Die Wesentlichkeit in der Jahresabschlussprüfung

Das Konzept der Wesentlichkeit und seine Anwendung im Rahmen der Jahresabschlussprüfung durch die Interne Revision

Mario Pries, Wirtschaftsprüfer, AWADO Deutsche Audit GmbH

I. Einleitung / Ausgangslage

Was versteht man eigentlich unter dem Begriff „Wesentlichkeit“ bzw. was ist „wesentlich“?!? Im „online“-Duden findet sich folgende Erläuterung: „den Kern einer Sache ausmachend und daher besonders wichtig; von entscheidender Bedeutung; grundlegend“.[1] Was den Kern einer Sache ausmacht bzw. was von entscheidender Bedeutung sein kann, hängt dabei jedoch auch vom jeweiligen Betrachter ab und ist daher i. d. R. weitgehend subjektiv geprägt.

Dass es sich einerseits um einen „besonders wichtigen“ Begriff im Aufsichtsrecht handelt sieht man beispielsweise auch an den MaRisk[2]. Insgesamt finden sich dort 76 (!) Fundstellen. Eine nachvollziehbare Unterscheidung in qualitative und quantitative Wesentlichkeit erfolgt dort jedoch weitgehend nicht. Vielmehr wird „nur“ die qualitative Wesentlichkeit für bestimmte Risiken vorgegeben.[3] Somit bedarf es einer weitgehend individuellen Auslegung des Begriffs „wesentlich“, zumindest bezüglich der quantitativen Seite.

Dass andererseits die hoheitliche Festlegung einer quantitativen Wesentlichkeit auch für den Gesetzgeber sich über die Jahre verändern kann bzw. sich als schwierig erweist, zeigt sich exemplarisch in der Entwicklung des § 17 EStG (Veräußerung von Anteilen an Kapitalgesellschaften). Die Höhe der Beteiligungsquote, ab der eine Zuordnung der Veräußerungserlöse zu den Einkünften aus Gewerbebetrieb erfolgt, hat sich über > 25 % (im letzten Jahrtausend) und > 10 % (ab 2000) auf > 1 % (aktuell) reduziert. Hier verbirgt sich die fiskalpolitische Motivation des Gesetzgebers ohne explizite Herleitung der jeweiligen Grenze.[4]

Zu den impliziten Bewertungsgrundsätzen des HGB gehört u. a. der Grundsatz der Wesentlichkeit. Im Schrifttum werden auch fixe quantitative Schwellenwerte bezüglich der Wesentlichkeit propagiert: 0,25 % (gemessen am Grundkapital), 1 % (bei direkter Beeinflussung der GuV), 5 % (bei Posten mit erheblicher Aussage- und Ertragskraft) sowie 10 % (bei Fehlern und Fortlassungen). Bei erreichen oder überschreiten einer dieser Grenzen wird die Wesentlichkeit für Angaben im Jahresabschluss ausgegangen.[5]

Schon diese Beispiele zeigen, dass die Festlegung der Wesentlichkeit individuellen Vorgaben folgt und somit stets das verfolgte Ziel für die Festlegung der (quantitativ und/oder qualitativ) Wesentlichkeit entscheidend sein kann. Somit ergeben sich auch im Rahmen der Jahresabschlussprüfung spezielle Anforderungen an die Wesentlichkeit, um die Beurteilung festgestellter Fehler vornehmen zu können. Diese werden für den Abschlussprüfer durch das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW), Düsseldorf, aufbereitet und Grundsätze vorgegeben. Im Folgenden wird das Konzept der Wesentlichkeit des IDW aufgezeigt, welches auch die möglichen Ausprägungen der Wesentlichkeit beinhaltet, bevor auf die Anwendung im Rahmen der Jahresabschlussprüfung[6] durch die Interne Revision eingegangen wird.

