Übernahme von Leitlinien der EBA, der ESMA und der EIOPA in die Verwaltungspraxis der Bafin (gilt auch für LSIs)

Michael Helfer, Geschäftsführer, FCH Consult GmbH

In der Kw 19 hat die BaFin das Protokoll der Sitzung des Fachgremiums MaRisk vom 05.11.2018 auf die Homepage der BaFin gestellt: https://www.bundesbank.de/resource/blob/794148/bcea4bae50d844551ad150055d803e86/mL/2018-11-05-marisk-data.pdf. Im Fachgremium MaRisk (Mindestanforderungen an das Risikomanagement) berichten Bundesbank und BaFin über aktuelle Entwicklungen in der Aufsicht, erörtern mit der Finanzbranche Grundsatz- und Auslegungsfragen und stellen Überarbeitungen der MaRisk und des Leitfadens zur aufsichtlichen Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte (Risikotragfähigkeitsleitfaden) zur Konsultation. Die Mitwirkung der Finanzbranche soll die praxisgerechte Weiterentwicklung aufsichtlicher Anforderungen sicherstellen.

In dem Protokoll wird unter anderem ausgeführt, dass „im Regelfall davon ausgegangen werden kann, dass die BaFin die Leitlinien der EBA, der ESMA und der EIOPA in ihre Verwaltungspraxis übernimmt. Soll eine Leitlinie der EU-Behörden ausnahmsweise nicht oder – was in der Praxis eher vorkommt – nicht vollständig (etwa aufgrund von Konflikten mit deutschen gesellschaftsrechtlichen Regelungen) übernommen werden, benennt die BaFin diese Leitlinien auf ihrer Homepage. Im Einzelfall kann für die Übernahme in das deutsche Aufsichtsrecht ein Rechtsakt erforderlich sein (z. B. der Erlass oder die Änderung einer Verordnung). Für den Fall der Umsetzung durch ein Rundschreiben oder die Novellierung eines Rundschreibens müssten die LSIs die hieraus resultierenden Anforderungen aus der Guideline dann in der Tat erst mit der Veröffentlichung des nationalen Rundschreibens anwenden. Auch dann seien die LSIs aber gehalten, sich bereits vorher mit dem Inhalt der betreffenden (und regelmäßig auch in der deutschen Amtssprache vorliegenden) Leitlinien zu befassen und organisatorische Vorkehrungen zu treffen, um die hierin adressierten Anforderungen umzusetzen”.

Daraus folgt, dass nunmehr alle EBA-Guidelines grundsätzlich sofort gelten bzw. organisatorische Vorkehrungen unverzüglich beginnen müssen (so z. B. hinsichtlich der neuen EBA Guidelines on Outsourcing Arrangements!).

 

 

Beitragsnummer: 71791

 

Integrierte Liquiditätsrisikosteuerung mit Meldewesendaten

Wie das Meldewesen mit der Banksteuerung zusammengeführt werden kann. Dr. Normen Rohde, Spezialist für Liquiditätsrisiko, Berliner Volksbank eG/Lisa-Marie Geray, Consultant Risk Advisory, Deloitte/Rouven Hartmann, Senior Manager Risk Advisory, Deloitte I. Meldewesendaten – eine Goldgrube an Informationen Die im Jahr 2007 aufgekommene Finanzmarktkrise führte insbesondere bei den deutschen Regionalbanken zu vergleichsweise geringen Schäden in Folge von atypisch hohen Refinanzierungskosten. Anders verhielt es sich bei Großbanken, welche insbesondere aufgrund ihrer Risiko- und Refinanzierungsprofile ungleich stärker belastet wurden. In Folge einer krisengetriebenen Entwicklung von liquiditätsbezogenen aufsichtlichen Vorgaben entstand eine Vielzahl von neuen, in Teilen inkonsistenten Anforderungen. Dies führte institutsübergreifend zu ansteigenden einmaligen wie auch laufenden Aufwendungen für die erforderliche IT-Infrastruktur sowie dem Aufbau und Erhalt des benötigten Fachwissens der verantwortlichen Mitarbeiter im Bereich des Meldewesens. Insbesondere Regionalbanken wurden aufgrund ihrer begrenzten personellen Möglichkeiten aber auch aufgrund vorhandener Abhängigkeiten (bspw. im IT-Bereich) vor Herausforderungen gestellt. In jüngster Zeit fordert die Aufsicht zudem eine enge Verzahnung zwischen dem Meldewesen (Säule I) sowie dem Risikomanagement (Säule II). Werden in diesem Zusammenhang die Informationen aus der normativen Säule-I-Perspektive sowie der ökonomischen Säule-II-Perspektive zusammengeführt, können sich Synergien ergeben, welche zur Senkung von Kosten beitragen können. Abbildung 1: Anstieg der zu meldenden Liquiditätsdaten seit 2011[1] Seit 2013 sind die ...

Weiterlesen?


Dies ist ein kostenpflichtiger Beitrag aus unseren Fachzeitschriften.

Um alle Beiträge lesen zu können, müssen Sie sich bei meinFCH anmelden oder registrieren und danach eines unserer Abonnements abschließen!

Anmeldung/Registrierung

Wenn Sie angemeldet oder registriert sind, können Sie unter dem Menüpunkt "meinABO" Ihr aktives Abonnement anschauen oder ein neues Abonnement abschließen.

Neuausrichtung der Risikotragfähigkeit

Aufsichtliche Erwartungen an die Ausgestaltung der Risikotragfähigkeit in den Instituten.

René Schilling, Referent, Abteilung Risikomanagementsysteme, Tätigkeitsschwerpunkte: Gesamtbanksteuerung und Risikotragfähigkeit, BVR e.V.

Thorsten Schneeloch, Referent, Abteilung Risikomanagementsysteme, Tätigkeitsschwerpunkte: Gesamtbanksteuerung und Risikotragfähigkeit, BVR e.V.

I. Übersicht „neue Welt“

Die deutsche und zeitgleich auch die europäische[1] Bankenaufsicht haben 2018 neue Erwartungen zur Risikotragfähigkeit erarbeitet und veröffentlicht. Der Leitfaden der Deutschen Bundesbank und der BaFin mit dem Titel „Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte und deren prozessualer Einbindung in die Gesamtbanksteuerung („ICAAP“) – Neuausrichtung“ ist an die weniger bedeutenden Institute (Less Significant Insitution, LSI) in Deutschland gerichtet und beinhaltet im Fokus den Blick auf das Institut aus zwei komplementären, sich ergänzenden Perspektiven (ökonomisch und normativ).

