Integrierte Liquiditätsrisikosteuerung mit Meldewesendaten

Wie das Meldewesen mit der Banksteuerung zusammengeführt werden kann. Dr. Normen Rohde, Spezialist für Liquiditätsrisiko, Berliner Volksbank eG/Lisa-Marie Geray, Consultant Risk Advisory, Deloitte/Rouven Hartmann, Senior Manager Risk Advisory, Deloitte I. Meldewesendaten – eine Goldgrube an Informationen Die im Jahr 2007 aufgekommene Finanzmarktkrise führte insbesondere bei den deutschen Regionalbanken zu vergleichsweise geringen Schäden in Folge von atypisch hohen Refinanzierungskosten. Anders verhielt es sich bei Großbanken, welche insbesondere aufgrund ihrer Risiko- und Refinanzierungsprofile ungleich stärker belastet wurden. In Folge einer krisengetriebenen Entwicklung von liquiditätsbezogenen aufsichtlichen Vorgaben entstand eine Vielzahl von neuen, in Teilen inkonsistenten Anforderungen. Dies führte institutsübergreifend zu ansteigenden einmaligen wie auch laufenden Aufwendungen für die erforderliche IT-Infrastruktur sowie dem Aufbau und Erhalt des benötigten Fachwissens der verantwortlichen Mitarbeiter im Bereich des Meldewesens. Insbesondere Regionalbanken wurden aufgrund ihrer begrenzten personellen Möglichkeiten aber auch aufgrund vorhandener Abhängigkeiten (bspw. im IT-Bereich) vor Herausforderungen gestellt. In jüngster Zeit fordert die Aufsicht zudem eine enge Verzahnung zwischen dem Meldewesen (Säule I) sowie dem Risikomanagement (Säule II). Werden in diesem Zusammenhang die Informationen aus der normativen Säule-I-Perspektive sowie der ökonomischen Säule-II-Perspektive zusammengeführt, können sich Synergien ergeben, welche zur Senkung von Kosten beitragen können. Abbildung 1: Anstieg der zu meldenden Liquiditätsdaten seit 2011[1] Seit 2013 sind die ...

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Neufassung des Zinsrisiko-Rundschreibens 2019

Würdigung der Konsultation und Formulierung erster Handlungsimpulse[1]

Prof. Dr. Svend Reuse, MBA, Mitglied des Vorstandes, Kreissparkasse Düsseldorf. Zudem Honorarprofessor an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Fachbeirat im isf – Institute for Strategic Finance.

1. Zielsetzung dieses Beitrages

Schon mit der Veröffentlichung des Zinsrisiko-Rundschreibens 09/2018 war klar, dass bald eine weitere Neufassung im Hinblick auf die europäischen Papiere BCBS 368 und die EBA/GL/2018/02 erfolgen würde. Seit Ende 2018 ist die Neufassung des Zinsrisiko-Rundschreibens, welches beide Papiere in deutsches Recht umsetzen soll, in Arbeit. Seit dem 29.03.2019 befindet es sich offiziell in Konsultation. Die Konsultationsphase endet am 30.04.2019. Dieser Beitrag analysiert die Neuerungen des Rundschreibens und gibt erste Handlungsimplikationen für die Institute.

BUCHTIPP

 

Reuse (Hrsg.), Zinsrisikomanagement 3. Aufl. 2019.

 

2. Neuerungen des Zinsrisiko-Rundschreibens 2019

Das Rundschreiben weist gegenüber dem aktuell gültigen Rundschreiben fünf Neuerungen auf (vgl. auch Picker/Franke/Kreitlein (2019)).

  • Einführung eines Frühwarnindikators: So ist im ersten Schritt die Einführung eines Frühwarnindikators zu nennen. In Ergänzung zu den Parallelschocks werden vier weitere Zinsszenarien definiert, mit denen der Barwert des Instituts berechnet wird. Im Gegensatz zum Zinsschock wird der Bartwertverlust jedoch nicht in Relation zu den Eigenmitteln berechnet, sondern ins Verhältnis zum Kernkapital gesetzt. Die Grenze liegt hier auch nicht bei 20 %, sondern bei 15 %.
  • Berücksichtigung notleidender Forderungen: Neu ist, dass nunmehr auch notleidende Forderungen in die Modellierung der Cashflows einbezogen werden müssen, wenn diese 2 % in Bezug auf den gesamten Kreditbestand übersteigen. Diese Darlehen müssen „als allgemeine zinssensitive Instrumente [einbezogen werden], deren Modellierung die Höhe der erwarteten Cashflows und deren zeitliches Auftreten widerspiegeln sollte (BaFin (2019.03b), S. 3)“. Bereits gebildete Wertberichtigungen sind bei der Modellierung der Cashflows zu berücksichtigen.
  • Einlagen von Finanzinstituten: Im Entwurf des Rundschreibens heißt es knapp: „Einlagen von Finanzinstituten sind als sofort fällig anzunehmen. (BaFin (2019.03b), S. 4)“. Eine trägere Modellierung, die bis jetzt in der Methodenfreiheit der Institute lag, ist folglich nicht mehr möglich. Im Rahmen der Konsultation sollte klargestellt werden, dass sich diese Modellierung nur auf täglich fällige Einlagen und nicht auf solche mit einer festen Zinsbindung bezieht.
  • Erleichterung bei Fremdwährungspositionen: Die bisherige Vorgehensweise sah vor, dass immer das Maximum aus +200 und -200 BP zu ermitteln ist und dann über alle Währungen zu addieren ist. Die Neufassung des Rundschreibens konkretisiert und modifiziert dies. Es wird klar eine Materialitätsschwelle von 5 % pro Währung benannt. Darunter muss dies nicht einbezogen werden. Wenn die so berücksichtigten Positionen weniger als 90 % der Vermögenswerte ausmachen, so sind auch Währungen unter der 5 % Marke einzubeziehen. Des Weiteren erfolgt die Addition nicht mehr über die Berechnung des Maximums, sondern konsistent über die Szenarien. Hat ein Institut bei +200 BP z. B. belastende Effekte in USD aber entlastende Effekte in GBP, so darf der letzte Effekt zu 50 % angesetzt werden.
  • Einführung einer Zinsuntergrenze: Es wird analog der EBA GL/2018/02 eine Zinsuntergrenze eingezogen, die bei -1,00 % im Geldmarktbereich beginnt, mit -0,95 % im 1-Jahres-Bereich fortgesetzt wird und dann pro Laufzeitjahr um weitere 0,05 % steigt, bis im Jahr 20 eine Untergrenze von 0,00 % erreicht ist. Dies ist im aktuellen Rundschreiben 9/2018 noch anders: negative Zinsen blieben negativ, führte ein Zinsszenario zu einem Zins unter 0 %, so wurde bei 0 % gekappt.

SEMINARTIPPS

Neue RTF-Praxis:(un)sachgerechte adverse Szenarien als Herausforderung, 24.10.2019, Frankfurt/M.

Barwert(nahe) Steuerung im neuen RTF-Leitfaden für Praxis & Prüfung, 06.11.2019, Hamburg.

Update 2019: BaFin-Rundschreiben zum Zinsänderungsrisiko im                                                               Anlagebuch, 07.11.2019, Hamburg.

                                              Depot A-Risiken: Wirksame Frühwarnverfahren & Stresstests                                                                    (-Szenarien), 14.11.2019, Frankfurt/M.

3. Kritische Würdigung der Neuerungen

Abbildung 1 fasst die Neuerungen zusammen und würdigt diese kritisch aus Sicht eines deutschen LSI. Zudem werden erste Handlungsimplikationen für die Praxis gegeben.

Abbildung 1: Würdigung der Neuerungen des Rundschreiben-Entwurfes sowie erste Handlungsimplikationen

In Summe sind die Neuerungen neutral zu werten. Das Rundschreiben ist eine konsistente Umsetzung der Anforderungen der EBA GL/2018/02. Einige Kritikpunkte verbleiben jedoch, wie Abbildung 1 zeigt. Gleichwohl muss angemerkt werden, dass sich diese eher auf die EBA GL/2018/02 beziehen – die BaFin hat wenig Spielraum, von diesen abzuweichen.

4. Fazit und Ausblick auf die Zukunft

Der Entwurf des BaFin Rundschreibens setzt weite Teile der EBA GL/2018/02 in deutsches Recht um. Es ist positiv zu sehen, dass die EBA GL/2018/02 nicht einfach 1:1 in Kraft gesetzt werden, wie es oftmals schon geschieht, sondern dass diese an die deutschen Gegebenheiten angepasst wurden. So wird z. B. das Thema der Credit Spreads, welche in den EBA GL/2018/02 schon erwähnt werden, hier explizit ausgeklammert. Auch die Aspekte der EBA GL/2018/02, die sich mit der Schwankung der Nettozinserträge beschäftigen, werden im Rundschreiben-Entwurf nicht behandelt. Vermutlich lässt sich dies damit begründen, dass weite Teile über die MaRisk und den neuen Risikotragfähigkeitsleitfaden abgedeckt sind.

Negativ zu sehen ist die Einführung des Frühwarnindikators und deren schärfere Berechnung in Bezug auf das Kernkapital. Den deutschlandspezifischen Besonderheiten der § 340 f HGB Reserven wird hierdurch nicht Rechnung getragen und es besteht die Gefahr, dass das Zinsänderungsrisiko weiter begrenzt wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Aufsicht diesen Aspekt im Rahmen der Konsultation aufgreift. Zudem ist zu hoffen, dass sie hier mit Augenmaß agieren wird und Institute nicht aufgrund eines methodisch eher groben Frühwarnindikators unnötigerweise in der Ausprägung des Zinsänderungsrisikos begrenzt.

PRAXISTIPPS

  • Setzen Sie die EBA-Zinsszenarien schon heute in Ihrer Steuerung um. Betrachten Sie auch die Effekte der ungekappten Zinsszenarien.
  • Überlegen Sie strategisch, wie das Verhältnis Kernkapital zu Eigenmitteln sein soll.
  • Machen Sie sich frühzeitig Gedanken zur Modellierung der notleidenden Kredite.
  • Prüfen Sie die Modellierung Ihrer Finanzanlagen schon jetzt.
  • Prüfen Sie, ob die Änderung in der Modellierung von Fremdwährungsrisiken Auswirkungen auf Ihr Institut hat.
  • Überdenken Sie, ob Sie im Kontext von SREP den Frühwarnindikator reißen wollen oder nicht.