II. Das Konzept der Wesentlichkeit

Der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer hat im IDW Prüfungsstandard (PS) „Wesentlichkeit im Rahmen der Jahresabschlussprüfung (IDW PS 250 n. F.)“[7] vom 12. Dezember 2012 das Konzept der Wesentlichkeit geregelt. Die Wesentlichkeit wird in eine quantitative und eine qualitative unterteilt. „Quantitativ“ wird dabei in eine Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes, eine Toleranzwesentlichkeit und eine spezifische Wesentlichkeit unterschieden. Des Weiteren kann eine betragsmäßige Nichtaufgriffsgrenze festgelegt werden. Die quantitative Wesentlichkeit findet sowohl bei der Bilanz- und GuV-Prüfung als auch bei der Prüfung des Anhangs und des Lagerberichtes Berücksichtigung. „Qualitativ“ wird in unterlassene oder fehlerhafte Angaben im Anhang und Lagebericht unterschieden. Qualitativ falsche Angaben in der Bilanz und der GuV sollten die absolute Ausnahme darstellen, da es sich in der Regel nur um eine differierende Bezeichnung der Bilanz- und GuV-Positionen handeln kann. Die genutzte Software zur Erstellung des Jahresabschlusses sollte weitgehend, wenn nicht sogar vollständig, die Unveränderbarkeit der jeweiligen Bezeichnung sicherstellen und somit solche „Fehler“ von vornherein ausschließen. Auch eine qualitative Nichtaufgriffsgrenze kann implementiert werden.

1. Quantitative Wesentlichkeit

Die quantitative Wesentlichkeit gliedert sich in die folgend dargestellten Abschnitte der Wesentlichkeitsbetrachtung.

Die Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes dient der Beurteilung festgestellter und nicht korrigierter falscher Angaben im Jahresabschluss (Bilanz, GuV und Anhang) als auch im Lagebericht. Es handelt sich dabei „nur“ um einen festzusetzenden Betrag. Eine rechnerische Verteilung des Gesamtbetrages auf einzelne Prüffelder (z. B. Jahresabschlussposten) erfolgt nicht. Wird die Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes aufgrund eines Fehlers oder in Addition mehrerer Fehler überschritten, so ist der aufgestellte Jahresabschluss mit wesentlichen Mängeln behaftet. Eine rechtsgültige Aufstellung bzw. Feststellung ist nicht möglich. Es bedarf erst der Korrektur dieses einen Fehlers, wenn dieser die Wesentlichkeitsgrenze für den Abschluss als Ganzes für sich überschreitet, oder von Teilen der Fehler, um die Summe der verbleibenden, nicht korrigierten Fehler unterhalb der Wesentlichkeitsgrenze zu drücken. Die Entscheidung, ob und in welchen Umfang Korrekturen vorgenommen werden, obliegt der Geschäftsführung bzw. den Organen.

Die Toleranzwesentlichkeit dient der Minimierung des Risikos, dass die Summe der nicht korrigierten bzw. nicht nachgebuchten und der nicht aufgedeckten Fehler die Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes übertrifft. Sie dient als „Sicherheitspuffer“ für den Prüfer. Sobald der „Sicherheitspuffer“ überschritten wird, ist der Umfang der Prüfungshandlungen anzupassen, um auszuschließen, dass (bisher) nicht entdeckte Fehler zusammen mit den entdeckten Fehlern die Wesentlichkeitsgrenze überschreiten. Die Toleranzwesentlichkeit kann einen oder mehrere Beträge umfassen. Mehrere Beträge kommen in Betracht, wenn die Toleranzwesentlichkeit auf Prüffelder (z. B. Jahresabschlussposten) heruntergebrochen wird.

Die spezifische Wesentlichkeit ist optional. Sie dient besonderen Informationsbedürfnissen der Abschlussadressaten hinsichtlich bestimmter Geschäftsvorfälle, Kontensalden sowie Abschlusspostens oder einer Anhangsangabe. Eine spezifische Toleranzwesentlichkeit ist zwingend festzulegen, wenn eine spezifische Wesentlichkeit festgelegt wurde.[8]

Des Weiteren kann eine Nichtaufgriffsgrenze – quantitativ als auch qualitativ – festgesetzt werden. Es handelt sich dabei um unbeachtliche Fehler, die keiner gesonderten Dokumentation in den Arbeitspapieren bedürfen und somit auch nicht Bestandteil der addierten Fehler unterhalb der Wesentlichkeitsgrenze als Ganzes sind.