Den Übergang aus dem in den Instituten häufig verwendeten Going-Concern-Ansatz[2] hat die deutsche Bankenaufsicht über den Annex des Leitfadens gelöst. Hiermit besteht die Möglichkeit, den bisherigen Going-Concern-Ansatz zunächst weiter zu nutzen. Eine Ad-hoc-Umstellung des Risikotragfähigkeitskonzepts ist daher nicht erforderlich. Jedes Institut kann sich kontinuierlich mit den neuen Perspektiven vertraut machen und die erforderlichen Anpassungen im Strategie- sowie Steuerungsprozess vornehmen, um konsistent in das neue Konzept hineinzuwachsen. Sicher ist jedoch, dass der Annex des Leitfadens im Zuge der europäischen Harmonisierung ...


Weiterlesen?


Dies ist ein kostenpflichtiger Beitrag aus unseren Fachzeitschriften.

Um alle Beiträge lesen zu können, müssen Sie sich bei meinFCH anmelden oder registrieren und danach eines unserer Abonnements abschließen!

Anmeldung/Registrierung

Wenn Sie angemeldet oder registriert sind, können Sie unter dem Menüpunkt "meinABO" Ihr aktives Abonnement anschauen oder ein neues Abonnement abschließen.

Neufassung des Zinsrisiko-Rundschreibens 2019

Würdigung der Konsultation und Formulierung erster Handlungsimpulse[1]

Prof. Dr. Svend Reuse, MBA, Mitglied des Vorstandes, Kreissparkasse Düsseldorf. Zudem Honorarprofessor an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Fachbeirat im isf – Institute for Strategic Finance.

1. Zielsetzung dieses Beitrages

Schon mit der Veröffentlichung des Zinsrisiko-Rundschreibens 09/2018 war klar, dass bald eine weitere Neufassung im Hinblick auf die europäischen Papiere BCBS 368 und die EBA/GL/2018/02 erfolgen würde. Seit Ende 2018 ist die Neufassung des Zinsrisiko-Rundschreibens, welches beide Papiere in deutsches Recht umsetzen soll, in Arbeit. Seit dem 29.03.2019 befindet es sich offiziell in Konsultation. Die Konsultationsphase endet am 30.04.2019. Dieser Beitrag analysiert die Neuerungen des Rundschreibens und gibt erste Handlungsimplikationen für die Institute.

BUCHTIPP

 

Reuse (Hrsg.), Zinsrisikomanagement 3. Aufl. 2019.

 

2. Neuerungen des Zinsrisiko-Rundschreibens 2019

Das Rundschreiben weist gegenüber dem aktuell gültigen Rundschreiben fünf Neuerungen auf (vgl. auch Picker/Franke/Kreitlein (2019)).

  • Einführung eines Frühwarnindikators: So ist im ersten Schritt die Einführung eines Frühwarnindikators zu nennen. In Ergänzung zu den Parallelschocks werden vier weitere Zinsszenarien definiert, mit denen der Barwert des Instituts berechnet wird. Im Gegensatz zum Zinsschock wird der Bartwertverlust jedoch nicht in Relation zu den Eigenmitteln berechnet, sondern ins Verhältnis zum Kernkapital gesetzt. Die Grenze liegt hier auch nicht bei 20 %, sondern bei 15 %.
  • Berücksichtigung notleidender Forderungen: Neu ist, dass nunmehr auch notleidende Forderungen in die Modellierung der Cashflows einbezogen werden müssen, wenn diese 2 % in Bezug auf den gesamten Kreditbestand übersteigen. Diese Darlehen müssen „als allgemeine zinssensitive Instrumente [einbezogen werden], deren Modellierung die Höhe der erwarteten Cashflows und deren zeitliches Auftreten widerspiegeln sollte (BaFin (2019.03b), S. 3)“. Bereits gebildete Wertberichtigungen sind bei der Modellierung der Cashflows zu berücksichtigen.
  • Einlagen von Finanzinstituten: Im Entwurf des Rundschreibens heißt es knapp: „Einlagen von Finanzinstituten sind als sofort fällig anzunehmen. (BaFin (2019.03b), S. 4)“. Eine trägere Modellierung, die bis jetzt in der Methodenfreiheit der Institute lag, ist folglich nicht mehr möglich. Im Rahmen der Konsultation sollte klargestellt werden, dass sich diese Modellierung nur auf täglich fällige Einlagen und nicht auf solche mit einer festen Zinsbindung bezieht.
  • Erleichterung bei Fremdwährungspositionen: Die bisherige Vorgehensweise sah vor, dass immer das Maximum aus +200 und -200 BP zu ermitteln ist und dann über alle Währungen zu addieren ist. Die Neufassung des Rundschreibens konkretisiert und modifiziert dies. Es wird klar eine Materialitätsschwelle von 5 % pro Währung benannt. Darunter muss dies nicht einbezogen werden. Wenn die so berücksichtigten Positionen weniger als 90 % der Vermögenswerte ausmachen, so sind auch Währungen unter der 5 % Marke einzubeziehen. Des Weiteren erfolgt die Addition nicht mehr über die Berechnung des Maximums, sondern konsistent über die Szenarien. Hat ein Institut bei +200 BP z. B. belastende Effekte in USD aber entlastende Effekte in GBP, so darf der letzte Effekt zu 50 % angesetzt werden.
  • Einführung einer Zinsuntergrenze: Es wird analog der EBA GL/2018/02 eine Zinsuntergrenze eingezogen, die bei -1,00 % im Geldmarktbereich beginnt, mit -0,95 % im 1-Jahres-Bereich fortgesetzt wird und dann pro Laufzeitjahr um weitere 0,05 % steigt, bis im Jahr 20 eine Untergrenze von 0,00 % erreicht ist. Dies ist im aktuellen Rundschreiben 9/2018 noch anders: negative Zinsen blieben negativ, führte ein Zinsszenario zu einem Zins unter 0 %, so wurde bei 0 % gekappt.

SEMINARTIPPS

Neue RTF-Praxis:(un)sachgerechte adverse Szenarien als Herausforderung, 24.10.2019, Frankfurt/M.

Barwert(nahe) Steuerung im neuen RTF-Leitfaden für Praxis & Prüfung, 06.11.2019, Hamburg.

Update 2019: BaFin-Rundschreiben zum Zinsänderungsrisiko im                                                               Anlagebuch, 07.11.2019, Hamburg.

