Der neue Entwurf des IDW ES 6 – Gibt es etwas Neues?

Ulrich Bendel, geschäftsführender Gesellschafter, MCP Management Consulting GmbH, Limburg

Ein Unternehmen ist sanierungsfähig, wenn folgende Punkte erfüllt sind:

  1. Es besteht eine positive Fortführungsprognose i. S. d. § 252 Abs. 1 Nr. 2 HGB.
  2. Das Unternehmen ist nachhaltig wettbewerbsfähig.
  3. Das Unternehmen ist nachhaltig renditefähig (= branchenübliche Rendite, angemessene Eigenkapital-Ausstattung).

Eine „schwarze Null“ bzw. das kurz- und mittelfristige Überleben reichen nicht aus, um die Sanierungsfähigkeit zu bestätigen. Die Sanierungsfähigkeit muss nachvollziehbar und schlüssig nachgewiesen werden. Als Standard zur Erstellung von Sanierungskonzepten hat sich der Berufsstandard des Instituts der Wirtschaftsprüfer, der IDW S 6, etabliert. Er wurde erstmals 2009 verabschiedet. Die letzte Neufassung erfolgte im August 2012.

Seit September 2017 – ein neuer Entwurf/ein neuer Standard

Es gab und gibt zahlreiche Anwendungsfragen bei der praktischen Umsetzung der Standard-anforderungen. In einer Befragung beurteilten die Studienteilnehmer den IDW S 6 so (Jaroschinsky/Werner – Studie zum deutschen Restrukturierungsmarkt, 2015):

50 %50 %
Der IDW S 6 ist grundsätzlich geeignet. Keine nennenswerten Anpassungen erforderlich.Anpassungen erforderlich.

Kritikpunkte waren kurz zusammengefasst: zu umfangreich, zu komplex, falsche Fokussierung, lückenhaft.

Der aktuelle Entwurf der Neufassung des IDW S 6 sieht keine Änderungen der materiellen Anforderungen an Sanierungskonzepte vor.

Er enthält:

  • Vor allem Klarstellungen genereller Anforderungen, z. B. zu den Phasen des Sanierungsprozesses
  • deutlichere Erläuterungen zu den besonderen Anforderungen für weniger komplexe Unternehmen
  • eine Straffung der Ausführungen

Die Ausführungen zu den erläuternden Grundlagen sind entweder ganz gestrichen oder gekürzt worden, um die Lesbarkeit und die Klarheit des Standards zu erhöhen. Das betrifft vor allem die Ausführungen zu den Krisenstadien. Die gestrichenen Passagen werden in Zukunft die (unverbindlichen) Fragen und Antworten (F & A zu IDW S 6) ergänzen.

Der Entwurf ist seit dem 19.09.2017 auf der Homepage des IDW abrufbar. Die Kommentierungsfrist endet am 31.01.2018. Man kann davon ausgehen, dass der neue Standard Mitte 2018 den bisherigen Standard IDW S 6 ablösen wird. Zum gleichen Zeitpunkt wird auch eine ergänzte Neufassung der F & A veröffentlicht werden. In der Praxis heißt das: Bereits heute richten sich Sanierungskonzepte nach dem Entwurf, der den alten Standard bereits abgelöst hat.

SEMINARTIPPS

Effiziente und bezahlbare Sanierungskonzepte, 12.06.2018, Berlin.

Haftungsfalle Sanierungsgutachten, 20.11.2018, Berlin.

 

 

Die Klarstellung genereller Anforderung im Detail

ThemaKlarstellungRz.
Wenig komplexe Unternehmen (z. B. zahlreiche KMUs)Bei einem Sanierungskonzept müssen zwar alle Anforderungen erfüllt sein, die Detailtiefe der Beschreibungen auf Basis des Grundsatzes der Wesentlichkeit kann/darf aber entsprechend angepasst werden.

Neuer Gliederungspunkt

Hinweis: Damit möchte das IDW den Vorwurf entkräften, der IDW S 6 sei für KMU nicht praktikabel.

11

31 ff.

Beurteilung der EigenkapitalausstattungFür die Beurteilung der angemessenen Eigenkapitalausstattung sind bilanzielle Größen maßgeblich.
KrisenstadienEs ist im Einzelfall zu analysieren, welche vorgelagerten Krisenstadien im Sanierungskonzept überhaupt zu berücksichtigen sind.
Krisenstadien, die das Unternehmen nicht durchlaufen hat, sind auch nicht zu dokumentieren.

Die Tätigkeit des Sanierungsberaters soll sich auf diejenigen Sachverhalte fokussieren, die für die Ableitung von Sanierungsmaßnahmen und damit für den Erfolg der nachhaltigen Unternehmenssanierung tatsächlich relevant sind.

23

36

Prüfung InsolvenzgründeMit zunehmender Insolvenznähe muss zunächst geprüft werden, ob bereits Insolvenzgründe vorliegen, um diese dann mindestens temporär für die Dauer der Erstellung des Konzepts zu beseitigen (Phase 1).

Hinweis: In der Praxis wird in diesen Fällen oft ein Krisen-Quick-Check vorgeschaltet.

12

76 ff.

Wer soll das Konzept erstellen?Da der Wirtschaftsprüfer als Abschlussprüfer im Zweifel gem. § 252 HGB die Zukunftsfähigkeit des zu prüfenden Unternehmens beurteilen muss, darf er dieser Tätigkeit nicht ein durch ihn selbst erarbeitetes Konzept zugrunde legen.

Hinweis: einheitliche Linie zur Rechtsprechung des BGH, wonach es auf die Beurteilung der Sanierungsfähigkeit durch einen unvoreingenommenen Fachmann ankommt.

