumente vom Gegenteil überzeugen lassen.

In langen handgeschriebenen Briefen hat er sich für Beiträge bedankt, die ihm gewidmet bzw. in seiner Festschrift verfasst wurden. Nicht nur DANKE, die inhaltliche Beschäftigung mit dem bankrechtlichen Thema nahm in diesen Briefen wie in seinem Leben einen breiten Raum ein. Ich habe ihn als Juristen und Menschen außerordentlich geschätzt, werde ihn nie vergessen und ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Alle Mitarbeiter der FCH Gruppe trauern mit seinen Angehörigen und der ganzen bankrechtlichen Gemeinschaft. Zum Zeichen unserer Trauer ist das Cover dieser Ausgabe des BankPraktiker schwarz statt blau.

 

Prof. Dr. Patrick Rösler, Rechtsanwalt, Vorstandsvorsitzender FCH Gruppe AG und Professor für Bankrecht an der Allensbach Hochschule

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beitragsnummer: 71180

Praxistipps für Banken beim Aufbau & Modernisieren ihres KSC/KDC



Grundlegende Tipps, mit denen Sie nachhaltig ein erfolgreiches KSC/KDC in ihrer Bank und für ihre Kunden führen.

Joana Ulrich, Leitung KundenDialogCenter (KDC) VOBA@ON, Führung & Entwicklung des KDC, Volksbank Bad Oeynhausen-Herford eG

I. Einleitung

Was früher eine einfache Telefonzentrale war, in der eine Handvoll Mitarbeiter Rückrufwünsche entgegennahmen oder Terminwünsche bearbeiteten, hat sich zum wichtigsten Kommunikationsschnittpunkt zwischen Kunde und Bank entwickelt und gewinnt immer mehr Bedeutung im Banking der Zukunft. Vom einfachen Serviceauftrag, wie einem Rückrufwunsch, bis zur Begleitung der Ersteinrichtung des Online-Bankings oder Transaktionen und Beratung ist alles möglich. Das KundenDialogCenter (KDC) kann per Telefon, Chat, Videochat, WhatsApp oder Mail nahezu jedes Problem im Handumdrehen lösen. Kundennähe und Digitalisierung schließen sich nicht aus, sondern bringen Kunden und Bank näher zusammen und machen das Banking im Alltag wesentlich einfacher und schneller. Bei der Einführung einer technischen Anwendung wie einer Chatlösung, deren Integration in bestehende Prozesse und der Mitarbeiterbefähigung stehen zunächst viele Aufgaben an, die erfüllt werden müssen, damit das Gesamtbild am Ende stimmig ist. Die grundlegenden Faktoren, die ein KSC/KDC erfolgreich machen, sind jedoch nicht abhängig von einem Chat. Die Akzeptanz bei Mitarbeitern und Kunden, gut ausgebildete und engagierte Agenten, aber auch ein realistisches, an ...


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Kundenbilanzen zielsicher verstehen und interpretieren



Christoph Hoeren, Senior Risk Manager, KfW DEG Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH.

I. Strukturierter Ansatz als Grundlage

Die Analyse und Rating- bzw. Bonitätsfestlegung anhand von Jahresabschlüssen bei Firmenkunden hat nach wie vor eine hohe Bedeutung. Im Rahmen der Digitalisierung können auch Elemente aus der Unternehmensanalyse automatisiert und effizienter gestaltet werden. Gleichwohl ist bei jeder Implementierung von Digitalisierungs- bzw. Automatisierungsprozessen abzuwägen, bis zu welchem Grad auf eine qualitative manuelle Sichtung und Analyse von Jahresabschlüssen verzichtet werden kann. Ferner sind Leitfäden für eine zielgerichtete Jahresabschlussanalyse auch vor dem Hintergrund von Aufgabenveränderungen für Mitarbeiter in der Kreditabteilung wichtig geworden, um ein möglichst einheitliches Verständnis innerhalb eines Instituts zur Jahresabschlussanalyse sicherzustellen.