LITERATURHINWEISE
BaFin (2018.05a): Anschreiben zum Rundschreiben 9/2018 – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2017/0001, 24.05.2018.

BaFin (2018.05b): Rundschreiben 9/2018 (BA) – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch. GZ: BA 55-FR 2232-2017/0001, 24.05.2018.

BaFin (2018.12): Diskussionspapier Rundschreiben N.N./2019 Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2019/0001, 28.12.2018.

BaFin (2019.03a): Anschreiben zur Konsultation 06/2019 – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, Entwurf der Neufassung des Rundschreibens 9/2018 (BA) für Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2019/0001, 29.03.2019, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Konsultation/2019/kon_06_19_Rundschreiben_ZAER.html, Abfrage vom 20.04.2019.

BaFin (2019.03b): Rundschreiben N.N./2019 – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2019/0001, 29.03.2019, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/Konsultation/2019/dl_kon_19_06_RS_ZAER.pdf?__blob=publicationFile&v=4, Abfrage vom 20.04.2019.

BCBS (2016): Standards – Interest rate risk in the banking book, BCBS 368, April 2016, erhältlich auf: http://www.bis.org/bcbs/publ/d368.pdf, Abfrage vom 30.11.2018.

EBA (2018): Leitlinien zur Steuerung des Zinsänderungsrisikos bei Geschäften des Anlagebuchs, EBA/GL/2018/02, 19.07.2018, erhältlich auf: https://eba.europa.eu/documents/10180/2537150/Guidelines+on+the+management+of+IRRBB+%28EBA-GL-2018-02%29_COR_DE.pdf, Abfrage vom 20.04.2019.

Picker, M./Franke, T./Kreitlein, S. (2019): Update des BaFin-Rundschreibens zum Zinsänderungsrisiko Angleichung der BaFin-Anforderungen zur Berechnung des Ausreißertests an das neue Regelwerk der EBA (EBA/GL/2018/02), erhältlich auf: https://bankinghub.de/banking/steuerung/update-bafin-rundschreiben-zinsaenderungsrisiko, Abfrage vom 19.04.2019.

Reuse, S. (2019, Hrsg.): Zinsrisikomanagement, 3. Auflage, Heidelberg 2019.

  1. Stand 27.04.2019. Der Artikel stellt die persönliche Meinung des Verfassers dar, die nicht notwendigerweise mit der des Arbeitgebers übereinstimmen muss.

 

Beitragsnummer: 70656

 

Prozessorientierte Aufbauprüfung am Beispiel des Liquiditätsrisikomanagements

Ein Praxisansatz mit Fokus auf Prozessen und internem Kontrollsystem.

Dr. Karsten Geiersbach, Bereichsdirektor Interne Revision der Kasseler Sparkasse[1].

I. Einleitung

In der Prüferpraxis läuft man gelegentlich Gefahr, zum einen das Wesentliche nicht von dem Unwesentlichen zu trennen, zum anderen den „Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen“. Eine Hilfestellung bietet eine umfassende Systemanalyse des Prüfungsgebietes. Dies ermöglicht Zusammenhänge und Abhängigkeiten besser zu erkennen und zu beurteilen sowie visualisieren zu können. Umfasst eine Systemanalyse u. a. auch IT- und Datenkohärenz, so sind bereits wesentliche (Risiko-)Treiber für eine prozessorientierte Aufbauprüfung erfasst. Aufbauend auf diesen Rahmenbedingungen sollten spezifische Prüfungsfragen zum Risikomanagement, hier: Liquiditätsmanagement, behandelt werden. Für das Prüfungsergebnis müssen die Erkenntnisse aus beiden Teilgebieten verknüpft und beurteilt werden. In diesem Beitrag steht die Systemanalyse im Vordergrund, weil fachspezifische Checklisten in der Prüfungspraxis oftmals hinreichend bekannt sind.

II. Aufbauprüfung aus Prozesssicht

1. Revisions-Soll und Bank-Soll

In unseren Aufbauprüfungen beginnen wir mit der Analyse der Systeme, insbesondere des internen Kontrollsystems und der Prozesse sowie der IT-/Data-Governance[2]. Neben den fachlichen Prüfungsgrundlagen ist im ersten Schritt das Revisions-Soll zu bestimmen. Für das Liquiditätsrisikomanagement kommen im Wesentlichen in Betracht:

  • Basler Principles ...

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Mobilienfinanzierung: Risiken identifizieren, Chancen nutzen

Um in der Mobilienfinanzierung kein Geld zu verlieren, empfiehlt es sich, die Betrugsprävention im Rahmen einer ganzheitlichen Strategie zur Chefsache zu machen.

Frank Schottenheim, Director Financial Institutions, Risikomanagement, PS-Team Deutschland GmbH & Co. KG

     

I. Vom Risikomanagement zum risikobasierten Denken

Folgt man dem Qualitätsmanagement-Netzwerk DGQ[1], beziehen sich die wesentlichen Neuerungen der Neufassung der ISO 9001:2015 auf die Risiken und Chancen von Unternehmen. Statt eines Risikomanagements mit isolierten Qualitätsmethoden wie der FMEA (Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse), fordert die Norm ein „risikobasiertes Denken“, das neben „bösen“ auch „gute“ Risiken kennt. Letztere „werden als Chancen bezeichnet. Risiken und Chancen sind oftmals direkt miteinander verbunden. Wer unternehmerisch tätig ist, der tut dies, um Chancen auf dem Markt zu nutzen. Dabei entstehen aber auch Risiken. Das Unternehmen muss für sich selbst abwägen, welche Risiken es akzeptieren und welche Chancen es nutzen will.“ Dieses Wechselspiel drückt sich aus in einem „risikobasierten Denken“, aus dem „Maßnahmen im Umgang mit den Chancen und Risiken“ abgeleitet werden. „Die Maßnahmen müssen dazu führen, dass die Risiken und Chancen gemanagt werden. Risiken werden dadurch reduziert, vorbeugend vermieden, geteilt oder akzeptiert. Chancen werden durch die ...


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Verlustfreie Bewertung des Zinsbuchs nach IDW und neuem RTF-Leitfaden

Björn Butte, Partner Financial Services, BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Das Institut der Wirtschaftsprüfer („IdW“) hat Ende 2017 (verabschiedet am 16.10.2017) den Rechnungslegungsstandard über die verlustfreie Bewertung von zinsbezogenen Geschäften des Bankbuchs (IDW RS BFA 3 n.F.) aktualisiert. Erstmals ist die neue Fassung auf Jahresabschlüsse nach dem 31.12.2017, d. h. bei kalendergleichem Geschäftsjahr auf den Jahresabschluss zum 31.12.2018 anzuwenden. In 2018 wurde von Bafin und Bundesbank zudem der Leitfaden über die „Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte und deren prozessuale Einbindung in die Gesamtbanksteuerung“ (RTF-Leitfaden) grundlegend überarbeitet. Beide Änderungen geben Anlass die vorhandenen Prozesse zur Bewertung des Zinsbuches zu überprüfen.

IDW BFA 3 n.F. – wesentliche Änderungen

Unverändert ist Zweck des BFA 3, Hinweise zu geben, wann aus dem Zinsgeschäft ggf. ein Verlust droht, der nach handelsrechtlichen Grundsätzen zurückzustellen ist. In vielen Fällen enthält BFA 3 n.F. Klarstellungen zu bereits in der Praxis regelmäßig anwendeten Handhabungen, die nun auch formal in BFA 3 aufgenommen wurden. Hierzu zählen z. B. die Themen Berücksichtigung von Risikokosten, von Hybridkapital oder auch „negative“ Zinsen. Des Weiteren wurden erstmals Hinweise zu den bilanziellen Folgen von Umwidmungen von Geschäften in bzw. aus dem Bankbuch aufgenommen.

Materiell bedeutsam dürfte dagegen die Neuregelung der – nicht mehr in den Saldierungsbereich – einzubeziehenden Zinsderivate sein. BFA 3 regelt in Bezug auf Derivategeschäfte nunmehr explizit, dass diese nur dann in das rechnungslegungsrechtlich relevante Zinsbuch (d. h. den Saldierungsbereich) einbezogen werden dürfen, wenn sich diese auch objektiv für eine Sicherungsbeziehung qualifizieren. Die rein gemeinsame Steuerung dieser Geschäfte im Rahmen der Zinsbuchsteuerung ist dagegen kein hinreichendes Kriterium mehr. Zinsderivaten wird die objektive Eignung als Sicherungsgeschäft dann abgesprochen, wenn Ihre Laufzeit deutlich über der des Bestandsgeschäftes liegt (sog. langlaufende Zinsswaps). Deutlich wird, dass es sich um eine relative und nicht eine absolute Schwelle handelt. Zinsswaps die nach BFA 3 n.F. nicht mehr in das rechnungslegungsrechtliche Zinsbuch integriert werden dürfen, sind zukünftig nach denn allg. Regeln für Derivate – d. h. soweit keine sonstigen Bewertungseinheiten gebildet wurden – einzeln und imparitätisch zu bewerten und im Jahresabschluss abzubilden. Institute tun gut daran, Kriterien aufzustellen und Vorkehrungen zu treffen, um potentiell aus dem Zinsbuch entfallende Geschäfte zu identifizieren und die Auswirkungen zu bewerten. Bei der „Einstufung“ als langlaufend kommt es nicht auf den Zeitpunkt der Ersteinstufung an, sondern diese ist regelmäßig neu zu überprüfen und festzusetzen.