                                              Depot A-Risiken: Wirksame Frühwarnverfahren & Stresstests                                                                    (-Szenarien), 14.11.2019, Frankfurt/M.

3. Kritische Würdigung der Neuerungen

Abbildung 1 fasst die Neuerungen zusammen und würdigt diese kritisch aus Sicht eines deutschen LSI. Zudem werden erste Handlungsimplikationen für die Praxis gegeben.

Abbildung 1: Würdigung der Neuerungen des Rundschreiben-Entwurfes sowie erste Handlungsimplikationen

In Summe sind die Neuerungen neutral zu werten. Das Rundschreiben ist eine konsistente Umsetzung der Anforderungen der EBA GL/2018/02. Einige Kritikpunkte verbleiben jedoch, wie Abbildung 1 zeigt. Gleichwohl muss angemerkt werden, dass sich diese eher auf die EBA GL/2018/02 beziehen – die BaFin hat wenig Spielraum, von diesen abzuweichen.

4. Fazit und Ausblick auf die Zukunft

Der Entwurf des BaFin Rundschreibens setzt weite Teile der EBA GL/2018/02 in deutsches Recht um. Es ist positiv zu sehen, dass die EBA GL/2018/02 nicht einfach 1:1 in Kraft gesetzt werden, wie es oftmals schon geschieht, sondern dass diese an die deutschen Gegebenheiten angepasst wurden. So wird z. B. das Thema der Credit Spreads, welche in den EBA GL/2018/02 schon erwähnt werden, hier explizit ausgeklammert. Auch die Aspekte der EBA GL/2018/02, die sich mit der Schwankung der Nettozinserträge beschäftigen, werden im Rundschreiben-Entwurf nicht behandelt. Vermutlich lässt sich dies damit begründen, dass weite Teile über die MaRisk und den neuen Risikotragfähigkeitsleitfaden abgedeckt sind.

Negativ zu sehen ist die Einführung des Frühwarnindikators und deren schärfere Berechnung in Bezug auf das Kernkapital. Den deutschlandspezifischen Besonderheiten der § 340 f HGB Reserven wird hierdurch nicht Rechnung getragen und es besteht die Gefahr, dass das Zinsänderungsrisiko weiter begrenzt wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Aufsicht diesen Aspekt im Rahmen der Konsultation aufgreift. Zudem ist zu hoffen, dass sie hier mit Augenmaß agieren wird und Institute nicht aufgrund eines methodisch eher groben Frühwarnindikators unnötigerweise in der Ausprägung des Zinsänderungsrisikos begrenzt.

PRAXISTIPPS

  • Setzen Sie die EBA-Zinsszenarien schon heute in Ihrer Steuerung um. Betrachten Sie auch die Effekte der ungekappten Zinsszenarien.
  • Überlegen Sie strategisch, wie das Verhältnis Kernkapital zu Eigenmitteln sein soll.
  • Machen Sie sich frühzeitig Gedanken zur Modellierung der notleidenden Kredite.
  • Prüfen Sie die Modellierung Ihrer Finanzanlagen schon jetzt.
  • Prüfen Sie, ob die Änderung in der Modellierung von Fremdwährungsrisiken Auswirkungen auf Ihr Institut hat.
  • Überdenken Sie, ob Sie im Kontext von SREP den Frühwarnindikator reißen wollen oder nicht.

LITERATURHINWEISE
BaFin (2018.05a): Anschreiben zum Rundschreiben 9/2018 – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2017/0001, 24.05.2018.

BaFin (2018.05b): Rundschreiben 9/2018 (BA) – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch. GZ: BA 55-FR 2232-2017/0001, 24.05.2018.

BaFin (2018.12): Diskussionspapier Rundschreiben N.N./2019 Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2019/0001, 28.12.2018.

BaFin (2019.03a): Anschreiben zur Konsultation 06/2019 – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, Entwurf der Neufassung des Rundschreibens 9/2018 (BA) für Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2019/0001, 29.03.2019, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Konsultation/2019/kon_06_19_Rundschreiben_ZAER.html, Abfrage vom 20.04.2019.

BaFin (2019.03b): Rundschreiben N.N./2019 – Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, GZ: BA 55-FR 2232-2019/0001, 29.03.2019, erhältlich auf: https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/Konsultation/2019/dl_kon_19_06_RS_ZAER.pdf?__blob=publicationFile&v=4, Abfrage vom 20.04.2019.

BCBS (2016): Standards – Interest rate risk in the banking book, BCBS 368, April 2016, erhältlich auf: http://www.bis.org/bcbs/publ/d368.pdf, Abfrage vom 30.11.2018.

EBA (2018): Leitlinien zur Steuerung des Zinsänderungsrisikos bei Geschäften des Anlagebuchs, EBA/GL/2018/02, 19.07.2018, erhältlich auf: https://eba.europa.eu/documents/10180/2537150/Guidelines+on+the+management+of+IRRBB+%28EBA-GL-2018-02%29_COR_DE.pdf, Abfrage vom 20.04.2019.

Picker, M./Franke, T./Kreitlein, S. (2019): Update des BaFin-Rundschreibens zum Zinsänderungsrisiko Angleichung der BaFin-Anforderungen zur Berechnung des Ausreißertests an das neue Regelwerk der EBA (EBA/GL/2018/02), erhältlich auf: https://bankinghub.de/banking/steuerung/update-bafin-rundschreiben-zinsaenderungsrisiko, Abfrage vom 19.04.2019.

Reuse, S. (2019, Hrsg.): Zinsrisikomanagement, 3. Auflage, Heidelberg 2019.

  1. Stand 27.04.2019. Der Artikel stellt die persönliche Meinung des Verfassers dar, die nicht notwendigerweise mit der des Arbeitgebers übereinstimmen muss.

 

Beitragsnummer: 70656

 

Prozessorientierte Aufbauprüfung am Beispiel des Liquiditätsrisikomanagements

Ein Praxisansatz mit Fokus auf Prozessen und internem Kontrollsystem.

Dr. Karsten Geiersbach, Bereichsdirektor Interne Revision der Kasseler Sparkasse[1].