Vor diesem Hintergrund kommt es auf die Etablierung bzw. Sicherstellung eines strukturierten Ansatzes an, der sich auf die wesentlichsten Prüfschritte bezieht. Die größte Herausforderung liegt darin, die Vernetzung bzw. Verbindung von bestimmten Prüfungsergebnissen mit anderen Fragestellungen zu erkennen.

II. Qualitative Jahresabschlussanalyse

Idealtypisch könnte sich der Prozess der (qualitativen) Jahresabschlussanalyse wie folgt darstellen:

1. Erfassung der Rechtsform und deren Auswirkungen

Die Klassifizierung nach Kapitalgesellschaft und Personengesellschaft sowie deren Größenklassen nach HGB/PublG sind ganz entscheidend für den Umfang und den Inhalt eines Jahresabschlusses. Es ...


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Evaluierung von Aufsichtsorgan und Geschäftsleitung

Rechtliche Anforderungen und Umsetzung in der Bankpraxis

Prof. Dr. Peter Ruhwedel, Wissenschaftlicher Leiter, KCU KompetenzCentrum für Unternehmensführung & Corporate Governance, FOM Hochschule; Geschäftsführer diep – Deutsches Institut für Effizienzprüfung

I. Einleitung

Die sogenannte Interne Governance ist zu einem wesentlichen Bestandteil der aufsichtsrechtlichen Überprüfung geworden. Dies umfasst auch die Besetzung und Arbeitsweise von Geschäftsleitung und Aufsichtsorgan. § 25d KWG erfordert bereits seit dem Jahr 2014 eine mindestens jährliche Evaluation der Leitungs- und Überwachungsorgane. Mit der in diesem Jahr beginnenden Umsetzung der Europäischen Leitlinien zur Internen Governance sowie zur Bewertung der Eignung von Mitgliedern des Leitungsorgans und Inhabern von Schlüsselfunktionen sollten die bestehenden Evaluierungsansätze kritisch hinterfragt und weiterentwickelt werden.

 

 

 

 

II. Prüfung gemäß § 25d KWG

Ein wichtiger Impuls für eine Verbesserung der Arbeitsweise und der Zusammensetzung des Aufsichtsrats kommt aus der vom Deutschen Corporate Governance Kodex oder auch vom Public Corporate Governance Kodex geforderten regelmäßigen Effizienzprüfung des Aufsichtsrats. Hierbei handelt es sich um eine Evaluierung der Zusammensetzung und Arbeitsweise des Gremiums. Während die Häufigkeit und die Ausgestaltung der Effizienzprüfung außerhalb des Bankenbereiches weitgehend im Ermessen des Unternehmens liegen, hat das Verwaltungs- und Aufsichtsorgan eines Kreditinstituts eine regelmäßige, mindestens einmal jährlich durchzuführende Bewertung der Struktur, Größe, Zusammensetzung und Leistung des Verwaltungs- oder Aufsichtsorgans sowie der Geschäftsleitung vorzunehmen. Darüber hinaus ist § 25 d (11) 4. KWG zu berücksichtigen, nach dem mindestens jährlich eine Bewertung der Eignung der Mitglieder der Geschäftsleitung und des Verwaltungs- bzw. Aufsichtsorgans sowie der Gremien insgesamt erfolgen soll. Die Aufsichtsräte stehen somit vor der Herausforderung, sich selbst sowie die Geschäftsleitung in jedem Jahr einer intensiven Prüfung zu unterziehen.

II. Umsetzung in der Praxis

Bei einer Effizienzprüfung handelt es sich vom Grundsatz her um eine Selbstevaluierung der Aufsichtsratsmitglieder. Diese verfügen über einen eigenen Gestaltungsspielraum bei der Ausgestaltung des Prozesses, so dass in der Praxis unterschiedliche Vorgehensweisen zu finden sind. Die konkrete Ausgestaltung der Effizienzprüfung hängt unter anderem von den Besonderheiten des Instituts ab. Dies betrifft etwa die Unternehmens- und Gremiengröße, das Geschäftsmodell, die Mandatsdauer der Aufsichtsratsmitglieder oder die Intensität und die Ergebnisse der vorhergehenden Effizienzprüfung.