Der neue RTF-Leitfaden

Die bisherige Unterscheidung der RTF-Konzepte in „going concern“ und „gone concern“ wird grundsätzlich aufgegeben. Auch wenn bis auf weiteres der Going Concern-Ansatz alter Prägung noch zulässig sein wird, zeigt der Leitfaden deutlich den künftigen Weg auf: Aufsichtlich präferiertes Verfahren ist die sog. ökonomische Perspektive, die – vorbehaltlich von Detailvorgaben – grundsätzlich auf dem Gone Concern-Konzept aufsetzt. Während der Wert des Zinsbuches sowie dessen ungeplante Wertschwankungen in den in Deutschland von vielen Instituten verfolgten Going Concern-Ansätzen keine bis geringe Bedeutung hatten, dürfte sich das bei einem Wechsel auf die ökonomische Perspektive diametral ändern. Die Risikodeckungsmasse ist – vorbehaltlich von Vereinfachungen – grundsätzlich barwertig zu bestimmen, entsprechend groß werden die Bedeutung und der Einfluss des Werts des Zinsbuches sein. Bei den Risikobeträgen gilt entsprechend, dass dann ein unerwarteter Verlust des Zinsbuches zu berücksichtigen ist.

SEMINARTIPPS

Neuausrichtung Risikotragfähigkeit – Fallstricke & Herausforderungen, 26.03.2019, Frankfurt/M.

Verlustfreie Bewertung des Zinsbuchs laut RTF-Leitfaden & IDW-Standard, 27.03.2019, Frankfurt/M.

Herausforderung: Daten-Verzahnung Controlling, Melde- & Rechnungswesen, 16.10.2019, Köln.

Übergang Going Concern-Ansatz auf neue normative RTF-Perspektive, 22.10.2019, Frankfurt/M.

Folgen der neuen aufsichtlichen Zinsszenarien für Zinsrisikosteuerung, 07.11.2019, Hamburg.

Auf Grund der zeitpunktbezogenen (statischen) Ermittlung der Risikodeckungsmasse ohne Neugeschäft erscheint es schwer zu begründen, wenn für Zwecke der Rechnungslegung bzw. der Risikodeckungsmasse abweichende Marktwerte für das Zinsbuch ermittelt werden. Zumindest werden sich Fragen zur Erläuterung und Überleitung stellen. In Fußnote 8 zu Tz. 40 weist auch der RTF-Leitfaden darauf hin, dass das BFA 3-Verfahren regelmäßig auch für die Risikotragfähigkeit herangezogen werden kann. Zu beachten ist allerdings, dass in die RTF-Rechnung sämtliche zinstragenden Geschäfte einzufließen haben, ungeachtet ob sie in der Grundgesamtheit der für die handelsrechtliche verlustfreie Bewertung berücksichtigungsfähig sind oder nicht.

Die ökonomische Perspektive der RTF-Rechnung wird ergänzt um eine sog. normative Perspektive, die im Wesentlichen eine Kapitalplanung darstellt und von den regulatorischen Kennzahlen und deren Berechnungsmethoden ausgeht. Neben einem Basis(plan)-Szenario ist zumindest ein adverses Szenario abzubilden. Bei der Fortschreibung des regulatorischen Kapitals durch geplante Überschüsse ist – je nach bisheriger Höhe der Reserven/Lasten im Zinsbuch und erwarteter Zinsentwicklung z. B. in den adversen Szenarien – auch das Erfordernis einer Berücksichtigung einer Rückstellung nach BFA 3 zu überprüfen.

PRAXISTIPPS

  • Institute sind gut beraten, die Auswirkungen von normativer und ökonomischer Perspektive frühzeitig zu analysieren und ggf. eine Umstellung des RTF-Konzepts in Erwägung zu ziehen.
  • Institute sollten prüfen, ob und inwieweit interne Bewertungsmethoden für handelsrechtliche Zwecke und die Risikotragfähigkeit vereinheitlicht werden können.
  • Soweit abweichende Modelle nicht vermieden werden können, sollten Institute in der Lage sein ggf. unterschiedliche Werte überzuleiten und zu erklären.

 

Beitragsnummer: 54219

Liquiditätsrisiko-Steuerung in den neuen MaRisk

Gemeinsamkeiten mit aufsichtsrechtlichen Anforderungen nutzen.

Tobias Westbrock, Referent Risikocontrolling, Institutssteuerung, abcbank Köln

Die MaRisk-Novelle vom 27.10.2017 führt in BTR 3 einige Neuerungen für das Liquiditätsrisiko ein, die ihm eine ähnliche Bedeutung zukommen lassen wie bereits seit Jahren der kapitalorientierten Risikotragfähigkeit. Damit wird auch für LSIs eine Art ILAAP (Internal Liquidity Adequacy Assessment Process) light eingeführt und die Wichtigkeit der Liquiditätsadäquanz in der heutigen Bankenwelt hervorgehoben.

Erfreulicherweise gehen diese Neuerungen einher mit ebenfalls neuaufgelegten und erweiterten aufsichtsrechtlichen Anforderungen an das Liquiditätsreporting im Rahmen der AMM (Additional Monitoring Metrics for Liquidity Reporting), das bereits eine Datengrundlage mitbringt, auf die zurückgegriffen werden kann.

 

 SEMINARTIPPS

Liquiditätsrisiko-Steuerung: Neue Vorgaben & Herausforderungen, 28.03.2019, Frankfurt/M.

Liquiditätsmeldewesen 2019: Verschärfte Vorgaben & Umsetzungsprobleme, 09.04.2019, Frankfurt/M.

Herausforderung: Verzahnung zwischen Kapital- und Liquiditätsplanung, 14.05.2019, Köln.

Neues ICAAP- & ILAAP-Reporting, 23.10.2019, Frankfurt/M.

Neue RTF-Praxis:(un)sachgerechte adverse Szenarien als Herausforderung, 24.10.2019, Frankfurt/M.

 

Überlebenshorizonte & Stresstests

So eignet sich beispielsweise die Maturity Ladder (C66) hervorragend dazu, sowohl den Anforderungen an eine kurz-, mittel- und langfristige Liquiditätsübersicht gerecht zu werden (BTR 3.1 Tz. 3), als auch Stressszenarien im Bereich der Liquidität zu modellieren (BTR 3.1 Tz. 8). Verbindet man die Abläufe der Maturity Ladder mit den Abflussfaktoren der LCR, so ergibt sich z. B. ein kombiniertes Szenario, das institutseigene und marktweite Ursachen berücksichtigt.

Diversifikation

Auch hinsichtlich der Anforderung an die Diversifikation der Refinanzierungsquellen (BTR 3.1 Tz. 1) können die Meldebögen der AMM herangezogen werden. Speziell die Meldungen C67Konzentration der Finanzierung nach Gegenparteien, C68Konzentration der Finanzierung nach Produktarten und C69Kosten für unterschiedliche Finanzierungszeiträume beleuchten verschiedene Ausprägungen, in denen das eigene Passivgeschäft Konzentrationen aufweisen könnte.

 

 BUCHTIPP

Normen Rohde: Liquiditätsrisikomanagement deutscher Regionalbanken unter ganzheitlicher Betrachtung der drei Baseler Säulen, 2017.

 

 

Belastete Vermögensgegenstände

Nicht zuletzt kann auch jenseits der AMM die Datengrundlage der Asset Encumbrance-Meldung ein Hilfsmittel für die Identifikation von belasteten Vermögensgegenständen (BTR 3.1 Tz. 4) darstellen und die Aufnahme der Asset Encumbrance Ratio in das interne Berichtswesen einen Beitrag zur Überwachung dieses Sachverhaltes leisten.

PRAXISTIPPS

  • Identifikation der für das Meldewesen bereits erhobenen Daten.
  • Synchronisierung der Vorgehensweisen zwischen Risikosteuerung und aufsichtsrechtlichen Meldungen erleichtert Kommunikation mit den Aufsehern.

 

Beitragsnummer: 46516

Risikoinventur im Kontext des neuen Risikotragfähigkeit-Leitfadens

Prof. Dr. Svend Reuse, MBA, Bereichsleiter Gesamtbanksteuerung, Stadtsparkasse Remscheid, Honorarprofessor an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Fachbeirat im isf – Institute for Strategic Finance[1]

Die Risikoinventur ist seit Jahren in den MaRisk geregelt und gelebte Praxis in den Instituten. Mit dem neuen RTF-Leitfaden wird es jedoch zu Neuerungen kommen, da die Begriffe Going- und Gone Concern künftig nicht mehr existieren. Die klassische periodische Sichtweise wird durch die normative Sicht abgelöst, was wiederum neue methodische Aspekte mit sich bringt. Dieser Beitrag analysiert die Anforderungen an die erweiterte Risikoinventur und gibt erste Praxishinweise.

Die grundlegenden Anforderungen der Risikoinventur sind in AT 2.2, Tz 1 und 2 geregelt, wobei in den MaRisk 6.0 keine Modifikationen vorgenommen worden sind. Der neue RTF-Leitfaden ergänzt dies jedoch an mehreren Stellen. So heißt es in Tz. 17: „In der Risikoinventur nach AT 2.2 MaRisk sind insbesondere auch solche Risiken zu berücksichtigen, die sich u.U. erst im Zeitablauf, d.h. nach Ablauf des einjährigen Risikobetrachtungshorizonts der Risikotragfähigkeitsrechnung materialisieren bzw. materialisieren können (z.B. Zinsänderungsrisiken).“ Dies bedeutet, dass vor allem in der normativen Sicht, die im Wesentlichen einer gestrafften Kapitalplanung ohne Limitierung entspricht, die ökonomische Wertänderung des Zinsänderungsrisikos im Zeitablauf entsprechend modelliert werden muss.

Die größte Neuerung findet sich jedoch in Tz. 30: Wesentliche Risiken, die in der ökonomischen Perspektive sichtbar werden, sind dahingehend zu analysieren, wie sie sich auf zukünftige GuV-, Eigenmittel- und Gesamtrisikobetrag-Positionen auswirken können und diese Auswirkungen sind quantitativ zu berücksichtigen.“ Folglich findet hier bei enger Auslegung eine Art Umkehr der Steuerungssicht statt. Risiken aus der ökonomischen Sicht sollen adäquat in GuV, Eigenmittel und risikogewichtete Aktiva transformiert werden. Diese Art des Denkens ist neu und bisher in den meisten Risikoinventuren so nicht verankert.