1.1 Festlegung der Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes

Die Festlegung der Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes erfolgt durch Anwendung eines Prozentsatzes auf eine geeignete Bezugsgröße, wie z. B. 0,5 % der Bilanzsumme. Welcher Prozentsatz und welche Bezugsgröße geeignet sind, obliegt dem pflichtgemäßen Ermessen des Nutzenden. Als Bezugsgröße bei Kreditinstituten kommen im Wesentlichen die Bilanzsumme, das Betriebsergebnis vor bzw. nach Bewertung und das Eigenkapital[9] in Betracht. Unter Berücksichtigung der relativen Volatilität der Bezugsgröße sollten die Bilanzsumme bzw. das Eigenkapital berücksichtigt werden, da diese einer geringeren Schwankung unterliegen. Darüber hinaus kann bei stark schwankenden Beträgen die Anwendung eines Durchschnittswertes der vergangenen drei bis fünf Jahre sachgerecht sein. Im Rahmen der Kontinuität sollte eine einmal gewählte Bezugsgröße auch fortlaufend genutzt werden. Ein Wechsel bedarf der gesonderten, ausführlichen Begründung, um die Nachvollziehbarkeit für einen sachkundigen Dritten zu gewährleisten. Wird die Wesentlichkeit festgelegt, bevor der endgültige Betrag der gewählten Bezugsgröße bekannt ist, z. B. im Rahmen einer aufstellungsbegleitenden Prüfung durch die Interne Revision, können Beträge des letzten Jahresabschlusses oder Prognosen für den laufenden Zeitraum im Rahmen der Prüfungsplanung Verwendung finden. Eine Anpassung ist bei Vorliegen der endgültigen Zahlen zwingend vorzunehmen, soweit sich hieraus bedeutsame Änderungen ergeben würden.

Prozentsätze für die Festlegung der Wesentlichkeit werden nicht zwingend vorgegeben. Im IDW PS 250 n. F. finden sich keine entsprechenden Vorgaben bzw. Orientierungswerte. Hingegen finden sich in den ISA 320.A7[10] beispielhaft zwei Prozentsätze. Demnach können 5 % des Gewinns vor Steuern aus der laufenden Geschäftstätigkeit (Betriebsergebnis vor Bewertung) oder 1 % der Umsatzerlöse (vgl. Abbildung 1) oder der Gesamtaufwendungen (vgl. Abbildung 2) als angemessen angesehen werden.

Abbildung 1: Definition Umsatzerlöse
GuV-Posten
Zinserträge
./. Zinsaufwendungen
+ laufende Erträge aus Aktien etc.
+ Erträge aus Gewinngemeinschaften etc.
+ Provisionserträge
./. Provisionsaufwendungen
+ / ./. Nettoertrag/-aufwand des Handelsbestands
+ / ./. Rohergebnis aus Warenverkehr und Nebenbetrieben
+ Sonstige betriebliche Erträge
= Umsatzerlöse

Das Small and Medium Practices Committee of the International Federation of Accountants (IFAC) hat „Faustregeln“ als Ausgangspunkt der Wesentlichkeit vorgegeben: 3 bis 7 % des Gewinns der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit, 1 bis 3 % der Umsatzerlöse, der Gesamtaufwendungen oder Bilanzsumme sowie 3 bis 5 % des Eigenkapitals.[11]

Abbildung 2: Definition Gesamtaufwendungen
GuV-Posten
Personalaufwand
+ Sachaufwand
+ Abschreibungen und Wertberichtigungen auf immaterielle
Anlagewerte und Sachanlagen
= Gesamtaufwendungen

Daneben können qualitative Faktoren herangezogen werden, um abschließend die prozentuale Wesentlichkeit festzulegen. Beispielhaft werden u. a. die absolute Höhe der Bezugsgröße, die Stabilität des Branchenumfeldes und die absolute Größe der Einheit genannt.[12]