Startpunkt sollte eine intensive Analyse der verfügbaren Dokumente sein. Hierzu gehören insbesondere Geschäftsordnungen, Regelungen zur Zusammenarbeit von Vorstand und Aufsichtsrat, Sitzungsunterlagen und -protokolle sowie – falls vorhanden – ein Anforderungsprofil des Aufsichtsrats. Darüber hinaus sollten die Tätigkeit des Aufsichtsrats im Berichtsjahr sowie die Einhaltung relevanter rechtlicher Rahmenbedingungen geklärt werden.

In einem zweiten Schritt werden die Aufsichtsratsmitglieder mittels eines strukturierten Fragebogens befragt. Je spezifischer der Fragebogen die Unternehmenssituation erfasst, desto größer sind in der Regel die Akzeptanz der Aufsichtsratsmitglieder und damit die Aussagekraft der Fragebogenanalyse. Der Fragebogen sollte alle Aspekte der im §25d KWG genannten Kriterien umfassen. Ziel sollte es dabei sein, neben der Prüfung rechtlicher Anforderungen auch die Zweckmäßigkeit der Zusammensetzung und Arbeitsweise des Gremiums zu bewerten. Darüber hinaus sollten informale Aspekte der Zusammenarbeit im Gremium adressiert werden, da diese einen großen Einfluss auf die Wirksamkeit der Aufsichtsratstätigkeit haben. Hierzu zählen etwa die Diskussionskultur im Gremium, die notwendige kritische Distanz zum Vorstand oder das vorhandene Konfliktlösungspotenzial.

BUCHTIPP

 Zeranski (Hrsg.): Fit & Proper-Praxisleitfaden, 2019.

 

 

 

 

Bei den Untersuchungsfeldern im Bereich des Aufsichtsrats sowie der Geschäftsleitung handelt es sich um die nachfolgenden Teilbereiche, wobei die Eindringtiefe der Analyse im Bereich des Aufsichtsrats in der Regel deutlich größer ist als bei der Geschäftsleitung:

  1. Struktur und Größe der Gremien
  2. Anforderungen, Zusammensetzung und Besetzungsprozesse der Gremien
  3. Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrung der Mitglieder des Aufsichtsrats bzw. des Vorstands sowie der Gremien insgesamt
  4. Leistung (Effizienz der Gremientätigkeit)
  5. Vergütung der Mitglieder des Aufsichtsrats bzw. des Vorstands und mögliche Auswirkungen auf die Risikoneigung

Die Fragen betreffen zum Beispiel die Wirksamkeit der Überwachung der Einhaltung bankaufsichtsrechtlicher Regelungen oder des Risikomanagementsystems, die Aussagekraft der Berichte und Vorlagen, die Intensität der Befassung mit den Strategien des Unternehmens oder die angemessene Ausgestaltung des Vergütungssystems. Ein besonderes Augenmerk sollte wie erwähnt auf der Leistungsfähigkeit des Gremiums und seiner Diskussionskultur liegen. Auch die im Gremium insgesamt sowie in den Ausschüssen vorhandenen Kompetenzen sind kritisch zu reflektieren.

Darüber hinaus sollte die Fragebogenanalyse in regelmäßigen Abständen um Interviews mit den Aufsichtsratsmitgliedern sowie bei Bedarf mit Mitgliedern des Vorstands ergänzt werden. Dies ist in der Regel nicht in jedem Jahr erforderlich, sollte aber spätestens alle drei Jahre in Betracht gezogen werden. Interviews bieten die Möglichkeit, einzelne Aspekte aus der Fragebogenanalyse zu vertiefen und einer kritischen Betrachtung zu unterziehen sowie Verbesserungspotenziale zu identifizieren. Die Gesamtergebnisse der Analyse werden schließlich dokumentiert und im Rahmen einer Aufsichtsratssitzung mit allen Mitgliedern des Aufsichtsrats diskutiert. Eine Begrenzung der Diskussion auf einen Ausschuss sollte dagegen möglichst vermieden werden, da hierdurch die Potenziale der Evaluierung nur unzureichend genutzt werden können.