 SEMINARTIPPS

Neuausrichtung Risikotragfähigkeit – Fallstricke & Herausforderungen, 26.03.2019, Frankfurt/M.

Neue ganzheitliche Risikoinventur nach MaRisk, 27.03.2019, Köln.

FCH Fit & Proper VORSTAND: Risikomanagement, 06.05.2019, Berlin.

 

Folglich bietet es sich an, die Risikoinventur parallel über beide Risikosichten durchzuführen. Während die Wesentlichkeit in der ökonomischen Sichtweise wie bisher auf Basis des Risikodeckungspotenzials oder der Eigenmittel bzw. Barwerte erfolgen kann, muss aus Sicht des Autors in der normativen Sicht auf die Risikogewichte abgestellt werden. Hierdurch kann sich die Wesentlichkeitsdefinition deutlich ändern. Abbildung 1 visualisiert einen ersten Prototyp einer Risikoinventur, der diese Ideen berücksichtigt.

Abbildung 1: Umsetzungsbeispiel einer neuen Risikoinventur

Während die ökonomische Sichtweise weiterhin mit den Begriffen „Höhe“ und „Eintrittswahrscheinlichkeit“ arbeitet, muss dies in der normativen Sicht anders formuliert werden. Die Höhe bezieht sich nunmehr auf den Anteil an den risikogewichteten Aktiva, das Variationsrisiko beschreibt die mögliche Schwankung der RWA. Die Multiplikation beider Werte ergibt dann den Scorewert. Es ist zu erkennen, dass die Werte je nach Sichtweise unterschiedlich ausfallen können.

 BUCHTIPP

Janßen/Riediger (Hrsg.): Praktikerhandbuch Risikoinventur, 2015.

 

 

Letztlich kann durch diese Art der Risikoinventur das adverse Szenario in Teilen hergeleitet werden. Die „Kür“ wäre sicherlich die Überleitung der ökonomischen Werte in die normative Sicht, auch wenn dies nicht explizit vorgeschrieben ist (Tz. 65-67). Dann wäre eine konsistente Steuerung auf 99,9 % in beiden Sichtweisen gegeben.

Die Notwendigkeit einer Modifikation der Risikoinventur wird erst auf den zweiten Blick klar. Dies bietet den Instituten jedoch auch die Chance, die in die Jahre gekommene Risikoinventur zu überarbeiten und sich mit den neuen Perspektiven der Risikotragfähigkeit auseinanderzusetzen, denn letztendlich beginnt der jährliche Risikosteuerungsprozess immer mit der Risikoinventur, auf der alles aufbaut. Die Institute sind gut beraten, sich frühzeitig mit diesen Aspekten auseinanderzusetzen. Vor allem im Kontext von Basel IV kann die normative Sicht mehr Fallstricke beinhalten, als heute offensichtlich ist.

PRAXISTIPPS

  • Setzen Sie sich frühzeitig mit der Umsetzung der neuen Anforderungen auseinander – die Übergangsfristen können kürzer sein, als Sie denken.
  • Testen Sie eine Risikoinventur analog des genannten Beispiels – erhalten Sie neue Impulse?
  • Integrieren Sie erste Ideen aus Basel IV.
  • Setzen Sie auf die Unterstützung Ihrer Verbände – diese können Know-how und Entwicklung bündeln.

LITERATURHINWEISE

BaFin (2017.10a): Anschreiben zur Veröffentlichung der MaRisk 6.0, GZ: BA 54-FR 2210-2017/0002, 27.10.2017, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/Rundschreiben/dl_rs0917_marisk_anschreiben_pdf_ba.pdf?__blob=publicationFile&v=3, Abfrage vom 26.11.2017.

BaFin (2017.10b): Rundschreiben 09/2017 (BA) vom 27.10.2017, Anl. 1: Erläuterungen zu den MaRisk in der Fassung vom 27.10.2017, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/Rundschreiben/dl_rs0917_marisk_Endfassung_2017_pdf_ba.pdf?__blob=publicationFile&v=5, Abfrage vom 26.11.2017.

BaFin (2018.05a): Anschreiben: Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte; Veröffentlichung der Endfassung des aufsichtlichen Leitfadens, GZ: BA 54-FR 2210-2018/0004, 24.05.2018, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/Anlage/dl_180524_rtf_leitfaden_anschreiben.pdf?__blob=publicationFile&v=1, Ab-frage vom 24.05.2018.

BaFin (2018.05b): Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte und deren prozessualer Einbindung in die Gesamtbanksteuerung (»ICAAP«) – Neuausrichtung, 24.05.2018, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/Anlage/dl_180524_rtf-leitfaden_veroeffentlichung.pdf?__blob=publicationFile&v=1, Abfrage vom 24.05.2018.

Reuse, S. (2016, Hrsg.): Praktikerhandbuch Risikotragfähigkeit, 2. Auflage, Heidelberg 2016.

Reuse, S. (2017): MaRisk 6.0 – Würdigung der finalen Version vom 27.10.2017, Darstellung von Umsetzungsempfehlungen und Aufbau eines Projektplans, in: Banken-Times Spezial Sonderausgabe MaRisk – November, erhältlich auf: https://www.fc-heidelberg.de/banken-times-spezial-sonderausgabe-marisk-2/?print=print, Abfrage vom 07.11.2017.

Reuse, S. (2019-E, Hrsg.): Zinsrisikomanagement, 3. Auflage, Heidelberg 2019.

  1. Der Beitrag stellt die persönliche Meinung des Verfassers dar, die nicht notwendigerweise mit der des Arbeitgebers übereinstimmen muss.

Beitragsnummer: 46488

Verlustfreie Bewertung des Zinsbuchs nach IDW und neuem RTF-Leitfaden

Dominik Leichinger, Prüfungsleiter, Referat Bankgeschäftliche Prüfungen 2, Deutsche Bundesbank, Hauptverwaltung in NRW[1]

IDW RS BFA 3

Das IDW hat am 16.10.2017 eine aktualisierte Stellungnahme zu „Einzelfragen der verlustfreien Bewertung von zinsbezogenen Geschäften des Bankbuchs (Zinsbuch)“ (IDW RS BFA 3) veröffentlicht. Demnach sind alle zinsbezogenen Finanzinstrumente des Bankbuchs zu jedem Abschlussstichtag in ihrer Gesamtheit verlustfrei zu bewerten. Dies bedeutet, dass bei der Bewertung nicht der Zinssatz einer einzelnen Position, sondern vielmehr die Zinsmarge als Differenz der Verzinsungsansprüche von Aktiv- und Refinanzierungspositionen maßgeblich für die Bewertung ist. Besteht aus den am Abschlussstichtag noch offenen Zinsansprüchen und Zinsverpflichtungen (inkl. Risiko- und Verwaltungskosten) ein Verpflichtungsüberschuss, ist eine Drohverlustrückstellung gem. § 340a i.V.m. § 249 Abs. 1 HGB zu bilden.

Das i. S. d. BFA 3 zu bewertende Bankbuch ist abzugrenzen von der Gesamtheit der Positionen, die im Rahmen der Steuerung des gesamtbankbezogenen Zinsänderungsrisikos berücksichtigt werden. Demnach umfasst die verlustfreie Bewertung des Bankbuchs u. a. keine Zahlungsströme aus Pensionsverpflichtungen oder Geschäfte, die dem Handelsbuch zugeordnet sind sowie einzelnen Aktivpositionen direkt zugeordnete Refinanzierungen.

Als Bewertungsmethoden existieren mit dem GuV-orientierten sowie dem barwertigen Ansatz zwei – i. S. d. BFA 3 – gleichwertige Verfahren zur verlustfreien Bewertung des Bankbuchs. Ausgangsbasis für die Bewertung bilden grundsätzlich die vertraglich vereinbarten Zahlungsströme. Für Positionen mit unbestimmter Kapital- und/oder Zinsbindung sind angemessene Annahmen, in Übereinstimmung mit den methodischen Vorgehensweisen zur internen Messung von Zinsänderungsrisiken, zu treffen. Gleiches gilt für den Umgang mit in Positionen eingebettete Kündigungsoptionen.

Darüber hinaus sind für Zwecke der Überprüfung eines Rückstellungsbedarfs am Bewertungsstichtag bestehende Aktiv- und Passivüberhänge fiktiv zu schließen.

 SEMINARTIPPS

Verlustfreie Bewertung des Zinsbuchs laut RTF-Leitfaden & IDW-Standard, 27.03.2019, Frankfurt/M.

Prüfung Depot A-Geschäft, 16.05.2019, Köln.

Prüfung Meldewesen: Erweiterung PrüfbV & neuer IDW Prüfungsstandard, 17.10.2019, Köln.

Zinsrisiko-Steuerung 2020 in unsicheren Zeiten, 07.11.2019, Hamburg.

RTF-Leitfaden

Über die Anforderungen des IDW-Rundschreibens BFA 3 werden stille Lasten im Bankbuch für HGB-bilanzierende Institute über die Bildung einer Drohverlustrückstellung transparent. Insofern wirkt sich die Bildung einer solchen Drohverlustrückstellung auch auf das im Rahmen der Risikotragfähigkeitsermittlung zur Verfügung stehende Risikodeckungspotenzial aus. Dies gilt gleichermaßen für die Ableitung des Risikodeckungspotenzials in tradierten Going-Concern Ansätzen (Annex-Institut), wie auch für die normative Perspektive gemäß des überarbeiteten Leitfadens (Bundesbank/BaFin, Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte und deren prozessualer Einbindung in die Gesamtbanksteuerung („ICAAP“) – Neuausrichtung, 24.05.2018) zur Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte. Des Weiteren kann der methodische Ansatz zur verlustfreien Bewertung des Bankbuchs in der ökonomischen Perspektive herangezogen werden, um eine barwertnahe Ableitung des Risikodeckungspotenzials vorzunehmen.

Die Risikotragfähigkeitsanalyse zielt darauf ab zu beurteilen, inwieweit ein Institut in der Lage ist, schlagend werdende Risiken aus eigener Kraft abzudecken. Abweichend von der handelsrechtlichen Sichtweise zur verlustfreien Bewertung stellt sich unter Risikotragfähigkeitsgesichtspunkten vielmehr die Frage, ob bei Eintritt des Risikofalls (bezüglich des Zinsänderungsrisikos) eine Drohverlustrückstellung zu bilden wäre. Um diesen „Zweitrundeneffekt“ abzubilden, ist die verlustfreie Bewertung des Bankbuchs unter der Annahme des Risikoeintritts vorzunehmen.