1.2 Festlegung der Toleranzwesentlichkeit

Die Festlegung der Toleranzwesentlichkeit erfolgt durch Festsetzung eine Betrages oder eines Prozentsatzes (z. B. 80 %) in Bezug auf die Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes. Der Betrag liegt auf jeden Fall unterhalb der quantitativen Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes, um das Aggregationsrisiko zu reduzieren.  Das Aggregationsrisiko umfasst dabei das Risiko, „dass die Summe aus den nicht korrigierten und den nicht aufgedeckten falschen Darstellungen die Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes überschreitet“[13]. Da es sich letztlich um eine Ermessensentscheidung des Nutzenden handelt, werden keine Prozentsätze für die Festlegung der Toleranzwesentlichkeit vorgegeben. Eine Orientierungshilfe bietet das IDW in „Fragen und Antworten zur Festlegung der Wesentlichkeit und der Toleranzwesentlichkeit nach ISA 320 bzw. IDW PS 250 (Stand 17. November 2011)“. Neben beispielhaften Bandbreiten (z. B. 70 bis 80 %, 70 bis 90 % oder 50 bis 80 %) werden alternative Werte in Abhängigkeit zur Risikoeinstufung (z. B. 50 % oder 75 %) und Obergrenzen (z. B. 75 %) aufgezählt. Zur Festlegung der Prozentsätze können folgende Feststellungen genutzt werden:

  • Anzahl und/oder Beträge der Vorjahresbeanstandungen
  • Schwaches Kontrollumfeld und/oder Mängel im Internen Kontrollsystem
  • Schätzunsicherheiten, z. B. bei Rückstellungen
  • Fortschreibung von Fehlern aus Vorjahren

Hierbei handelt es sich einerseits um quantitative als auch andererseits um qualitative Mängel. Dabei gilt, je negativer bzw. gravierender sich die angeführten Feststellungen erweisen, desto niedriger die prozentuale Grenze zu setzen.

II.1.3 Nichtaufgriffsgrenze (quantitativ)

Bei der Nichtaufgriffsgrenze handelt es sich nicht um eine Wesentlichkeitsgrenze. Sie dient der Festlegung eines Betrages unterhalb dessen von einer Unbeachtlichkeit einzelner Fehler ausgegangen werden kann. Diese Fehler bedürfen keiner weiteren Beachtung / Korrektur, so dass auch keine Dokumentation in den Arbeitspapieren erforderlich ist und keine Aggregation mit weiteren Fehlern erfolgt. In der WP-Praxis finden sich Bandbreiten von 3 bis 5 % der Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes. Diese kann zusätzlich durch einen festen vorgegebenen Betrag begrenzt werden (z. B. Bandbreite, maximal TEUR 10). Die Nichtaufgriffsgrenze ist vor Ihrer Anwendung einerseits mit der Geschäftsführung und andererseits mit dem Abschlussprüfer abzustimmen. Bei der Abstimmung mit der Geschäftsführung stehen betriebswirtschaftliche bzw. bilanzpolitische Aspekte im Vordergrund, da sich nicht korrigierte Fehler direkt auf den Jahresabschluss auswirken und damit indirekt eine Außenwirkung entfalten. Je nach Größe des Kreditinstituts und der Komplexität der betriebenen Geschäfte sollte sich die Nichtaufgriffsgrenze in der Bandbreite von TEUR 1 bis TEUR 10 wiederfinden. Die Abstimmung mit dem Abschlussprüfer sorgt dafür, dass Sie letztlich für Ihre Jahresabschlussprüfung keine höhere Nichtaufgriffgrenze als der Abschlussprüfer installieren. Ansonsten könnte es vorkommen, dass der Abschlussprüfer einen Fehler aufdeckt, welcher unterhalb Ihrer Nichtaufgriffsgrenze liegt und was Sie daher zulässigerweise „ignoriert“ haben. Die Kommunikation des Fehlers wird beim entsprechenden Mitarbeiter auf Unverständnis stoßen, wenn die Interne Revision und der Abschlussprüfer dies unterschiedlich werten.

2. Qualitative Wesentlichkeit

Die Notwendigkeit der qualitativen Wesentlichkeit ergibt sich aus der Tatsache, dass nicht alle Angaben im Jahresabschluss quantitativer Natur sind. Der Anhang enthält eine Vielzahl von Angaben, die ausschließlich bzw. in Teilen qualitativ erfolgen. Diese werden von den Angaben im Lagebericht noch übertroffen.