SEMINARTIPPS

Fit & Proper: Neue Vorgaben und Erwartungen der Aufsicht, 06.06.2019, Frankfurt/M.

12. Hamburger Bankenaufsicht-Tage 2019, 04.–05.11.2019, Hamburg.

 

 

Bei der Durchführung einer Effizienzprüfung können die Mitglieder des Aufsichtsrats auf eine Vielzahl bereits im Unternehmen vorhandener Informationen zurückgreifen, so dass es in der Regel nicht erforderlich ist, Informationen mehrfach zu generieren. Dies trägt dazu bei, dass der Evaluierungsprozess pragmatisch und ohne unnötigen Mehraufwand durchlaufen werden kann.

III. Integration Europäischer Anforderungen

Die europäischen Aufsichtsbehörden haben den Corporate Governance-Rahmen sowie die Eignungsanforderungen an die Mitglieder von Verwaltungs- und Aufsichtsorganen deutlich weiterentwickelt. Die Leitlinie zur internen Governance und die Eignungsleitlinie weisen dabei eine hohe Komplementarität auf: Während die Leitlinie zur internen Governance detaillierte Ausführungen zu den Überwachungsstrukturen und -prozessen umfasst, regelt die nun durch EBA und ESMA gemeinsam überarbeitete Eignungsleitlinie die Eignungsanforderungen an Geschäftsleitung und Aufsichtsorgan.

FILMTIPPS

Vorstandshaftung.

Auswirkungen der neuen Fit & Proper-Anforderungen.

 

 

 

Über den jährlichen Prüfungsprozess gem. § 25d KWG sind beide Leitlinien eng verzahnt, da dort neben der Funktionsfähigkeit der Internal Governance auch eine Bewertung der Gremienmitglieder erfolgt. Neu sind die detaillierten Vorgaben zur Eignungsbewertung der Organmitglieder. Zur Vermeidung von Abstimmungsproblemen und Dopplungen in den Evaluierungsansätzen sollte die Eignungsbewertung in die Bewertung 25d-Prüfung integriert werden. Aufgrund der Evaluierungstiefe erfordert dies eine vorausschauende Kommunikation mit den Gremien, um Überraschungen und hieraus möglicherweise resultierende kritische Diskussionen zu vermeiden.

PRAXISTIPPS

  • Durchführung einer unabhängigen und objektiven Evaluierung von Aufsichtsorgan und Geschäftsleitung gem. § 25d KWG durch einen externen Sachverständigen.
  • Integration der Anforderungen der Europäischen Aufsichtsbehörden in die 25d-Prüfung.
  • Systematische Aufbereitung und offene Diskussion der Evaluierungsergebnisse im Aufsichtsrat.
  • Follow-up zu verabschiedeten Verbesserungsmaßnahmen.

 

 

Beitragsnummer: 70933

 

Schlüsselkontrollen in Kreditprozessen

Gisela Conrads, Leiterin Interne Revision, Münchener Hypothekenbank eG

Die Definition der Schlüsselkontrolle beschränkte sich lange Zeit im Wesentlichen auf die Beurteilung der Wirksamkeit des IKS für die Rechnungslegung. Aufgrund erweiterter aufsichtsrechtlicher und gesetzlicher Anforderungen (u. a. MaRisk AT 4.4 und BT 2; § 25a Abs. 1 KWG, EBA Guidelines) erlangte die „Schlüsselkontrolle“ in den letzten Jahren eine neue Bedeutung für die Überwachung des gesamten Unternehmens und hielt Einzug in den Sprachgebrauch aller Internen Kontrollsysteme. Die in § 25a KWG geregelten organisatorischen Pflichten betonen, dass die Geschäftsleitung des Instituts für die ordnungsgemäße Geschäftsorganisation verantwortlich ist. Hierzu zählen ein angemessenes und wirksames Risikomanagement sowie die Einrichtung Interner Kontrollverfahren.