I. Einleitung

In der Prüferpraxis läuft man gelegentlich Gefahr, zum einen das Wesentliche nicht von dem Unwesentlichen zu trennen, zum anderen den „Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen“. Eine Hilfestellung bietet eine umfassende Systemanalyse des Prüfungsgebietes. Dies ermöglicht Zusammenhänge und Abhängigkeiten besser zu erkennen und zu beurteilen sowie visualisieren zu können. Umfasst eine Systemanalyse u. a. auch IT- und Datenkohärenz, so sind bereits wesentliche (Risiko-)Treiber für eine prozessorientierte Aufbauprüfung erfasst. Aufbauend auf diesen Rahmenbedingungen sollten spezifische Prüfungsfragen zum Risikomanagement, hier: Liquiditätsmanagement, behandelt werden. Für das Prüfungsergebnis müssen die Erkenntnisse aus beiden Teilgebieten verknüpft und beurteilt werden. In diesem Beitrag steht die Systemanalyse im Vordergrund, weil fachspezifische Checklisten in der Prüfungspraxis oftmals hinreichend bekannt sind.

II. Aufbauprüfung aus Prozesssicht

1. Revisions-Soll und Bank-Soll

In unseren Aufbauprüfungen beginnen wir mit der Analyse der Systeme, insbesondere des internen Kontrollsystems und der Prozesse sowie der IT-/Data-Governance[2]. Neben den fachlichen Prüfungsgrundlagen ist im ersten Schritt das Revisions-Soll zu bestimmen. Für das Liquiditätsrisikomanagement kommen im Wesentlichen in Betracht:

  • Basler Principles ...

    Weiterlesen?


    Dies ist ein kostenpflichtiger Beitrag aus unseren Fachzeitschriften.

    Um alle Beiträge lesen zu können, müssen Sie sich bei meinFCH anmelden oder registrieren und danach eines unserer Abonnements abschließen!

    Anmeldung/Registrierung

    Wenn Sie angemeldet oder registriert sind, können Sie unter dem Menüpunkt "meinABO" Ihr aktives Abonnement anschauen oder ein neues Abonnement abschließen.

Bachelorwissen Banking: Zielführender Einsatz der Marktzinsmethode

Dr. Björn Grabbe, Spezialist, Gesamtbanksteuerung, Deutsche Apotheker- und Ärztebank, Lehrbeauftragter an der Allensbach Hochschule

Die Marktzinsmethode ist nach wie vor das modernste Verfahren der Zinsergebnisspaltung und wird sowohl von den Kalkulationssystemen des Sparkassen- und Genossenschaftsbankensektors als auch von den Systemen unabhängiger Anbieter angewendet. Der Grund hierfür ist, dass die Marktzinsmethode das einzige Verfahren ist, das eine verursachungsgerechte und objektive Aufspaltung des Zinsüberschusses ermöglicht.

Grundkonzept der Marktzinsmethode

Die Marktzinsmethode dient der Aufspaltung des Zinsüberschusses auf Aktiv- und Passivgeschäfte. Zudem wird derjenige Ergebnisbeitrag isoliert, der ausschließlich aus Fristigkeitsunterschieden zwischen den Bilanzseiten resultiert. So wird eine verursachungsgerechte und grenznutzenorientierte Kalkulation bis auf Einzelgeschäftsebene erreicht. Der Vergleich von Kundengeschäften mit der Zinsstrukturkurve aus Geld- und Kapitalmarktgeschäften führt zudem zu einer Objektivierung der Kalkulationsergebnisse.

SEMINARTIPPS

Übergang Going Concern-Ansatz auf neue normative RTF-Perspektive, 22.10.2019, Frankfurt/M.

Neue ICAAP-/ILAAP-Grundsätze: Herausforderungen für die Banksteuerung, 23.10.2019, Frankfurt/M.

Barwert(nahe) Steuerung im neuen RTF-Leitfaden für Praxis & Prüfung, 06.11.2019, Hamburg.

Update 2019: BaFin-Rundschreiben zum Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch, 07.11.2019, Hamburg.

Die Zinsstrukturkurve zeigt, in Abhängigkeit von der Laufzeit, zu welchen Zinssätzen die Bank aktuell Geld aufnehmen oder ausleihen kann. Laufzeiten von bis zu einem Jahr bezeichnet man dabei als Geldmarkt, Laufzeiten darüber hinaus als Kapitalmarkt. Die Zinsstrukturkurve hat üblicherweise eine „normale“ Form, d. h. die Zinssätze steigen in Abhängigkeit von der Laufzeit. Verwendet werden üblicherweise weitestgehend risikolose Zinssätze, beispielsweise Swap-Sätze.

BUCHTIPP

Reuse (Hrsg.), Zinsrisikomanagement 3. Aufl. 2019

 

 

Die Vorteilhaftigkeit von Einzelgeschäften resultiert aus der Differenz zwischen den Kapitalmarktkonditionen und den vereinbarten Kundenkondition und wird daher Konditionsbeitrag genannt. Auf der Aktivseite entspricht der Konditionsbeitrag dem Mehrertrag des Kundengeschäfts gegenüber einem vergleichbaren Geld- und Kapitalmarkt (GKM)-Geschäft, d. h. Konditionsbeitrag Aktiv = Zinsertrag Kunde – GKM-Zins-Aktiv.

Auf der Passivseite ist es genau umgekehrt. Der Konditionsbeitrag ist der Minderaufwand des Kundengeschäfts gegenüber einem vergleichbaren GKM-Geschäft, d. h. Konditionsbeitrag Passiv = GKM-Zins-Passiv – Zinsaufwand Kunde.

Die zwischen dem GKM-Zins-Aktiv und GKM-Zins-Passiv verbleibende Differenz bezeichnet man als Strukturbeitrag, da dieser Ergebnisbeitrag nur aus der Struktur der Zinskurve und damit aus laufzeitabhängigen Zinsunterschieden resultiert.

Abbildung 1: Spaltung des Zinsüberschusses in Konditions- und Strukturbeitrag

Das Herauslösen des Strukturbeitrages aus dem Zinsüberschuss ist aus den folgenden Gründen sinnvoll:

  1. Ein Ergebnisbeitrag aus Fristentransformation ist auch ohne Kundengeschäft erzielbar, indem die Bank kurzfristig Geld am GKM aufnimmt und langfristig ausleiht. Dem entsprechend sollte der Strukturbeitrag auch separat ausgewiesen werden.
  2. Aus Fristentransformation ergeben sich Zinsänderungsrisiken daraus, dass die kurzfristige Refinanzierung früher ersetzt werden muss als die langfristige Geldanlage. Liegt dann das Zinsniveau über dem ursprünglichen Niveau, reduziert sich die Bruttozinsspanne. Dieses Risiko ist nur auf Gesamtbankebene steuerbar, i. d. R. durch den Bereich Treasury. Aus diesem Grund sollten die mit dem Risiko korrespondierenden Ertragspotenziale ebenfalls dem Bereich Treasury zugerechnet werden.
  3. Für einen Kundenberater sollte es unerheblich sein, welche Laufzeit die Produkte haben, die er seinen Kunden verkauft. Er sollte sich hierbei v. a. am Bedarf des Kunden orientieren. Zudem ist er nicht in der Lage und es gehört nicht zu seinen Aufgaben, die Zinsfristentransformation der Bank zu beurteilen oder gar durch gezielten Produktverkauf zu beeinflussen. Von Chancen und Risiken aus Fristentransformation ist er daher freizustellen.