Anhangs- und Lageberichtsangaben, die sich lückenlos aus der Bilanz oder GuV ableiten lassen, müssen mit diesen übereinstimmen. Im Anhang und Lagebericht vollständig wiedergegebene oder aufgegliederte Posten müssen in ihrer Gesamtsumme der Einzelbeträge mit dem Betrag in der Bilanz übereinstimmen.[14] Vom Zahlenwerk unabhängige qualitative Informationen müssen grundsätzlich vollständig und richtig sein. Sind im Fall einer originären qualitativen Angabe einzelne Details fehlerhaft oder unvollständig, kann dies dann als nicht wesentlich anzusehen sein, wenn diese Details zweifelfrei unbeachtlich sind (qualitative Nichtaufgriffsgrenze). Das Unterlassen der Angaben darf den Einblick in die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage nicht beeinträchtigen. Das Unterlassen einer gesetzlich vorgeschriebenen Angabe im Anhang wird i. d. R. als wesentliche falsche Angabe zu qualifizieren sein. Hierunter fallen auch Angaben, die anderen Einblickzielen dienen als die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage.

III. Anwendung der Wesentlichkeit

Wie die Bestimmung der quantitativen Wesentlichkeit dokumentiert werden kann, ergibt sich beispielhaft aus der folgenden Abbildung 3.

Abbildung 3: Beispielhafter Aufbau der Ermittlung der quantitativen Wesentlichkeit
Basis 31.12. Vorjahr %-Satz3 EUR Bemerkung
A. Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes
a) Bilanzsumme 1 bis 3 %
b) Betriebsergebnis vor Bewertung 3 bis 7 %
c) Betriebsergebnis nach Bewertung 5%
d) Eigenkapital 1 bis 3 %
e) “Umsatzerlöse”1 1 bis 3 %
f) “Gesamtauf-wendungen”2 1 bis 3 %
B. Toleranzwesentlichkeit
Kontrollrisiko A.
hoch 50 bis 65 %
mittel 65 bis 75 %
niedrig 80 bis 90 %
C. Nichtaufgriffsgrenze
A. 3 bis 5 %  <= TEUR 10
1 Vergleiche Abbildung 1
2 Vergleiche Abbildung 2
3 Vergleiche Darstellung im Text; keine definitiven Vorgaben

Die Wesentlichkeit ist im Rahmen jeder Jahresabschlussprüfung neu zu ermitteln. Die Höhe der Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes ist abhängig von der von Ihnen gewählten Basis (hier: a) bis f)) und des von Ihnen herangezogenen Prozentsatzes. Empfehlenswert ist die Ermittlung aller Werte. Welcher Wert zur Anwendung kommt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Beispielsweise kann unter Berücksichtigung der kaufmännischen Vorsicht der niedrigste ermittelte Wert heranzuziehen sein (konservativer Ansatz; Risikoaversion). Bei entsprechender Risikoaffinität kann ein entsprechend höherer Prozentsatz zur Anwendung kommen, wobei dann die Anforderungen an die Erläuterung, warum dieser Prozentsatz von Ihnen gewählt wurde, steigen. Insbesondere sollte die Festlegung mit der Geschäftsführung bzw. den Organen abgestimmt werden. Empfehlenswert ist auch eine Abstimmung mit dem Abschlussprüfer, so dass die von Ihnen gewählte Wesentlichkeit nicht höher liegt als seine. Die Ermittlung des Kontrollrisikos für die Festlegung der Toleranzwesentlichkeit sollte sich nicht nur auf das Rechnungswesen als Grundlage erstrecken. Letztlich hat eine Vielzahl von Prüffeldern Einfluss auf den Jahresabschluss, so dass das Kontrollrisiko auf Unternehmensebene heranzuziehen ist. Dies wird in einer Vielzahl der Fälle dazu führen, dass das Kontrollrisiko als „niedrig“ zu beurteilen ist und eine hohe Toleranzwesentlichkeit vorliegt. Die Nichtaufgriffsgrenze sollte den Wert von TEUR 10 nicht übersteigen bzw. sollte insbesondere bei Überschreitung prospektiv mit dem Abschlussprüfer erörtert werden.