Kontrollen sind i. d. R.:

  • 4-Augen-Prinzip (z. B. Kompetenzen)
  • Einzelkontrollen (z. B. Stichproben)
  • Systemkontrollen (z. B. Plausibilitätskontrollen).

Wenn man der Frage nachgeht, um welche Kontrolle es sich bei der Schlüsselkontrolle handelt, wird man schnell feststellen, dass es sich nicht um eine neue Art der Kontrolle handelt.

Die Schlüsselkontrolle definiert Kontrollziele für einzelne Risiken (inkl. der operativen Strategieeinhaltung) und erfüllt aufsichtsrechtliche bzw. gesetzliche Anforderungen, ohne dass aktuell eine einheitliche Definition des Begriffs „Schlüsselkontrolle“ im Gesetz oder Aufsichtsrecht vorgegeben wird. Schlüsselkontrollen zeichnen sich daher durch ihre besondere Rolle innerhalb eines Prozesses aus und sollen dazu beitragen, unter Kosten-Nutzen-Aspekten wesentliche Risiken zu vermeiden, vermindern oder aufdecken. Dabei können der maßgeblichen Schlüsselkontrolle auch mehrere Einzelkontrollen vorausgehen. Schlüsselkontrollen sind individuell für jedes Geschäftsmodell festzulegen und in strukturierter Form zu überwachen.

Um entsprechende Schlüsselkontrollen implementieren zu können, ist eine Zerlegung aller Geschäftsprozesse in Teilprozesse sowie eine Bewertung der einzelnen Prozesse erforderlich. Die Bewertung der Prozesse und möglicher Kontrollen sollte dabei unternehmensabhängig in Einklang mit den erwarteten Risiken und den für die Kontrollen entstehenden Kosten stehen. Nicht jede teure Kontrolle vermindert auch hohe Risiken.

Auch aus den Anforderungen der „Leitlinien zum einheitlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozesses (SREP)“ geht das Erfordernis, Schlüsselkontrollen zu implementieren, hervor. Die demnach erwartete Re-Kalibrierung des Internen Kontrollsystems auf Basis von Schlüsselkontrollen, wonach das Interne Kontrollsystem auf das ganze Institut auszuweiten und die Prozesse entsprechend zu überwachen sind, betrifft auch die Überwachung der „Risikokultur“. Eine nicht vorhandene oder nicht gelebte Risikokultur kann zu strategisch nicht gewünschten Risikobeiträgen, hohen Kosten bzw. Verlusten führen. Nach Ansicht der Autorin sollten die Institute daher auch „Schlüsselkontrollen“ zur Überwachung einer Risikokultur implementieren, um einen angemessenen Nachweis über die zugrunde liegenden Faktoren und deren Wirksamkeit erbringen zu können. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Geschäftsleitung die eingangs erwähnte Verantwortung für die ordnungsgemäße Geschäftsorganisation ernst nimmt.

 

 

 

SEMINARTIPPS

Schlüsselkontrollen Spezial: Kreditprozesse, 09.10.2019, Berlin.
IKS-Prüfungen durch die Bundesbank, 06.11.2019, Hamburg.

IKS Kompakt: Aufbau & Prüfung von Schlüsselkontrollen, 20.11.2019, Berlin.
Prozessorientierte Schlüsselkontrollen im Fokus der Aufsicht, 03.12.2019, Frankfurt/M.

Zunächst muss sichergestellt werden, dass unter Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten erforderliche Kontrollen nicht nur vorhanden sind, sondern in die bestehenden Prozesse integriert wurden und in der Organisation bekannt sind. Die Funktionsfähigkeit dieser Kontrollen ist durch die Interne Revision regelmäßig zu überprüfen. Da die Prüfung der Schlüsselkontrollen eine neue Prüfungsmethodik darstellt, bedeutet dies für die Interne Revision des Unternehmens eine Anpassung der risikoorientierten Prüfungsplanung sowie der Prüfungsansätze.