Bezüglich der Messung von Zinsänderungsrisiken fordern die MaRisk 2017 sowohl eine periodenorientierte als auch eine barwertige Betrachtungsweise (BTR 2.3 Tz. 6). In diesem Zusammenhang erfolgt auch im Leitfaden zur Beurteilung von Risikotragfähigkeitskonzepten der Hinweis, dass die Bewertungsmethodik der verlustfreien Bewertung des Bankbuchs – unter Wahrung der Konsistenz zur Ableitung des Risikodeckungspotenzials – als Vereinfachung zur barwertigen Zinsänderungsrisikomessung herangezogen werden kann.

PRAXISTIPPS

  • Regelmäßige Analyse, inwieweit bei Eintritt des RTF-Risikoszenarios die Notwendigkeit zur Bildung einer Drohverlustrückstellung – i. S. d. BFA 3 – bestünde.
  • Konsistente Methodik bei der Modellierung variabler Produkte – sowohl für Zwecke der internen Risikomessung als auch zur verlustfreien Bewertung des Bankbuchs.
  • Nutzung der verlustfreien Bewertung des Bankbuchs als vereinfachte barwertige Betrachtungsweise zur schrittweisen Verknüpfung von normativer und ökonomischer Perspektive.

 

  1. Die in diesem Aufsatz vertretenen Auffassungen geben die persönliche Meinung des Autors wieder und sind nicht notwendigerweise Positionen der Deutschen Bundesbank oder einer anderen Bankenaufsichtsbehörde.

Beitragsnummer: 46475

Liquiditätsrisikomanagement für Kreditinstitute in Liquiditätsverbünden

Prüfung der Auswirkungen der neuen MaRisk auf Liquiditätsmanagement sowie Vornahme sinnvoller Anpassungen.

Thomas von Brasch, Spezialistenteam Gesamtbanksteuerung, AWADO Deutsche Audit GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steuerberatungsgesellschaft

I. Einleitung

In den neuen MaRisk sind auch bei den Liquiditätsrisiken unter dem BTR 3 einige Änderungen vorgenommen worden, welche zu Anpassungen im Vorgehen führen. Darüber hinaus ist seit 01.01.2018 die Liquiditätskennziffer weggefallen, welche bei vielen Kreditinstituten eine wesentliche Basis der Risikomessung dargestellt hat. Diese Veränderungen werden in diesem Beitrag thematisiert und pragmatische, mögliche neue Vorgehensweisen dargestellt. Dabei wird versucht, eine entsprechende Größenskalierung sowie die Einbindung des Instituts in einen Liquiditätsverbund bestmöglich zu berücksichtigen. Der Aufbau des Beitrags folgt den folgenden MaRisk-Textziffern in BTR 3.1, um die einzelnen Schritte darzustellen.

Abbildung 1: Übersicht über die Anforderungen an die Liquiditätsrisikomessung

II. Jederzeitige Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen

Gemäß der MaRisk BTR 3.1 Tz 1 hat das Kreditinstitut die jederzeitige Erfüllung von Zahlungsverpflichtungen zu gewährleisten, um mögliche Liquiditätsengpässe zu verhindern. Eine in Satz 2 bei Bedarf geforderte untertägige Liquiditätsrisikosteuerung sowie die in Satz 3 geforderte ausreichende Diversifikation der Refinanzierungsquellen wird durch die Einbindung in Liquiditätsverbünde i. d. R. bereits erfüllt. Zumindest wird diese Interpretation für Satz 3 explizit in den MaRisk eröffnet.

Die Gewährleistung der Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen wird insbesondere durch aufsichtliche Kennzahlen gewährleistet. In der Vergangenheit wurde hierzu nahezu ausschließlich die Liquiditätskennzahl gem. Liquiditätsverordnung verwendet. Heute sind gleich mehrere aufsichtliche Kennzahlen durch die Kreditinstitute einzuhalten. Die nunmehr bekannteste und mit dem größten Fokus belegte Kennzahl ist die LCR-Kennziffer. Eine Einhaltung wird regelmäßig durch die Banken überprüft und in vielen Fällen bei Bedarf vorab simuliert. Einige Banken setzen sogar ergänzende Stresstests auf die LCR-Kennziffer auf. Dies ist nach aktuell herrschender Meinung nicht notwendig. Die Überlegungen hierzu werden in Abschnitt 6 detaillierter thematisiert.

Neben den aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen sollte allerdings die betriebswirtschaftliche Liquidität betrachtet werden. Es ist gut, wenn das Meldewesen unauffällig ist. Allerdings ist dies irrelevant, wenn dem Kunden sein Geld nicht mehr ausbezahlt werden kann. Da das Meldewesen Annahmen unterliegt, die nicht zwingend der Realität entsprechen müssen, ist die betriebswirtschaftliche Perspektive mindestens genauso wichtig. Hierzu werden die bankinternen Liquiditätsquellen definiert und nach Beobachtung/Analyse definiert, wieviel hiervon mindestens als Puffer zur Verfügung stehen sollten. Im Ergebnis sind hierdurch die Anforderungen aus den MaRisk BTR 3.1 Tz 4 ebenfalls erfüllt. Als typische Liquiditätsquellen werden das Zentralbankkontokorrent, der Kassenbestand (insbesondere in der aktuellen Situation) und der Bestand an Eigengeschäften im Depot A verwendet. Die benötigte Höhe ist bankindividuell zu identifizieren, sollte aber konsistent zur Erfüllung der aufsichtlichen Kennzahlen sein. Ein Liquiditätspuffer, der zu einer LCR-Kennziffer von 50 % führen würde, ist nicht zielführend.

III. Identifikation von Liquiditätsengpässen

Dass ein sich abzeichnender Liquiditätsengpass frühzeitig identifiziert wird, wird i. d. R. durch Fälligkeitslisten sowie das Reporting der Liquiditätsrisiken gewährleistet. Entsprechende Frühwarnindikatoren, wie z. B. die Fälligkeitslisten, sind bankseitig zu implementieren. Bei der Simulation von Liquiditätsrisiken werden die Auswirkungen anderer Risikoarten durch die Wahl der Szenarien berücksichtigt. Die konkret genannten Reputationsrisiken werden z. B. durch den vermehrten Abzug von Kundeneinlagen simuliert, da die Einleger Ungewissheit bzgl. der Sicherheit ihrer Einlagen hätten. Reputationsrisiken können aber auch am Kapitalmarkt durch höhere Spreadaufschläge bei der Refinanzierung auftreten, wie sie bei der Finanzmarktkrise 2007 zu erkennen waren.

IV. Aussagekräftige Liquiditätsübersichten

Die meistdiskutierte Textziffer der MaRisk BTR 3.1 ist die Nummer 3. Sie beschäftigt sich mit der Anforderung, dass über einen geeigneten Zeitraum eine oder mehrere aussagekräftige Liquiditätsübersichten bankseitig erstellt werden sollen. Die Liquiditätsübersichten sind dadurch charakterisiert, dass die erwarteten Mittelzu- und -abflüsse gegenübergestellt werden. In der Vergangenheit wurde dies regelmäßig in Sonderprüfungen von Kreditinstituten in Liquiditätsverbünden nicht weiter nachverfolgt. Der Grund hierfür liegt vermutlich darin, dass die Anforderung durch die Einhaltung und Überwachung der Liquiditätskennziffer grundsätzlich gewährleistet war. Fraglich ist, ob sich durch die Neugestaltung der Textziffer an dieser Interpretation etwas geändert hat. Zumindest ist die Liquiditätskennziffer nicht mehr verfügbar. Aber es wird derzeit diskutiert, ob nicht zumindest für kleine Kreditinstitute die Anforderungen dieser Textziffer weiterhin durch die aufsichtlichen Kennziffern im Meldewesen erfüllt werden. In der aktuellen Interpretation zeigt sich, dass für größere Kreditinstitute die Anforderung vermutlich nicht mehr durch die aufsichtlichen Kennzahlen erfüllt wird. Hier sind entsprechend tiefergehende Überlegungen anzustellen.

Explizit wurde in der neuen Fassung der MaRisk die Thematik der Zeitbänder neu gestaltet. Um die Liquiditätslage in dem kurz-, mittel- und langfristigen Bereich angemessen darzustellen, sollte eine Berücksichtigung in den betriebsüblichen Steuerungsinstrumenten erfolgen. Das langfristige Zeitband wird vornehmlich durch die Betrachtung der Liquiditätslage in der Eckwertplanung angemessen berücksichtigt werden. Wenn im 4. oder 5. Jahr die LCR-Kennziffer durch das Institut eingehalten wird und noch ausreichend Liquiditätspuffer betriebswirtschaftlicher Natur vorhanden ist, sollte dieses Zeitband ausreichend erfüllt sein. Das mittelfristige Zeitband sollte mit den gleichen Überlegungen und Betrachtungen mit der operativen Planung der nächsten ein bis zwei Jahre erfüllt sein. Kurzfristig dienen die Ertragsvorschaurechnung, das Liquiditätsreporting und die Überwachung der Einhaltung der aufsichtlichen Kennziffern zur Erfüllung der Anforderungen. Da zumindest in dieser Textziffer nur auf die Ausrichtung der Betrachtungen in normalen Marktphasen abgestellt wird, sollte die Einbindung in die Planungssimulationen mit diesen Annahmen ausreichend sein. Somit wäre der Aufwand zur Einrichtung einer entsprechenden Betrachtung überschaubar, da betriebswirtschaftlich die Liquiditätsquellen bei der Simulation der Vermögenslage sowieso mitsimuliert werden. Lediglich die Komponente der LCR-Fähigkeit ist i. d. R. noch ausbaufähig.