Merksätze

  • Die Marktzinsmethode teilt den Zinsüberschuss verursachungsgerecht in einen Konditions- und einen Strukturbeitrag auf und damit zwischen Vertriebseinheiten und Treasury.
  • Der Konditionsbeitrag stellt den Mehrertrag bzw. Minderaufwand eines Einzelgeschäfts gegenüber einem strukturkongruenten Geld- und Kapitalmarktgeschäft dar.
  • Der Strukturbeitrag ist der Teil der Zinsspanne, der sich nur aus Laufzeitinkongruenzen der Aktiv- und Passivseite der Bilanz ergibt. Bei normal geformter Zinskurve stellt der Strukturbeitrag eine Laufzeitprämie von längeren gegenüber kürzeren Laufzeiten dar.

Infos zum BWL-Bachelor (B.A.) mit Schwerpunkt Banking der Allensbach Hochschule im Online-Studium, das auch berufsbegleitend möglich ist, finden Sie unter: https://www.fc-heidelberg.de/hochschulweiterbildung/bachelor-finance/

 

Beitragsnummer: 61049

Prüfung der mathematischen Risikomessungs- und -steuerungsverfahren durch die IR

Christoph E. Rakowski, Direktor/Leiter Revision, Deutsche Factoring Bank

Die zunehmende Regulierungsdichte stellt zusätzlich zu den dadurch entstehenden hohen Kosten ein besonders hohes Risiko für kleine und mittelgroße Institute dar.

Da die Regeln gem. SSM alle Finanzinstitute innerhalb der EU betreffen, wurde in der CRD festgelegt, dass Banken stets Risikomess- und -steuerungsverfahren einsetzen müssen, die ihre Geschäftsaktivitäten und die darin enthaltenen Risiken sowie die Größe, Komplexität und den Risikogehalt der Bank und ihre Bedeutung für das gesamte Bankensystem entsprechend berücksichtigen. Nicht zuletzt ist es eine der Aufgaben der Aufsicht innerhalb des SREP-Verfahrens (Säule II = Marktdisziplin) die Angemessenheit der internen Risikomessung und Steuerung zu beurteilen.

 

 

 

SEMINARTIPPS

Prüfung Rating-Prozesse, 04.06.2019, Frankfurt/M.

Prüfungsrisiko uneinheitliche Risikobewertung, 08.10.2019, Frankfurt/M.

IKS-Prüfungen durch die Bundesbank, 06.11.2019, Hamburg.

Prüfung der Internen Revision durch die Bankenaufsicht, 07.–08.11.2019, Hamburg.

 

Die deutsche Aufsicht deklarierte als Ziel, dem Proportionalitätsprinzip Geltung zu verschaffen und eine angemessene Berücksichtigung der individuellen Institutsverhältnisse zu gewährleisten. Ein Problem, insbesondere für die vielen kleinen Institute, ist hierbei jedoch die Tatsache, dass eine mathematisch-statistische Modellierung der aufsichtsrechtlichen Vorgaben bei vielen Instituten aufgrund der fehlenden statistischen Daten nur mit Einsatz kostenintensiver Beratungsgesellschaften darstellbar ist. Dementsprechend findet dort die Herleitung der Maßnahmen oft auf Basis von Expertenschätzungen statt, die jedoch mathematisch nicht hinreichend unterlegt sind.

Die Anforderungen an die Analyse der Belastbarkeit des Verfahrens zur Risikoquantifizierung unterliegen grundsätzlich einer Proportionalität. In den Erläuterungen stellte die Aufsicht ebenfalls klar, dass bei einfachen und transparenten Verfahren, die erkennbar konservativ sind, keine tiefgehende Analyse durchzuführen ist. Demgegenüber müssen vergleichsweise komplexe Verfahren umfassend quantitativ und qualitativ validiert werden.

Ein Modell ist in der Praxis als „komplex“ anzusehen, wenn man nicht eindeutig vorhersagen kann, wie sich die Veränderung eines Parameters auf das Modell auswirkt. Im Gegensatz dazu ist ein sog. „einfaches“ Modell dadurch charakterisiert, dass man die Auswirkungen eindeutig vorhersagen kann, bzw. dass man auf Basis vollständiger Informationen über Komponenten und Wechselwirkungen das Gesamtverhalten des Modells vorhersagen kann. Die Eingruppierung ob ein Modell „einfach“ oder „komplex“ ist, ist gleichwohl zwingend regelmäßig zu prüfen.

Das Problem in der Anwendungspraxis ist jedoch die Voraussetzung, dass die Heuristiken und kognitiven Verzerrungen grundsätzlich berücksichtigt und kontrolliert werden müssen, wenn Expertenschätzungen maßgeblich zur Risikoquantifizierung eingesetzt werden. Auch in diesem Fall sind die Schätzung und ihre Begründung in einer für sachkundige Dritte nachvollziehbaren Form und Detaillierung zu dokumentieren. Hierbei ist jedoch die Erfahrung aus den aufsichtsrechtlichen Prüfungen, dass die Schätzprozesse i. d. R. nicht die Anforderungen an ein transparentes Verfahren erfüllen. Ergo sind auch für Expertenschätzungen die Anforderungen aus AT 4.1 Tz. 9 sinngemäß relevant, da die abgeleiteten Annahmen voraussetzen, dass das Institut plausibel darlegen kann, inwiefern die zugrunde liegenden Daten die tatsächlichen Verhältnisse des Instituts angemessen widerspiegeln.

Deshalb ist bei Prüfung des mathematischen Risikomessungs- und -steuerungsmodells durch die Interne Revision sowohl eine Entwicklungs- als auch eine Validierungsstichprobe vorzunehmen, d. h. es ist zwingend eine umfassende Prüfung des mathematischen Modells vorzunehmen. Eine Plausibilisierung der Validierungsergebnisse unabhängig davon, ob es im Risikocontrolling oder durch einen sachkundigen Dritten durchgeführt wurde, ist nicht ausreichend. Diese Anforderung zwingt die Interne Revision zu einer entsprechenden Personalausstattung mit dem Schwerpunkt Risikocontrolling und mathematisch-stochastischer Ausbildung.