PRAXISTIPPS

  • Grundlage für funktionsfähige Schlüsselkontrollen ist die Schaffung eines einheitlichen Grundverständnisses für die Themen “Prozess” und “Detailtiefe der Prozessschritte”.
  • Klare Schnittstellen und Service Level Agreements sind als Grundlage verlässlicher (erwarteter) Qualität erforderlich.
  • Kommunikation von „Schlüsselkontrollen“.
  • So viel wie nötig, so wenig wie möglich – die Kontrollergebnisse müssen auch beachtet werden.
  • Bei der Implementierung der Schlüsselkontrollen ist der Kosten-Nutzeneffekt zu beachten.
  • Die Implementierung einer angemessen Risikokultur kann mittels entsprechender „Schlüsselkontrollen“ nachgewiesen werden.

 

Beitragsnummer: 70925

 

Neufassung des Zinsrisiko-Rundschreibens 2019

Würdigung der Konsultation und Formulierung erster Handlungsimpulse[1]

Prof. Dr. Svend Reuse, MBA, Mitglied des Vorstandes, Kreissparkasse Düsseldorf. Zudem Honorarprofessor an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Fachbeirat im isf – Institute for Strategic Finance.

1. Zielsetzung dieses Beitrages

Schon mit der Veröffentlichung des Zinsrisiko-Rundschreibens 09/2018 war klar, dass bald eine weitere Neufassung im Hinblick auf die europäischen Papiere BCBS 368 und die EBA/GL/2018/02 erfolgen würde. Seit Ende 2018 ist die Neufassung des Zinsrisiko-Rundschreibens, welches beide Papiere in deutsches Recht umsetzen soll, in Arbeit. Seit dem 29.03.2019 befindet es sich offiziell in Konsultation. Die Konsultationsphase endet am 30.04.2019. Dieser Beitrag analysiert die Neuerungen des Rundschreibens und gibt erste Handlungsimplikationen für die Institute.

BUCHTIPP

 

Reuse (Hrsg.), Zinsrisikomanagement 3. Aufl. 2019.

 

2. Neuerungen des Zinsrisiko-Rundschreibens 2019

Das Rundschreiben weist gegenüber dem aktuell gültigen Rundschreiben fünf Neuerungen auf (vgl. auch Picker/Franke/Kreitlein (2019)).