V. Liquiditätsverrechnungskostensystem

In Bezug auf das Liquiditätsverrechnungskostensystem haben sich keine Neuerungen gegenüber der Vorgängerversion der MaRisk ergeben. Der Vollständigkeit halber soll dieses hier trotzdem mit betrachtet werden. Die am Markt gängigen Modelle stellen hierbei eine liquiditätsbehaftete Marktzinskurve gegen eine möglichst liquiditätsfreie Kurve. Diese wird meist durch eine Swapkurve dargestellt. Für die bestehenden Geschäfte werden dann die Liquiditätsspreads berechnet und auf der Gesamtbankebene skaliert. Im Ergebnis wird ein entsprechender Liquiditätsnutzen oder resultierende -kosten dargestellt. Dieses vereinfachte Verfahren kann bei kleinteiligen Geschäften, welche häufig in Liquiditätsverbünden auftreten, genutzt werden.

VI. Stresstests inklusive Überlebenshorizont

Eine kleinere Neuerung der BTR 3.1 Tz 8 ist, das die bankeigenen und marktweiten Stresstests, die bislang auch schon durchgeführt werden mussten, zukünftig auch kombiniert betrachtet werden sollen. So wird z. B. ein Stresstest konstruiert, der den Abzug der zehn größten Kundeneinlagen unterstellt und gleichzeitig die Refinanzierungskonditionen sich verschlechtern und entsprechend die Liquiditätsspreads ansteigen. Es sollte in diesem Zusammenhang festgehalten werden, dass die MaRisk nicht verlangen, Stresstests auf die aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen anzuwenden. Mindestens genauso gut ist hier die Betrachtung der betriebswirtschaftlichen Liquiditätsrisiken. In diesem Zusammenhang könnte dann bankseitig auch das Refinanzierungsrisiko quantifiziert werden, welches nach Interpretation der Neuerungen in AT 4.1 Tz 4 und Erkenntnissen aus Sonderprüfungen nach § 44 KWG als zu quantifizieren angesehen werden kann. Wobei im Kontext der Risikotragfähigkeit hierzu keine Stressszenarien bei der Einbindung gewählt werden sollten, sondern Szenarien, welche mit den Risikoszenarien in den weiteren Risikoarten vergleichbar sind.

Die wohl deutlich größere und aufwendigere Anforderung ist, dass das Kreditinstitut in den Stressszenarien seinen voraussichtlichen Überlebenshorizont ermitteln soll. Hier wird eine neue Perspektive in die Betrachtung der Liquiditätsrisiken implementiert. Bei vielen Sparkassen war bereits in der Vergangenheit eine Betrachtung des Überlebenshorizonts enthalten. Allerdings erfolgte diese noch nicht im Kontext der Stressszenarien. Konkret verlangen die MaRisk eine Aussage darüber, wie lange die Bank nach Eintritt eines Stressszenarios in Bezug auf die Liquiditätslage noch überleben kann. Der Horizont sollte dabei in Tagen oder Monaten angegeben werden. Der Überlebenshorizont kann also als ergänzende Aussage zu den bisherigen Stresstests gesehen werden. Fraglich ist aber, ob diese Stresstests für Kreditinstitute in Liquiditätsverbünden auch eine entsprechende Extremität plausibel darstellen können. Bei dem oben genannten Szenario ist dies zumindest eher fraglich. „Wenn die zehn größten Kunden ihre Einlagen abziehen und die Refinanzierung um 50 BP teurer ist als der Kunden dann ist der Überlebenshorizont bei 82.568 Tagen.“ Oder anders gesagt: Die Überlebensfähigkeit ist dadurch nicht gefährdet. Dieses Vorgehen wird daher eher bei Kreditinstituten außerhalb von Liquiditätsverbünden eine Rolle spielen, da hier das Refinanzierungsvolumen nicht „unendlich“ ist. Bei diesen Instituten könnte folglich eine Illiquidität auftreten, wenn mehr Gelder abgezogen werden sollten als Liquidität zur Auszahlung dieser zur Verfügung steht. Im Rahmen dieses Artikels soll hierzu aber keine weitere Betrachtung erfolgen.

Eine betriebswirtschaftliche Liquiditätsrisiko-Betrachtung ist für den Überlebenshorizont bei Banken in Liquiditätsverbünden folglich nicht zielführend. Somit sollte der Fokus auf die aufsichtlichen Kennzahlen gerichtet werden. Wie können sich z. B. die Rahmenbedingungen in Bezug auf die LCR-Kennziffer verändern und wie würde sich dies auf den Überlebenshorizont auswirken? Was bedeutet z. B. ein monatlicher Rückgang des Fundingpotenzials um drei Prozent für das Institut? Eventuell hätte dies zur Folge, dass die LCR-Kennziffer in z. B. 14 Monaten nicht mehr eingehalten werden kann. Entsprechend wäre hier eine Betrachtung des Überlebenshorizonts erfolgt und den Anforderungen ausreichend Rechnung getan. Das Vorgehen kann entsprechend auf alle Einflussfaktoren der aufsichtlichen Kennzahlen adaptiert werden.

VII. Interner Refinanzierungsplan inkl. adverser Entwicklungsszenarien

Die Formulierungen in den BTR 3.1 Tz 12 der MaRisk forcieren eine Einbindung der Liquiditätslage in die strategische Eckwertplanung der Bank: „Das Institut hat einen internen Refinanzierungsplan aufzustellen, der die Strategien, den Risikoappetit und das Geschäftsmodell angemessen widerspiegelt. Der Planungshorizont hat einen angemessen langen, in der Regel mehrjährigen Zeitraum zu umfassen. Dabei ist zu berücksichtigen, wie sich Veränderungen der eigenen Geschäftstätigkeit oder der strategischen Ziele sowie Veränderungen des wirtschaftlichen Umfelds auf den Refinanzierungsbedarf auswirken.“ Alle diese Aspekte werden im Rahmen der Eckwertplanung berücksichtigt. Ebenso wird auch heute bei dem Großteil der Kreditinstitute die Liquiditätslage zumindest implizit bereits berücksichtigt. In dem Zuge, in dem die Vermögenslage bzw. Entwicklung der Bilanzpositionen geplant werden, wird ebenfalls die Refinanzierungsstruktur, sogar inkl. der Laufzeitbänder zur Ermittlung der Zinssätze, geplant. Je nach Bedarf der aktuellen Liquiditätssituation hat diese Betrachtung auch bereits explizit in der Vergangenheit stattgefunden. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wird diese neue Anforderung somit für die meisten Banken nur eine Ausweitung der Dokumentation bedeuten.

Konsequenterweise kann diese Anforderung aber auch so verstanden werden, dass die Bank in ihrem internen Refinanzierungsplan auch die Einhaltung der aufsichtlichen Liquiditätskennziffern gewährleistet. Bei einer sehr auskömmlichen Liquiditätslage ist eine qualitative Auseinandersetzung mit dem Thema vorstellbar, aber spätestens bei einer knappen Liquiditätshaltung sind hier quantitative Simulationen notwendig. Folglich würde die Eckwertplanung somit neben dem Volumen, der Fälligkeit und dem Zinssatz der Refinanzierung um den Liquiditätsgrad (z. B. Anrechnung als HQLA möglich?) ergänzt werden.

Darüber hinaus fordern die MaRisk, dass der interne Refinanzierungsplan auch unter der Berücksichtigung möglicher adverser Entwicklungen erstellt wird. Auswirkungen auf den Refinanzierungsplan sollten maßgeblich durch volumensbedingte Veränderungen auftreten, so dass im Kontext der Planung vornehmlich veränderte Annahmen in Bezug auf die Kundenforderungen und Kundeneinlagen im Fokus stehen werden. Entsprechend wird hierbei überprüft, wie mit einem überplanmäßigen Kreditwachstum oder größeren Einlagenabzügen umgegangen wird. Entsprechende Reaktionen und Refinanzierungsquellen sollten dabei identisch bzw. zumindest ähnlich zum Notfallplan für Liquiditätsengpässe der Bank sein.

VIII. Fazit

Wie die vorherigen Ausführungen gezeigt haben, sind die neuen Anforderungen an das Liquiditätsrisikomanagement für Kreditinstitute in Liquiditätsverbünden mit einem vertretbaren Aufwand umsetzbar. Insbesondere wenn eine sehr auskömmliche Liquiditätslage und kleinere Institutsgröße vorliegen, sollte die Bank versuchen, die neuen Anforderungen so pragmatisch wie möglich auszulegen. Die Anforderungen und deren aktueller Interpretationsstand geben hierzu die genannten Spielräume. Insgesamt ist für diese Institute der Umstellungsaufwand durch den Wegfall der Liquiditätskennziffer höher als der aus den neuen Anforderungen der MaRisk. Bei einer knapperen Liquiditätssituation hingegen sollte das Kreditinstitut seinen gesunden Menschenverstand einsetzen und sinnvolle Ergänzungen im Liquiditätsrisikomanagement entsprechend der neuen Anforderungen der MaRisk vornehmen.

PRAXISTIPPS

  • Prüfen Sie, welche Anforderungen für Sie überhaupt relevant sind.
  • Die aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen sind ein wichtiges Element, um Liquiditätsengpässe zu identifizieren!
  • Die betriebswirtschaftliche Liquiditätsrisikobetrachtung ist aber mindestens genauso wichtig!
  • Bei der Liquiditätsrisikobetrachtung können Reputationsrisiken durch den Abzug von Kundeneinlagen oder höhere Liquiditätsspreads im Interbankenhandel simuliert werden.
  • Die Anforderung zur Aufstellung angemessener Liquiditätsübersichten könnte für kleine Kreditinstitute weiterhin durch die aufsichtlichen Liquiditätskennziffern gewährleistet werden.
  • Im Rahmen der Eckwertplanung sind zukünftig Aussagen zur Entwicklung der aufsichtlichen Kennzahlen, insbesondere bei einer engeren Liquiditätshaltung, mit aufzunehmen.
  • An das Liquiditätsverrechnungskostensystem haben sich keine veränderten Anforderungen ergeben.
  • Stresstests sind nach den MaRisk nicht zwingend auf die aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen auszurichten.
  • Die betriebswirtschaftliche Liquiditätssicht ist häufig der passendere Ansatz!
  • Dies gilt z. B. auch für die Ermittlung der Refinanzierungskosten, welche zukünftig zu quantifizieren sind.
  • Dementgegen ist die Ermittlung des Überlebenshorizonts auf Basis einer betriebswirtschaftlichen Liquiditätsrisikomessung für Banken in Liquiditätsverbünden häufig schwierig.
  • Für die Ermittlung des Überlebenshorizonts ist es sinnvoll, auf die aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen abzustellen.
  • Der interne Refinanzierungsplan ist in die Eckwertplanung zu implementieren.
  • Adverse Entwicklungen werden i. d. R. durch ein stärkeres Kreditwachstum oder Kundeneinlagenrückgänge simuliert.
  • Die Reaktionen der Bank auf die adversen Entwicklungen sollten dem Notfallplan für Liquiditätsengpässe entsprechen oder zumindest ähnlich sein.