 

 

PRAXISTIPPS

  • Ist das Institut jederzeit ohne weitere Maßnahmen in der Lage, die Ziele des Geschäftsmodells kapitalseitig zu verfolgen bzw. zu tragen?
  • Ist die Konsistenz von Geschäfts-, Risikostrategie und Kapitalplanung jederzeit gegeben?
  • Sind adverse Szenarien hinreichend advers, konsistent und berücksichtigen alle Parameter und Ursachen? Gibt es eine nachvollziehbare und hinreichende Beschreibung der Szenarien und ihrer Annahmen sowie eine angemessene Berichterstattung?
  • Wurde der Verzicht der Berücksichtigung des KEPs angemessen gegenüber dem Vorstand und dem Aufsichtsorgan offengelegt?
  • Wurde für den vorzuhaltenden Puffer zwischen Risikodeckungspotenzial und Gesamtbanklimit ein Schwellenwert festgelegt?
  • Wurde das Gesamtbanklimit explizit im Ampelsystem berücksichtigt, um eine Steuerungswirkung zu entfalten?

 

 

Beitragsnummer: 61014

Dienstleistersteuerung zwischen formaler Ordnungsmäßigkeit und strategischer Wirksamkeit

Umsetzung der EBA-Guidelines zum Outsourcing als Anlass zur Überprüfung des Auslagerungsmanagements aus strategischer Sicht

Dr. Guido Drewes, GC&C Audit

Durchgängige Risikoorientierung und wirksamer Durchgriff auf Dienstleister im Fokus der neuen aufsichtlichen Rahmenbedingungen

 

 

Ende Februar wurden die Leitlinien der Europäischen Bankenaufsicht zum Outsourcing veröffentlicht. Die Inhalte sind lange bekannt; gleichwohl erfordern zahlreiche neue Detail-Anforderungen eine kritische Bestandsaufnahme durch die Institute. Aus strategischer Sicht sollte jedoch vor allem die generelle Erwartungshaltung der Aufsicht gesehen und reflektiert werden. So wird etwa klargestellt, dass

  • aller Fremdbezug von Leistungen mit Risiken verbunden ist – daher sind vorherige Risikoanalyse und vollständige Transparenz auch für unwesentliche Auslagerungen erforderlich;
  • auch bei Auslagerungen an gemeinsame, z. B. institutsgruppen- oder konzerninterne Dienstleister das Institut in der Verantwortung bleibt – daher ist auch in solchen Fällen eine zwar ggf. arbeitsteilige, aber dennoch wirksame Dienstleistersteuerung zu implementieren;
  • Weiter-Verlagerungen durch die Dienstleister nicht zu einer Einschränkung der Governance führen dürfen – u. a. wird daher neben weitreichenden vertraglichen Regelungen etwa eine Due Diligence für Dienstleister erwartet.

Zunehmende Vernetzung und Plattformökonomie als Herausforderungen an das Auslagerungsmanagement

Zunehmende Spezialisierung, hohe Skaleneffekte bei technischer Ausstattung und standardisierten Prozessen sowie der Wunsch nach Komplexitätsreduzierung senken die Wertschöpfungstiefe der einzelnen Institute, schaffen aber im Gegenzug weitere Dienstleistungsbeziehungen.

BUCHTIPP

Riediger (Hrsg.), Auslagerungen & Dienstleister-Steuerung, 2018.

 

 

Dieser Trend setzt sich im Zuge der Plattformökonomie fort: Anbieter fokussieren sich auf einzelne Aspekte der Leistungserstellung oder Vermarktung; das Kundenerlebnis entsteht erst durch die nahtlose Verbindung der Leistungen mehrerer Unternehmen.

SEMINARTIPPS

Prüfung & Beurteilung des Geschäftsmodells durch Aufsicht und Revision, 15.05.2019, Hamburg.

Prüfung neue interne Governance-Vorgaben, 16.05.2019, Hamburg.

Risikoanalysen bei Auslagerungen, 20.05.2019, Frankfurt/M.

Kontrollen in der regulatorisch neugeordneten Dienstleistersteuerung, 21.05.2019, Frankfurt/M.

Die Steuerung dieser Leistungsverbünde geht weit über ein einfaches Auslagerungsmanagement hinaus und bietet Einfallstore für neue Anbieter, die sich auf Netzwerk-Management spezialisieren – die „virtuelle Bank“ der späten 90er Jahre erlebt ein Revival.

Dienstleisterbeziehungen: Oft wedelt der Schwanz mit dem Hund

Die aktuellen Anforderungen der MaRisk an die Dienstleistersteuerung (DLS) sind in den Instituten im Normalfall längst umgesetzt. Die Etablierung zentraler Einheiten zur DLS ist dabei ein zweischneidiges Schwert: Zwar ist die formale Qualität dadurch gut sicherzustellen, aber die operative Kommunikation zwischen dem Dienstleister und dem auslagernden Fachbereich leidet. Eine wirksame Zusammenarbeit in diesem „Dreieck“ stellt hohe Anforderungen: So muss die zentrale DLS mehr als nur ein Grundverständnis für die fachlichen Inhalte und die Arbeitsweise des Dienstleisters besitzen, um unter die Oberfläche der SLA-Reports blicken und Risiken wirksam managen zu können. Der Fachbereich darf sich nicht auf die Fachlichkeit beschränken, sondern muss die Schnittstelle zur zentralen DLS aktiv abbilden (Vorsicht – dezentrale Stabseinheiten!) und sich mit ungewohnten Instrumenten zur systematischen DLS beschäftigen – obwohl ja das Ziel der Auslagerung eigentlich die Fokussierung auf Kernkompetenzen war.

Das Ergebnis ist in der Praxis leider allzu oft mehr als unbefriedigend:

  • Der zentralen DLS fehlt die anwendungsfachliche Kompetenz sowohl zur Beurteilung der Leistungserstellung als auch für das Problemmanagement. Die Fachbereiche überlassen das laufende Management gerne der zentralen DLS und werden erst bei offenkundigen Leistungsmängeln aktiv.
  • Eine wirksame Beherrschung der Prozesse des Dienstleisters oder gar die Fähigkeit zur Zurückholung der Auslagerung fehlt – spätestens nachdem die Auslagerung einige Zeit Bestand hatte und das eigene Know-how verlorengegangen ist.
  • Exit-Strategien stehen zwar auf dem Papier, aber in Wirklichkeit ist das Institut dem Dienstleister prozessual und ökonomisch „ausgeliefert“.
  • Eine grundlegende strategische oder Risiko-Beurteilung findet nur im Rahmen von Veränderungsprojekten oder bei neuen Auslagerungen statt.