Bei der Einhaltung aller dieser Grenzen bleibt folgendes zu berücksichtigen: Nicht korrigierte Fehler der Jahresabschlussprüfung des Vorjahres sind fortzuschreiben soweit die GuV-orientierte Methode Anwendung findet. Dies führt dazu, dass vor der ersten Prüfungshandlung bezüglich des nächsten Geschäftsjahres bereits ein Eintrag in der Fehlerliste und damit eine Teilauslastung der quantitativen Grenzen vorliegen. In der Abbildung 4 finden sich zwei mögliche Ansätze aus der Praxis.

Abbildung 4: Beispiel Fortschreibung Vorjahresfehler[15]
Beispiel:
Zinsertrag zu früh (nicht periodengerecht) gebucht, auch im Folgejahr
Wesentlichkeit = 200
Jahr GuV-orientierte Methode bilanzorientierte Methode
Effekt am Ende des Jahres 01 160 GE 160 GE
Folgeeffekt im Jahr 02 -160 GE 0 GE
Neuer Effekt Ende Jahr 02 240 GE 240 GE
Gesamteffekt Jahr 02 80 GE 240 GE

Die bilanzorientierte Methode berücksichtigt keine Fehler der Vorjahresprüfung. Im vorliegenden Fall führt dies dazu, dass die Wesentlichkeitsgrenze unter Berücksichtigung des Fehlers im Jahr 02 überschritten wird. Die Konsequenz ist die Notwendigkeit einer Korrekturbuchung. Im Rahmen der GuV-orientierten Methode erfolgt eine Fortschreibung des Fehlers im Folgejahr. Zusätzlich erfolgt eine Berücksichtigung des Fehlers aus dem Folgejahr 02. Unter Berücksichtigung der Saldierung dieser beiden Fehler liegt die saldierte Summe unterhalb der festgelegten Wesentlichkeitsgrenze. Eine Korrekturbuchung ist in diesem vereinfachten Beispiel nicht notwendig. Eine Saldierung von gegenläufigen Posten, also Soll- und Haben, ist nur möglich, soweit ein und derselbe Jahresabschlussposten betroffen ist (wie im Beispiel der Zinsertrag). In allen anderen Fällen erfolgt eine Aufsummierung der Fehler ohne Berücksichtigung gegenläufiger Effekte. Würde es sich im Folgejahr beispielweise um eine Falschbuchung einer Einzelwertberichtigung handeln, dann wäre die Wesentlichkeitsgrenze um 200 GE überschritten (02: Zinsertrag 160 GE + Einzelwertberichtigung 240 GE = 400 GE).

Anwendungsbeispiele bezüglich der Einhaltung der qualitativen Wesentlichkeit sind vielfältig.

Daher wird an dieser Stelle nur jeweils ein Beispiel exemplarisch aufgeführt[16]:

Einblickziel Vermögens-, Finanz- und Ertragslage: Unterlassen der Angaben zu den Haftungsverhältnissen (Gründe der Einschätzung des Risikos der Inanspruchnahme; § 285 Nr. 27 HGB)

Andere Einblickziele: Unterlassen der Angaben zu Namen und Berufsbezeichnungen der Mitglieder der Organe (§ 285 Nr. 27 HGB)