Beitragsnummer: 39097

Ausgestaltung eines pragmatischen Liquiditätsrisikomanagements im Sinne der MaRisk 6.0 für Kreditinstitute innerhalb von Liquiditätsverbünden

 

Ausgehend von den neuen MaRisk sind die Auswirkungen auf das Liquiditätsmanagement zu prüfen und sinnvolle Anpassungen vorzunehmen.

Thomas von Brasch, Spezialistenteam Gesamtbanksteuerung, AWADO Deutsche Audit GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steuerberatungsgesellschaft

I. Einleitung

In den neuen MaRisk sind auch bei den Liquiditätsrisiken unter dem BTR 3 einige Änderungen vorgenommen worden, welche zu Anpassungen im Vorgehen führen. Darüber hinaus ist seit
1. Januar 2018 die Liquiditätskennziffer weggefallen, welche bei vielen Kreditinstituten eine wesentliche Basis der Risikomessung dargestellt hat. Diese Veränderungen werden in diesem Artikel thematisiert und pragmatische, mögliche neue Vorgehensweisen dargestellt. Dabei wird versucht eine entsprechende Größenskalierung sowie die Einbindung des Instituts in einen Liquiditätsverbund bestmöglich zu berücksichtigen. Der Aufbau des Artikels folgt den MaRisk-

Textziffern in den BTR 3.1, um die einzelnen Schritte darzustellen.

Abbildung 1: Übersicht über die Anforderungen an die Liquiditätsrisikomessung

II. Jederzeitige Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen

Gemäß der MaRisk BTR 3.1 Tz 1 hat das Kreditinstitut die jederzeitige Erfüllung von Zahlungsverpflichtungen zu gewährleisten, um mögliche Liquiditätsengpässe zu verhindern. Eine in Satz 2 bei Bedarf geforderte untertägige Liquiditätsrisikosteuerung sowie die in Satz 3 geforderte ausreichende Diversifikation der Refinanzierungsquellen wird durch die Einbindung in Liquiditätsverbünden i.d.R. bereits erfüllt. Zumindest wird diese Interpretation für Satz 3 explizit in den MaRisk eröffnet.

Die Gewährleistung der Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen wird insbesondere durch aufsichtliche Kennzahlen gewährleistet. In der Vergangenheit wurde hierzu nahezu ausschließlich die Liquiditätskennzahl gem. Liquiditätsverordnung verwendet. Heute sind gleich mehrere aufsichtliche Kennzahlen durch die Kreditinstitute einzuhalten. Die nunmehr bekannteste und mit dem größten Fokus belegte Kennzahl ist die LCR-Kennziffer. Eine Einhaltung wird regelmäßig durch die Banken überprüft und in vielen Fällen bei Bedarf vorab simuliert. Einige Banken setzen sogar ergänzende Stresstests auf die LCR-Kennziffer auf. Dies ist nach aktuell herrschender Meinung nicht notwendig. Die Überlegungen hierzu werden aber in Abschnitt 6 detaillierter thematisiert.

Neben den aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen sollte allerdings die betriebswirtschaftliche Liquidität betrachtet werden. Es ist gut, wenn das Meldewesen unauffällig ist. Allerdings ist dies irrelevant, wenn dem Kunden sein Geld nicht mehr ausbezahlt werden kann. Da das Meldewesen Annahmen unterliegt, die nicht zwingend der Realität entsprechen müssen, ist die betriebswirtschaftliche Perspektive mindestens genauso wichtig. Hierzu werden die bankinternen Liquiditätsquellen definiert und nach Beobachtung/ Analyse definiert, wieviel hiervon mindestens als Puffer zur Verfügung stehen sollten. Im Ergebnis sind hierdurch die Anforderungen aus den MaRisk BTR 3.1 Tz 4 ebenfalls erfüllt. Als typische Liquiditätsquellen werden das Zentralbankkontokorrent, der Kassenbestand (insbesondere in der aktuellen Situation) und der Bestand an Eigengeschäften im Depot A verwendet. Die benötigte Höhe ist bankindividuell zu identifizieren, sollte aber konsistent zur Erfüllung der aufsichtlichen Kennzahlen sein. Ein Liquiditätspuffer, der zu einer LCR-Kennziffer von 50 % führen würde, ist nicht zielführend.

III. Identifikation von Liquiditätsengpässen

Dass ein sich abzeichnender Liquiditätsengpass frühzeitig identifiziert wird, wird i.d.R. durch Fälligkeitslisten sowie das Reporting der Liquiditätsrisiken gewährleistet. Entsprechende Frühwarnindikatoren, wie z.B. die Fälligkeitslisten, sind bankseitig zu implementieren. Bei der Simulation von Liquiditätsrisiken werden die Auswirkungen anderer Risikoarten durch die Wahl der Szenarien berücksichtigt. Die konkret genannten Reputationsrisiken werden zum Beispiel durch den vermehrten Abzug von Kundeneinlagen simuliert, da die Einleger Ungewissheit bzgl. der Sicherheit ihrer Einlagen hätten. Reputationsrisiken können aber auch am Kapitalmarkt durch höhere Spreadaufschläge bei der Refinanzierung auftreten wie sie bei der Finanzmarktkrise 2007 zu erkennen waren.

IV. Aussagekräftige Liquiditätsübersichten

Die meistdiskutierte Textziffer der MaRisk BTR 3.1 ist die Nummer 3. Sie beschäftigt sich mich der Anforderung, dass über einen geeigneten Zeitraum eine oder mehrere aussagekräftige Liquiditätsübersichten bankseitig erstellt werden sollen. Die Liquiditätsübersichten sind dadurch charakterisiert, dass die erwarteten Mittelzu- und -abflüsse gegenübergestellt werden. In der Vergangenheit wurde dies regelmäßig in Sonderprüfungen von Kreditinstituten in Liquiditätsverbünden nicht weiter nachverfolgt. Der Grund hierfür liegt vermutlich darin, dass die Anforderung durch die Einhaltung und Überwachung der Liquiditätskennziffer grundsätzlich gewährleistet war. Fraglich ist, ob sich durch die Neugestaltung der Textziffer an dieser Interpretation etwas geändert hat. Zumindest ist die Liquiditätskennziffer nicht mehr verfügbar. Aber es wird derzeit diskutiert, ob nicht zumindest für kleine Kreditinstitute die Anforderungen dieser Textziffer weiterhin durch die aufsichtlichen Kennziffern im Meldewesen erfüllt werden. In der aktuellen Interpretation zeigt sich, dass für größere Kreditinstitute die Anforderung vermutlich nicht mehr durch die aufsichtlichen Kennzahlen erfüllt wird. Hier sind entsprechend tiefergehende Überlegungen anzustellen.

Explizit wurde in der neuen Fassung der MaRisk die Thematik der Zeitbänder neugestaltet. Um die Liquiditätslage in dem kurz-, mittel- und langfristigen Bereich angemessen darzustellen, sollte eine Berücksichtigung in den betriebsüblichen Steuerungsinstrumenten erfolgen. Das langfristige Zeitband wird vornehmlich durch die Betrachtung der Liquiditätslage in der Eckwertplanung angemessen berücksichtigt werden. Wenn im 4. oder 5. Jahr die LCR-Kennziffer durch das Institut eingehalten wird und noch ausreichend Liquiditätspuffer betriebswirtschaftlicher Natur vorhanden ist, sollte dieses Zeitband ausreichend erfüllt sein. Das mittelfristige Zeitband sollte mit den gleichen Überlegungen und Betrachtungen mit der operativen Planung der nächsten ein bis zwei Jahre erfüllt sein. Kurzfristig dienen die Ertragsvorschaurechnung, das Liquiditätsreporting und die Überwachung der Einhaltung der aufsichtlichen Kennziffern zur Erfüllung der Anforderungen. Da zumindest in dieser Textziffer nur auf die Ausrichtung der Betrachtungen in normalen Marktphasen abgestellt wird, sollte die Einbindung in die Planungssimulationen mit diesen Annahmen ausreichend sein. Somit wäre der Aufwand zur Einrichtung einer entsprechenden Betrachtung überschaubar, da betriebswirtschaftlich die Liquiditätsquellen bei der Simulation der Vermögenslage sowieso mitsimuliert werden. Lediglich die Komponente der LCR-Fähigkeit ist in der Regel noch ausbaufähig.

V. Liquiditätsverrechnungskostensystem

In Bezug auf das Liquiditätsverrechnungskostensystem haben sich keine Neuerungen gegenüber der Vorgängerversion der MaRisk ergeben. Der Vollständigkeit halber soll dieses hier trotzdem mit betrachtet werden. Die am Markt gängigen Modelle stellen hierbei eine liquiditätsbehaftete Marktzinskurve gegen eine möglichst liquiditätsfreie Kurve. Diese wird meist durch eine Swapkurve dargestellt. Für die bestehenden Geschäfte werden dann die Liquiditätsspreads berechnet und auf der Gesamtbankebene skaliert. Im Ergebnis wird ein entsprechender Liquiditätsnutzen oder resultierende -kosten dargestellt. Dieses vereinfachte Verfahren kann bei kleinteiligen Geschäften, welche häufig in Liquiditätsverbünden auftreten, genutzt werden.