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KonzernverbundBei Konzernen, die in eine Krisensituation geraten sind, sind auch die wirtschaftlichen Verflechtungen innerhalb des Konzerns zu betrachten und die Zahlungsfähigkeit der einzelnen Konzerngesellschaften zu berücksichtigen.

Hinweis: Da in vielen Konzernen die Zahlungsströme im Cash-Pool-System verteilt werden, ist hier die einschlägige Rechtsprechung zur Zahlungsfähigkeitsprüfung zu berücksichtigen.

47

Gestrichen im Standard, gleichzeitig Aufnahme in den F & A

Das IDW hält die bisherigen ausführlichen Erläuterungen zu verschiedenen Punkten nach wie vor für bedeutsam. Sie sollen zum Großteil auch künftig erhalten bleiben, indem sie in die F & A übernommen werden.

Themaderzeit im IDW S 6, künftig in den F & A
Analyse der UnternehmenslageTz 49–58
KrisenstadienTz 65–90
Leitbild des sanierten UnternehmensTz 95–99
SanierungsmaßnahmenTz 105–130
Muster für das Konzept über die FortführungsfähigkeitAnlage

Die generelle Meinung der Kreditinstitute zur Anwendung des IDW-Standards im Rahmen der Erstellung von Sanierungskonzepten

Da sich die materiellen Anforderungen nicht geändert haben, müssen die sieben Kernbestandteile weiterhin geprüft werden. Das sind: Auftragsgegenstand und Verantwortlichkeiten (1), Analyse der Ausgangslage (2), des Krisenstadiums und der Ursachen (3), das künftige Leitbild (4), die Maßnahmen (5), der integrierte Unternehmensplan (6) und die abschließende Einschätzung der Sanierungsfähigkeit (7).

Nach wie vor reicht einer Bank ein Fortführungskonzept nicht aus. Die MaRisk bzw. die Aufsichtsbehörden fordern zwingend ein Sanierungskonzept. Es gibt nur eine Ausnahme und das sind die sogenannten „Single-Assets-Fonds“. Hier reicht es aus, wenn die Fortführungsfähigkeit in der Weise bestätigt wird, dass die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft sichergestellt ist. Voraussetzung ist, dass die laufende Finanzierung nachhaltig gesichert ist und die Rückzahlung der Verbindlichkeit auf den Liquiditätsüberschuss beschränkt ist.

Wichtig für Kreditinstitute ist der Maßstab der „überwiegenden Wahrscheinlichkeit“. Im Sanierungsgutachten wird bescheinigt, dass das Unternehmen aufgrund der beschriebenen Sachverhalte, Erkenntnisse, Maßnahmen und plausiblen Annahmen bei objektiver Betrachtung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit saniert werden kann. Eine genaue prozentuale Erfassung der einzelnen Eintrittswahrscheinlichkeiten von geplanten Maßnahmen ist dabei nicht zweckmäßig und auch nicht zwingend. Eine überwiegende Wahrscheinlichkeit liegt vor, wenn gewichtigere Gründe für eine Sanierung sprechen als dagegen.

Eine strikte Orientierung an Standards wie dem IDS S 6 ist für Banken nicht notwendig. Aber: die Mindestanforderungen der Rechtsprechung des BGH müssen eingehalten werden. Die geplanten Sanierungsmaßnahmen sollen in den Anfängen schon in die Tat umgesetzt sein, d. h. die Sanierungsaktivitäten sollen bereits sachgerecht eingeleitet sein. Als Fazit muss eine eindeutige gutachterliche Aussage zur Sanierungsfähigkeit getroffen werden. Unabhängig von formalen Anforderungen wird jedes Kreditinstitut nach wie vor ein Sanierungskonzept zurückweisen, das

  • Ursachen der drohenden Insolvenz nicht benennt,
  • Maßnahmen nicht benennt, mit denen diesen Ursachen begegnet wird,
  • keine daraus resultierende positive Fortführungsprognose formuliert.

PRAXISTIPPS

  • Der Entwurf stellt klar: Der Umfang der Sanierungskonzepte richtet sich nicht nach formalen Kriterien, sondern orientiert sich ausschließlich am Bedarf und der jeweiligen Krisensituation des Unternehmens.
  • Unter Sanierungsfähigkeit ist nicht nur das kurz- oder mittelfristige Überleben des Unternehmens zu verstehen, sondern vielmehr die Wiedergewinnung der Wettbewerbs- und Renditefähigkeit (= nachhaltige, durchschnittliche und branchenübliche Umsatzrendite und Eigenkapitalquote).
  • Eine der größten Unsicherheiten bestand in der Frage, wie sich der Umfang von Sanierungskonzepten bei KMU begrenzen lasse. Eine Konkretisierung, wie der Umgang der Untersuchungen und die Berichterstattung in der Praxis tatsächlich begrenzt werden können und welche Merkmale eine „kleineres“ Unternehmen kennzeichnen, erfolgt in IDW ES 6 nicht. Aber mit dem Entwurf dürften die Diskussionen, ob bei KMU ein „Light-Konzept“ ausreichend sei, hinreichend beantwortet und damit vom Tisch sein. Es geht nicht darum, welche Inhalte ein Gutachten mindestens haben muss und welche Inhalte man streichen oder kürzen könne bzw. dürfe. Ein gutes Konzept befasst sich mit den Sachverhalten, die für eine nachhaltige Wiederherstellung der Rentabilität bedeutsam sind. Das heißt im Umkehrschluss: Bedeutungslose Inhalte müssen nicht erscheinen.
  • Allerdings: Das eine vom anderen zu unterscheiden, kann kein Standard der Welt dem Berater abnehmen.
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