Gap-Analyse zur Umsetzung der EBA-Guidelines um die strategische Bewertung erweitern

Die Überprüfung auf Handlungsbedarfe zur Einhaltung der neuen Anforderungen bietet eine gute Gelegenheit, die Auslagerungsbeziehungen und die DLS in einem größeren strategischen Kontext zu betrachten. Fragestellungen sollten demnach auch sein:

  • Ist die aktuelle Organisation des Auslagerungsmanagements in der Lage, über das laufende SLA-Management hinaus operative und strategische Risiken frühzeitig zu erkennen und wirksam zu mitigieren?
  • Sind die Risikobeurteilungen zu aktuellen Auslagerungen auch dann noch aktuell, wenn man ein geändertes strategisches Marktumfeld zugrunde legt?
  • Sind Exit-Strategien für alle Leistungen, die für das Geschäftsmodell wesentlich sind, vorhanden und vor allem belastbar?
  • Werden auch konzern- bzw. gruppeninterne Auslagerungen wirksam gesteuert, und sind Vertragswerke, Verrechnungspreise etc. „at arm’s length“?
  • Besteht die geforderte Durchgängigkeit bei der Governance, insbesondere beim Internen Kontrollsystem?
  • Sind die früher getroffenen Auslagerungsentscheidungen vor dem Hintergrund der aktuellen Rahmenbedingungen noch richtig?

Die Gap-Analyse zur Umsetzung der EBA-Guidelines sollte daher nicht ausschließlich auf „technischer“ Ebene stattfinden. Vielmehr ist hier ebenso wie im laufenden Management von Dienstleistern eine Verbindung aus strategischer, operativer und „formaler“ Sicht gefordert. Die hohe „Top Management Attention“, die die Aufsicht bei Auslagerungen einfordert, sollte auch hier das Vorgehen prägen.

 

 

 

PRAXISTIPPS

  • Machen Sie die Nagelprobe für das Business Continuity Management: Spielen Sie einen Ausfall Ihrer Dienstleister auch im ungünstigsten Szenario bis zum Ende durch, und beschränken Sie sich nicht auf Pro-Forma-Tests (merke: Ein Unglück kommt selten allein…)
  • Gleichen Sie Ihre Exit-Strategien mit Ihrer Marktstrategie ab: Was bedeutet ein erzwungener plötzlicher Dienstleisterwechsel für Ihre Kunden, Ihre Organisation und damit Ihr Geschäftsmodell?
  • Lassen Sie sich nicht durch schöngerechnete Business Cases zum Outsourcing verleiten: Die Aufrechterhaltung von Know-how und eine wirksame Steuerung der Dienstleister sind regelmäßig teurer als ursprünglich geplant.
  • Geben Sie Kernkompetenzen nicht aus der Hand: All das, was Ihren Wettbewerbsvorteil ausmacht, können ja ohnehin nur Sie am besten – sonst wäre es schließlich kein Wettbewerbsvorteil…

 

 

 

Beitragsnummer: 60996

Aufsichtliche Ermittlung und Bedeutung der Eigenmittelzielkennziffer

Dominik Leichinger, Prüfungsleiter, Referat Bankgeschäftliche Prüfungen 2, Hauptverwaltung in NRW, Deutsche Bundesbank[1]

Im Rahmen der Umsetzung der EBA-Leitlinien zu gemeinsamen Verfahren und Methoden für den aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozess (SREP) werden für weniger bedeutende Kreditinstitute (less significant institutions, kurz LSI) in Deutschland institutsspezifische Kapitalanforderungen durch die BaFin festgelegt.

Zusätzlich zu den gem. CRR vorzuhaltenden Eigenmitteln für Adressenausfall-, operationelle und Marktpreisrisiken des Handelsbuchs (Kapitalanforderungen nach Säule I) umfasst die institutsindividuell festgesetzte Kapitalanforderung weitere vom Institut als wesentlich eingestufte Risiken. Letztere werden nicht über vorgegebene Berechnungsverfahren in der CRR, sondern im Wesentlichen auf Basis institutsinterner Risikomessmethoden ermittelt. Insofern finden die innerhalb des ICAAP (Säule II) berücksichtigten Risikoarten und -methoden Eingang in die SREP-Kapitalfestsetzung. Da die Kapitalfestsetzung neben Komponenten der Säule I auch solche der Säule II beinhaltet, wird diese häufig auch als sog. Säule I Plus-Ansatz bezeichnet.

Analog zur SREP-Kapitalfestsetzung wird den Kreditinstituten eine Eigenmittelzielkennziffer – kurz EMZK – durch die BaFin mitgeteilt. Im Gegensatz zur SREP-Kapitalfestsetzung, bei der es sich um eine harte Kapitalanforderung handelt (auch als Pillar II Requirements bezeichnet, kurz P2R), stellt die EMZK eine über die SREP-Kapitalfestsetzung hinausgehende aufsichtliche Erwartungsgröße (auch als Pillar II Guidance bezeichnet, kurz P2G) an die Eigenmittelausstattung der Institute dar.

SEMINARTIPPS

RWA-Optimierung bei knapper werdendem Eigenkapital, 21.10.2019, Frankfurt/M.

Übergang Going Concern-Ansatz auf neue normative RTF-Perspektive, 22.10.2019, Frankfurt/M.

Neue ICAAP-/ILAAP-Grundsätze: Herausforderungen für die Banksteuerung, 23.10.2019, Frankfurt/M.

Neue RTF-Praxis:(un)sachgerechte adverse Szenarien als Herausforderung, 24.10.2019, Frankfurt/M.

Barwert(nahe) Steuerung im neuen RTF-Leitfaden für Praxis & Prüfung, 06.11.2019, Hamburg.