VI. Stresstests inkl. Überlebenshorizont

Eine kleinere Neuerung der BTR 3.1 Tz 8 ist, das die bankeigenen und marktweiten Stresstests, die bislang auch schon durchgeführt werden mussten, zukünftig auch kombiniert betrachtet werden sollen. So wird z.B. ein Stresstest konstruiert, der den Abzug der zehn größten Kundeneinlagen unterstellt und gleichzeitig die Refinanzierungskonditionen sich verschlechtern und entsprechend die Liquiditätsspreads ansteigen. Es sollte in diesem Zusammenhang festgehalten werden, dass die MaRisk nicht verlangen, Stresstests auf die aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen anzuwenden. Mindestens genauso gut ist hier die Betrachtung der betriebswirtschaftlichen Liquiditätsrisiken. In diesem Zusammenhang könnte dann bankseitig auch das Refinanzierungsrisiko quantifiziert werden, welches nach Interpretation der Neuerungen in AT 4.1 Tz 4 und Erkenntnissen aus Sonderprüfungen nach § 44 KWG als zu quantifizieren angesehen werden kann. Wobei im Kontext der Risikotragfähigkeit hierzu keine Stressszenarien bei der Einbindung gewählt werden sollten, sondern Szenarien, welche mit den Risikoszenarien in den weiteren Risikoarten vergleichbar sind.

Die wohl deutlich größere und aufwendigere Anforderung ist, dass das Kreditinstitut in den Stressszenarien seinen voraussichtlichen Überlebenshorizont ermitteln soll. Hier wird eine neue Perspektive in die Betrachtung der Liquiditätsrisiken implementiert. Bei vielen Sparkassen war bereits in der Vergangenheit eine Betrachtung des Überlebenshorizonts enthalten. Allerdings erfolgte diese noch nicht im Kontext der Stressszenarien. Konkret verlangen die MaRisk eine Aussage darüber, wie lange die Bank nach Eintritt eines Stressszenarios in Bezug auf die Liquiditätslage noch überleben kann. Der Horizont sollte dabei in Tagen oder Monaten angegeben werden. Der Überlebenshorizont kann also als ergänzende Aussage zu den bisherigen Stresstests gesehen werden. Fraglich ist aber, ob diese Stresstests für Kreditinstitute in Liquiditätsverbünden auch eine entsprechende Extremität plausibel darstellen können. Bei dem oben genannten Szenario ist dies zumindest eher fraglich. „Wenn die zehn größten Kunden ihre Einlagen abziehen und die Refinanzierung um 50 BP teurer ist als der Kunden dann ist der Überlebenshorizont bei 82.568 Tagen.“ Oder anders gesagt: Die Überlebensfähigkeit ist dadurch nicht gefährdet. Dieses Vorgehen wird daher eher bei Kreditinstituten außerhalb von Liquiditätsverbünden eine Rolle spielen, da hier das Refinanzierungsvolumen nicht „unendlich“ ist. Bei diesen Instituten könnte folglich eine Illiquidität auftreten, wenn mehr Gelder abgezogen werden sollten als Liquidität zur Auszahlung dieser zur Verfügung steht. Im Rahmen dieses Artikels soll hierzu aber keine weitere Betrachtung erfolgen.

Eine betriebswirtschaftliche Liquiditätsrisiko-Betrachtung ist für den Überlebenshorizont bei Banken in Liquiditätsverbünden folglich nicht zielführend. Somit sollte der Fokus auf die aufsichtlichen Kennzahlen gerichtet werden. Wie können sich z.B. die Rahmenbedingungen in Bezug auf die LCR-Kennziffer verändern und wie würde sich dies auf den Überlebenshorizont auswirken? Was bedeutet z.B. ein monatlicher Rückgang des Fundingpotenzials um 3 % für das Institut. Eventuell hätte dies zur Folge, dass die LCR-Kennziffer in z.B. 14 Monaten nicht mehr eingehalten werden kann. Entsprechend wäre hier eine Betrachtung des Überlebenshorizonts erfolgt und den Anforderungen ausreichend Rechnung getan. Das Vorgehen kann entsprechend auf alle Einflussfaktoren der aufsichtlichen Kennzahlen adaptiert werden.

VII. Interner Refinanzierungsplan inkl. adverser Entwicklungsszenarien

Die Formulierungen in den BTR 3.1 Tz 12 der MaRisk forcieren eine Einbindung der Liquiditätslage in die strategische Eckwertplanung der Bank: „Das Institut hat einen internen Refinanzierungsplan aufzustellen, der die Strategien, den Risikoappetit und das Geschäftsmodell angemessen widerspiegelt. Der Planungshorizont hat einen angemessen langen, in der Regel mehrjährigen Zeitraum zu umfassen. Dabei ist zu berücksichtigen, wie sich Veränderungen der eigenen Geschäftstätigkeit oder der strategischen Ziele sowie Veränderungen des wirtschaftlichen Umfelds auf den Refinanzierungsbedarf auswirken.“ Alle diese Aspekte werden im Rahmen der Eckwertplanung berücksichtigt. Ebenso wird auch heute bei dem Großteil der Kreditinstitute die Liquiditätslage zumindest implizit bereits berücksichtigt. In dem Zuge, in dem die Vermögenslage bzw. Entwicklung der Bilanzpositionen geplant werden, wird ebenfalls die Refinanzierungsstruktur, sogar inkl. Laufzeitbänder zur Ermittlung der Zinssätze, geplant. Je nach Bedarf der aktuellen Liquiditätssituation hat diese Betrachtung auch bereits explizit in der Vergangenheit stattgefunden. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wird diese neue Anforderung somit für die meisten Bank nur eine Ausweitung der Dokumentation bedeuten.

Konsequenterweise kann diese Anforderung aber auch so verstanden werden, dass die Bank in ihrem internen Refinanzierungsplan auch die Einhaltung der aufsichtlichen Liquiditätskennziffern gewährleistet. Bei einer sehr auskömmlichen Liquiditätslage ist eine qualitative Auseinandersetzung mit dem Thema vorstellbar, aber spätestens bei einer knappen Liquiditätshaltung sind hier quantitative Simulationen notwendig. Folglich würde die Eckwertplanung somit neben dem Volumen, der Fälligkeit und dem Zinssatz der Refinanzierung um den Liquiditätsgrad (z.B. Anrechnung als HQLA möglich?) ergänzt werden.

Darüber hinaus fordern die MaRisk, dass der interne Refinanzierungsplan auch unter der Berücksichtigung möglicher adverser Entwicklungen erstellt wird. Auswirkungen auf den Refinanzierungsplan sollten maßgeblich durch volumensbedingte Veränderungen auftreten, so dass im Kontext der Planung vornehmlich veränderte Annahmen in Bezug auf die Kundenforderungen und Kundeneinlagen im Fokus stehen werden. Entsprechend wird hierbei überprüft, wie mit einem überplanmäßigen Kreditwachstum oder größeren Einlagenabzügen umgegangen wird. Entsprechende Reaktionen und Refinanzierungsquellen sollten dabei identisch bzw. zumindest ähnlich zum Notfallplan für Liquiditätsengpässe der Bank sein.

VIII. Fazit

Wie die vorherigen Ausführungen gezeigt haben, sind die neuen Anforderungen an das Liquiditätsrisikomanagement für Kreditinstitute in Liquiditätsverbünden mit einem vertretbaren Aufwand umsetzbar. Insbesondere wenn eine sehr auskömmliche Liquiditätslage und kleinere Institutsgröße vorliegen, sollte die Bank versuchen, die neuen Anforderungen so pragmatisch wie möglich auszulegen. Die Anforderungen und deren aktueller Interpretationsstand geben hierzu die genannten Spielräume. Insgesamt ist für diese Institute der Umstellungsaufwand durch den Wegfall der Liquiditätskennziffer höher als der aus den neuen Anforderungen der MaRisk. Bei einer knapperen Liquiditätssituation hingegen sollte das Kreditinstitut seinen gesunden Menschenverstand einsetzen und sinnvolle Ergänzungen im Liquiditätsrisikomanagement entsprechend der neuen Anforderungen der MaRisk vornehmen.

PRAXISTIPPS

  • Prüfen Sie, welche Anforderungen für Sie überhaupt relevant sind.
  • Die aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen sind ein wichtiges Element, um Liquiditätsengpässe zu identifizieren!
  • Die betriebswirtschaftliche Liquiditätsrisikobetrachtung ist aber mindestens genauso wichtig!
  • Bei der Liquiditätsrisikobetrachtung können Reputationsrisiken durch den Abzug von Kundeneinlagen oder höhere Liquiditätsspreads im Interbankenhandel simuliert werden.
  • Die Anforderung zur Aufstellung angemessener Liquiditätsübersichten könnte für kleine Kreditinstitute weiterhin durch die aufsichtlichen Liquiditätskennziffern gewährleistet werden.
  • Im Rahmen der Eckwertplanung sind zukünftig Aussagen zur Entwicklung der aufsichtlichen Kennzahlen, insbesondere bei einer engeren Liquiditätshaltung, mit aufzunehmen.
  • An das Liquiditätsverrechnungskostensystem haben sich keine veränderten Anforderungen ergeben.
  • Stresstests sind nach den MaRisk nicht zwingend auf die aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen auszurichten.
  • Die betriebswirtschaftliche Liquiditätssicht ist häufig der passendere Ansatz!
  • Dies gilt z.B. auch für die Ermittlung der Refinanzierungskosten, welche zukünftig zu quantifizieren sind.
  • Dem entgegen ist die Ermittlung des Überlebenshorizonts auf Basis einer betriebswirtschaftlichen Liquiditätsrisikomessung für Banken in Liquiditätsverbünden häufig schwierig.
  • Für die Ermittlung des Überlebenshorizonts ist es sinnvoll, auf die aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen abzustellen.
  • Der interne Refinanzierungsplan ist in die Eckwertplanung zu implementieren.
  • Adverse Entwicklungen werden i.d.R. durch ein stärkeres Kreditwachstum oder Kundeneinlagenrückgänge simuliert.
  • Die Reaktionen der Bank auf die adversen Entwicklungen sollten dem Notfallplan für Liquiditätsengpässe entsprechen oder zumindest ähnlich sein.

Beitragsnummer: 39044