PRÜFUNGSTIPPS

  • Kommunizieren Sie den Betrag der Wesentlichkeit für den Abschluss als Ganzes sowie der Toleranzwesentlichkeit, damit die betroffenen Mitarbeiter im Rechnungswesen Feststellungen hinsichtlich Ihrer Bedeutung einordnen können.
  • Legen Sie die absolute Nichtaufgriffsgrenze nach Rücksprache mit der Geschäftsführung und dem Abschlussprüfer fest; nutzen Sie die Dokumentationserleichterungen, welche Ihnen diese Festlegung bietet.
  • Seien Sie sich dessen bewusst, dass von Ihnen identifizierte Fehler vom Abschlussprüfer übernommen bzw. fortgeschrieben werden, wenn diese nicht behoben wurden und die Nichtaufgriffsgrenze des Abschlussprüfers überschritten wird; eine erforderliche Fortschreibung des Fehler im Folgejahr kann den „Spielraum“ für dann aktuelle Feststellungen reduzieren (steht in Abhängigkeit von der vom Prüfer angewandten Methode).
  • Legen Sie sich eine Liste mit den nicht korrigierten Fehlern oberhalb der Nichtaufgriffsgrenze auf Wiedervorlage, damit diese im Rahmen der kommenden Jahresabschlussprüfung nicht in Vergessenheit geraten. Ergänzen Sie Ihre eigenen Aufzeichnungen mit der Aufstellung der nichtgebuchten Prüfungsdifferenzen des Abschlussprüfers, um im Rahmen der folgenden Prüfung eine korrekte Einhaltung der festgelegten Grenzen dokumentieren zu können.
  1. http://www.duden.de/rechtschreibung/wesentlich; Einsichtnahme am 12. Oktober 2017
  2. Rundschreiben 10/2012 (BA) – Mindestanforderungen an das Risikomanagement – MaRisk; Stand: 14.12.2012
  3. AT 2.2 Tz 2 MaRisk
  4. Vgl. Interne Revision aktuell; Berufsstand 07/08: Prüfungsansätze und -methoden; DIIR – Deutsches Institut für Interne Revision e.V.; 2008, Seite 26 – 27
  5. Vgl. Bertram/Brinkmann/Kessler/Müller; Haufe HGB Bilanz Kommentar, 6. Auflage, § 252, Tz. 154
  6. „Jahresabschlussprüfung” im diesen Kontext beinhaltet auch die Prüfung des Lageberichtes; auch wenn die Praxis zeigt, dass in der Regel der Lagebericht nicht durch die Interne Revision geprüft wird.
  7. Der Prüfungsstandard entspricht dem International Standard on Auditing (ISA) 320 “Materiality in Planing and Performing an Audit” und dem International Standard on Auditing (ISA) 450 „Evaluation of Misstatements Identified during the Audit“.
  8. Im weiteren Verlauf wird auf die Darstellung der spezifischen Wesentlichkeit und der daran anschließenden spezifischen Toleranzwesentlichkeit verzichtet. Aus Sicht des Verfassers verkompliziert eine entsprechende Festlegung durch die Interne Revision die Anwendung des Konzepts der Wesentlichkeit ohne den Organen – als Empfänger des Prüfungsprotokolls – zusätzlichen Nutzen zu stiften.
  9. Das bilanzielle oder wirtschaftliche Eigenkapital, jedoch nicht die anrechenbaren Eigenmittel.
  10. International Standard on Auditing (ISA) 320 “Materiality in Planing and Performing an Audit”, ISA 320.A7
  11. Small and Medium Practices Committee of the International Federation of Accountants (IFAC): Guide to Using International Standards on Auditing in the Audits of Small- and Medium-Sized Entities, Vol. II, 3. Aufl., S. 61
  12. IDW in „Fragen und Antworten zur Festlegung der Wesentlichkeit und der Toleranzwesentlichkeit nach ISA 320 bzw. IDW PS 250 (Stand 17.11.2011)“, Tz 3.3.III.
  13. International Standard on Auditing (ISA) 320 “Materiality in Planing and Performing an Audit”, ISA 320.9
  14. Es handelt sich hier nur dem Anschein nach um quantitative Aspekte, da hier die korrekte Überführung des Wertes aus dem Jahresabschluss in den Anhang und/oder dem Lagebericht im Fokus steht. Somit kann ein falscher Wert im Jahresabschluss in der Darstellung im Anhang und/oder Lagebericht korrekt sein, da dort der „falsche“ Wert „korrekt“ wiedergegeben wird.
  15. In Anlehnung an: IDW in „Fragen und Antworten zur Beurteilung der festgestellten falschen Darstellungen nach IAS 450 bzw. IDW PS 250 n.F. (Stand 07.01.2013)“, Tz 6.XIV
  16. In Anlehnung an: IDW in „Fragen und Antworten zur Beurteilung der festgestellten falschen Darstellungen nach IAS 450 bzw. IDW PS 250 n.F. (Stand 07.01.2013)“, Tz 6.VIII

Beitragsnummer: 38975



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