In ähnlicher Weise wie der über die SREP-Kapitalfestsetzung hinaus von den Instituten vorzuhaltende Kapitalerhaltungspuffer nach § 10c KWG verfolgt der durch die EMZK vorgegebene Kapitalzuschlag das Ziel einer langfristigen Einhaltung harter Kapitalanforderungen – auch in Stressphasen. Aufgrund der Zielsetzung basiert die Ermittlung der EMZK überwiegend auf Ergebnissen aufsichtlich vorgegebener Stresstests. Noch bilden die im Rahmen der Niedrigzinsumfeld-Umfrage 2017 (kurz NZU 2017) von den Instituten zurückgemeldeten Stresstestergebnisse die Ausgangsbasis. Erst kürzlich hat die Aufsicht ihre aktuelle Stresstestumfrage 2019 zur Einschätzung der Ertragslage und Widerstandsfähigkeit an die Institute adressiert. Die hieraus resultierenden Ergebnisse werden insofern die Ausgangsgrundlage für die Aktualisierung der EMZK bilden.

Auch wenn bisher von der Aufsicht kein konkretes Berechnungsschema zur Ermittlung der EMZK veröffentlicht wurde, so geben die EBA/GL/2018/03 den Rahmen für die Ableitung der P2G-Kapitalanforderungen vor. Demnach sind zur Beurteilung der Eigenkapitalausstattung unter Stressbedingungen sowohl qualitative Erkenntnisse (u. a. Angemessenheit der Risikomanagement-Prozesse) aus dem SREP als auch quantitative Auswirkungen von aufsichtlichen und institutsinternen Stresstests auf die Risikotragfähigkeit eines Instituts zu beachten. Letzteres beinhaltet auch die Stresswirkung auf die regulatorischen Eigenmittel und die Höhe der risikogewichteten Aktiva.

Die mit der EMZK adressierten Kapitalanforderungen können mit denen des Kapitalerhaltungspuffers verrechnet werden. Insofern begründet die EMZK für 2019 nur dann für Institute einen zusätzlichen Kapitalzuschlag, wenn diese oberhalb von 2,5 % liegt (gem. Basel III in 2019 vorzuhaltende Größenordnung für den Kapitalerhaltungspuffer). Sofern die rechnerische EMZK unterhalb der Kapitalpufferanforderungen liegt, wird eine EMZK von null festgesetzt. Der den Kapitalerhaltungspuffer übersteigende Anteil der EMZK kann neben Eigenmitteln gem. § 92 CRR auch durch ungebundene stille Reserven nach § 340f HGB abgedeckt werden.

Anders als bei Unterschreiten der harten SREP-Kapitalanforderungen führt die Nichteinhaltung der EMZK nicht automatisch zu aufsichtsrechtlichen Maßnahmen. Gleichwohl behält sich die Aufsicht, als Konsequenz im Falle einer unterhalb der EMZK liegenden Eigenmittelausstattung, vor, die Aufsichtsintensität bei dem entsprechenden Institut zu erhöhen. In diesem Sinne stellt die EMZK für die Aufsicht eine Art Frühwarnindikator zur Beurteilung der nachhaltigen Angemessenheit der Kapitalausstattung eines Kreditinstituts dar.

Daneben besteht durch den aktualisierten aufsichtlichen Leitfaden zur Ausrichtung der Risikotragfähigkeitskonzepte die Erwartungshaltung, dass innerhalb der normativen Perspektive die EMZK im Planszenario einzuhalten ist.

PRAXISTIPPS

  • Ableitung geeigneter Stresstest-Szenarien, die dem Risikoprofil eines Instituts angemessen Rechnung tragen, unter konsistenter Berücksichtigung von Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Risikoarten.
  • Die Überlegungen eines Instituts zur Wirkungsweise von Stresstests sind nicht nur auf das aktuelle Geschäftsjahr zu begrenzen. Vielmehr ist im Sinne einer vorsichtigen Kapitalplanung zu untersuchen, wie sich Stressereignisse auf den gesamten Kapitalplanungszeitraum auswirken.
  • Durchführung fundierter Analysen zur Wirkungsweise von Stresstests. Neben den Auswirkungen auf regulatorische Größen (normative Perspektive) sollten die Analysen auch die Effekte auf die interne Risikotragfähigkeitsrechnung (ökonomische Perspektive) umfassen.
  1. Die in diesem Aufsatz vertretenen Auffassungen geben die persönliche Meinung des Autors wieder und sind nicht notwendigerweise Positionen der Deutschen Bundesbank oder einer anderen Bankenaufsichtsbehörde.

Beitragsnummer: 60991

Geschäftsmodellanalyse

In der Zwickmühle zwischen unzureichender Profitabilität und nötigen Geschäftsmodell-anpassungen?

Prof. Dr. Konrad Wimmer, Freiberuflicher Dozent an verschiedenen Bankakademien

           

I. Rahmenbedingungen der Geschäftsmodellanalyse

Die Veröffentlichung der Leitlinien zum aufsichtlichen Überprüfungs- und Überwachungsprozess (SREP)[1] hatte einen aufsichtlichen Paradigmenwechsel eingeläutet. Die Aufsicht führt nunmehr Geschäftsmodellanalysen durch, um die Geschäfts- und strategischen Risiken zu bewerten. Betroffen sind nicht etwa nur die von der EZB unmittelbar beaufsichtigten bedeutenden Institute (Significant Instituts, SIs), sondern auch die von der deutschen Bankenaufsicht direkt beaufsichtigten weniger bedeutenden Institute (Less Significant Instituts, LSIs)[2]. Im Mittelpunkt stehen folgende Aspekte (Tz. 62 f.)[3]:

  • Die Einschätzung der aktuellen Tragfähigkeit des Geschäftsmodells unter dem Aspekt der Erzielung ausreichender Erträge in den nächsten zwölf Monaten. Für die Beurteilung werden hierbei unterschiedliche Kennziffern, insbesondere Return-on-Equity (RoE), Return-on-Capital (RoC) und Costs-of-Equity (CoC), die Fundingstruktur und der Risikoappetit herangezogen.
  • Die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells wird mit Blick auf die Erzielung ausreichender Erträge in den (mindestens) nächsten drei Jahren geprüft, wobei entsprechende strategische Pläne und Planungsrechnungen vorzulegen sind; auch wird der Risikogehalt der Strategie untersucht (Tz. 78 f.).

Die Aufsicht untersucht das aktuelle Geschäftsmodell quantitativ ...


Weiterlesen?


Dies ist ein kostenpflichtiger Beitrag aus unseren Fachzeitschriften.

Um alle Beiträge lesen zu können, müssen Sie sich bei meinFCH anmelden oder registrieren und danach eines unserer Abonnements abschließen!

Anmeldung/Registrierung

Wenn Sie angemeldet oder registriert sind, können Sie unter dem Menüpunkt "meinABO" Ihr aktives Abonnement anschauen oder ein neues Abonnement abschließen.