  • Einführung eines Frühwarnindikators: So ist im ersten Schritt die Einführung eines Frühwarnindikators zu nennen. In Ergänzung zu den Parallelschocks werden vier weitere Zinsszenarien definiert, mit denen der Barwert des Instituts berechnet wird. Im Gegensatz zum Zinsschock wird der Bartwertverlust jedoch nicht in Relation zu den Eigenmitteln berechnet, sondern ins Verhältnis zum Kernkapital gesetzt. Die Grenze liegt hier auch nicht bei 20 %, sondern bei 15 %.
  • Berücksichtigung notleidender Forderungen: Neu ist, dass nunmehr auch notleidende Forderungen in die Modellierung der Cashflows einbezogen werden müssen, wenn diese 2 % in Bezug auf den gesamten Kreditbestand übersteigen. Diese Darlehen müssen „als allgemeine zinssensitive Instrumente [einbezogen werden], deren Modellierung die Höhe der erwarteten Cashflows und deren zeitliches Auftreten widerspiegeln sollte (BaFin (2019.03b), S. 3)“. Bereits gebildete Wertberichtigungen sind bei der Modellierung der Cashflows zu berücksichtigen.
  • Einlagen von Finanzinstituten: Im Entwurf des Rundschreibens heißt es knapp: „Einlagen von Finanzinstituten sind als sofort fällig anzunehmen. (BaFin (2019.03b), S. 4)“. Eine trägere Modellierung, die bis jetzt in der Methodenfreiheit der Institute lag, ist folglich nicht mehr möglich. Im Rahmen der Konsultation sollte klargestellt werden, dass sich diese Modellierung nur auf täglich fällige Einlagen und nicht auf solche mit einer festen Zinsbindung bezieht.
  • Erleichterung bei Fremdwährungspositionen: Die bisherige Vorgehensweise sah vor, dass immer das Maximum aus +200 und -200 BP zu ermitteln ist und dann über alle Währungen zu addieren ist. Die Neufassung des Rundschreibens konkretisiert und modifiziert dies. Es wird klar eine Materialitätsschwelle von 5 % pro Währung benannt. Darunter muss dies nicht einbezogen werden. Wenn die so berücksichtigten Positionen weniger als 90 % der Vermögenswerte ausmachen, so sind auch Währungen unter der 5 % Marke einzubeziehen. Des Weiteren erfolgt die Addition nicht mehr über die Berechnung des Maximums, sondern konsistent über die Szenarien. Hat ein Institut bei +200 BP z. B. belastende Effekte in USD aber entlastende Effekte in GBP, so darf der letzte Effekt zu 50 % angesetzt werden.
  • Einführung einer Zinsuntergrenze: Es wird analog der EBA GL/2018/02 eine Zinsuntergrenze eingezogen, die bei -1,00 % im Geldmarktbereich beginnt, mit -0,95 % im 1-Jahres-Bereich fortgesetzt wird und dann pro Laufzeitjahr um weitere 0,05 % steigt, bis im Jahr 20 eine Untergrenze von 0,00 % erreicht ist. Dies ist im aktuellen Rundschreiben 9/2018 noch anders: negative Zinsen blieben negativ, führte ein Zinsszenario zu einem Zins unter 0 %, so wurde bei 0 % gekappt.

SEMINARTIPPS

Neue RTF-Praxis:(un)sachgerechte adverse Szenarien als Herausforderung, 24.10.2019, Frankfurt/M.

Barwert(nahe) Steuerung im neuen RTF-Leitfaden für Praxis & Prüfung, 06.11.2019, Hamburg.

Update 2019: BaFin-Rundschreiben zum Zinsänderungsrisiko im                                                               Anlagebuch, 07.11.2019, Hamburg.

                                              Depot A-Risiken: Wirksame Frühwarnverfahren & Stresstests                                                                    (-Szenarien), 14.11.2019, Frankfurt/M.

3. Kritische Würdigung der Neuerungen

Abbildung 1 fasst die Neuerungen zusammen und würdigt diese kritisch aus Sicht eines deutschen LSI. Zudem werden erste Handlungsimplikationen für die Praxis gegeben.

Abbildung 1: Würdigung der Neuerungen des Rundschreiben-Entwurfes sowie erste Handlungsimplikationen

In Summe sind die Neuerungen neutral zu werten. Das Rundschreiben ist eine konsistente Umsetzung der Anforderungen der EBA GL/2018/02. Einige Kritikpunkte verbleiben jedoch, wie Abbildung 1 zeigt. Gleichwohl muss angemerkt werden, dass sich diese eher auf die EBA GL/2018/02 beziehen – die BaFin hat wenig Spielraum, von diesen abzuweichen.

4. Fazit und Ausblick auf die Zukunft

Der Entwurf des BaFin Rundschreibens setzt weite Teile der EBA GL/2018/02 in deutsches Recht um. Es ist positiv zu sehen, dass die EBA GL/2018/02 nicht einfach 1:1 in Kraft gesetzt werden, wie es oftmals schon geschieht, sondern dass diese an die deutschen Gegebenheiten angepasst wurden. So wird z. B. das Thema der Credit Spreads, welche in den EBA GL/2018/02 schon erwähnt werden, hier explizit ausgeklammert. Auch die Aspekte der EBA GL/2018/02, die sich mit der Schwankung der Nettozinserträge beschäftigen, werden im Rundschreiben-Entwurf nicht behandelt. Vermutlich lässt sich dies damit begründen, dass weite Teile über die MaRisk und den neuen Risikotragfähigkeitsleitfaden abgedeckt sind.

Negativ zu sehen ist die Einführung des Frühwarnindikators und deren schärfere Berechnung in Bezug auf das Kernkapital. Den deutschlandspezifischen Besonderheiten der § 340 f HGB Reserven wird hierdurch nicht Rechnung getragen und es besteht die Gefahr, dass das Zinsänderungsrisiko weiter begrenzt wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Aufsicht diesen Aspekt im Rahmen der Konsultation aufgreift. Zudem ist zu hoffen, dass sie hier mit Augenmaß agieren wird und Institute nicht aufgrund eines methodisch eher groben Frühwarnindikators unnötigerweise in der Ausprägung des Zinsänderungsrisikos begrenzt.

PRAXISTIPPS

  • Setzen Sie die EBA-Zinsszenarien schon heute in Ihrer Steuerung um. Betrachten Sie auch die Effekte der ungekappten Zinsszenarien.
  • Überlegen Sie strategisch, wie das Verhältnis Kernkapital zu Eigenmitteln sein soll.
  • Machen Sie sich frühzeitig Gedanken zur Modellierung der notleidenden Kredite.
  • Prüfen Sie die Modellierung Ihrer Finanzanlagen schon jetzt.
  • Prüfen Sie, ob die Änderung in der Modellierung von Fremdwährungsrisiken Auswirkungen auf Ihr Institut hat.
  • Überdenken Sie, ob Sie im Kontext von SREP den Frühwarnindikator reißen wollen oder nicht.

LITERATURHINWEISE
BaFin (2018.05a): Anschreiben zum Rundschreiben 9/2018 – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2017/0001, 24.05.2018.

BaFin (2018.05b): Rundschreiben 9/2018 (BA) – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch. GZ: BA 55-FR 2232-2017/0001, 24.05.2018.

BaFin (2018.12): Diskussionspapier Rundschreiben N.N./2019 Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2019/0001, 28.12.2018.

BaFin (2019.03a): Anschreiben zur Konsultation 06/2019 – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, Entwurf der Neufassung des Rundschreibens 9/2018 (BA) für Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2019/0001, 29.03.2019, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Konsultation/2019/kon_06_19_Rundschreiben_ZAER.html, Abfrage vom 20.04.2019.

BaFin (2019.03b): Rundschreiben N.N./2019 – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2019/0001, 29.03.2019, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/Konsultation/2019/dl_kon_19_06_RS_ZAER.pdf?__blob=publicationFile&v=4, Abfrage vom 20.04.2019.

BCBS (2016): Standards – Interest rate risk in the banking book, BCBS 368, April 2016, erhältlich auf: http://www.bis.org/bcbs/publ/d368.pdf, Abfrage vom 30.11.2018.

EBA (2018): Leitlinien zur Steuerung des Zinsänderungsrisikos bei Geschäften des Anlagebuchs, EBA/GL/2018/02, 19.07.2018, erhältlich auf: https://eba.europa.eu/documents/10180/2537150/Guidelines+on+the+management+of+IRRBB+%28EBA-GL-2018-02%29_COR_DE.pdf, Abfrage vom 20.04.2019.

Picker, M./Franke, T./Kreitlein, S. (2019): Update des BaFin-Rundschreibens zum Zinsänderungsrisiko Angleichung der BaFin-Anforderungen zur Berechnung des Ausreißertests an das neue Regelwerk der EBA (EBA/GL/2018/02), erhältlich auf: https://bankinghub.de/banking/steuerung/update-bafin-rundschreiben-zinsaenderungsrisiko, Abfrage vom 19.04.2019.

Reuse, S. (2019, Hrsg.): Zinsrisikomanagement, 3. Auflage, Heidelberg 2019.

  1. Stand 27.04.2019. Der Artikel stellt die persönliche Meinung des Verfassers dar, die nicht notwendigerweise mit der des Arbeitgebers übereinstimmen muss.

 

Beitragsnummer: 70656