Eigenkapitalnormen für Banken – Probleme und Lösungsansätze

Eigenkapitalnormen für Banken – Probleme und Lösungsansätze

Prof. Dr. Werner Neus, Leiter der Abteilung Bankwirtschaft an der Universität Tübingen

Warum eine Eigenkapitalnorm für Banken notwendig ist

Eigenkapital im Allgemeinen verwirklicht die für ein marktwirtschaftliches System konstituierende Anforderung einer Haftung der Unternehmenseigentümer für ihre Entscheidungen. Wenn sie das Recht haben, sich die nach Befriedigung der Forderungen aller Gläubiger verbleibenden Überschüsse aneignen zu dürfen, müssen die Eigentümer auch die Verpflichtung übernehmen, Defizite auszugleichen, damit Gläubiger (oder allgemeiner alle dritten Parteien) von negativen Entscheidungsfolgen freigestellt werden. Anderenfalls entsteht der Anreiz, über Gebühr hohe Risiken einzugehen, weil der unbegrenzten Beteiligung an erhöhten Gewinnen eine eng begrenzte Beteiligung an erhöhten Verlusten gegenübersteht.

Das Drei-Komponenten-System

Eigenkapitalnormen bestehen durchweg aus drei Komponenten: Der Definition von Eigenkapital, der Definition von Risiko und der Festlegung einer Mindestrelation zwischen diesen beiden Größen. An jeder der Komponenten hat es immer wieder Änderungen gegeben. Eine Gemeinsamkeit der Entwicklungen besteht darin, dass die Vorschriften immer differenzierter wurden. Dies betrifft zum einen die Messung von Risiken, in die mehr und mehr Komponenten eingehen. Dabei ist es den Banken erlaubt, eigene Risikomessmodelle zu verwenden, die ihrerseits wieder zu beaufsichtigen sind. Zum anderen betrifft es die Messung von Eigenkapital, dessen Komponenten im Laufe der Jahre zunächst ausgeweitet und erst nach den Erfahrungen aus der Bankenkrise 2007/08 wieder eingeschränkt wurden. Entgegen der bisweilen geäußerten öffentlichen Wahrnehmung kam es nach der jüngsten Krise auch zu einer erheblichen Verschärfung der Mindestrelation von Eigenkapital zu Risiko.

Lobbyisten verfolgen eigene Interessen

Eine Regulierung ist grundsätzlich überflüssig, wenn die regulierten Einheiten nicht über eine zu scharfe Regulierung klagen. Eine geschickte Lobby verweist natürlich niemals auf die eigenen Interessen, sondern auf tatsächlich oder auch nur vermeintlich gefährdete Drittinteressen. Hier ist v. a. die Befürchtung, die Finanzierungskosten für die Realwirtschaft und insbesondere den Mittelstand würden ansteigen, wenn die Banken deutlich mehr Eigenkapital vorhielten und dabei billiges Fremdkapital durch teures Eigenkapital ersetzten. Viele der dabei vorgebrachten Argumente sind allerdings schräg oder schlicht falsch. Zunächst einmal werden hier Ursache und Wirkung vertauscht. Eigenkapital ist teuer, weil der Verschuldungsgrad so hoch ist, nicht umgekehrt; das besagt der sogenannte Leverage-Effekt. Fremdkapital ist billig, weil es in mehrfacher Weise staatlich subventioniert wird.

Zum einen erfolgt eine doppelte Besteuerung von Erträgen auf das Eigenkapital, nämlich auf Unternehmens- und Investorenebene, während Erträge auf das Fremdkapital nur auf Investorenebene zu versteuern sind, von der Bemessungsgrundlage auf Unternehmensebene aber abgezogen werden dürfen. Zum anderen gibt es eine implizite staatliche Garantie auf das Bank-Fremdkapital. Besteht die Erwartung, dass in einer akuten Bankenkrise der Staat die Gläubiger herauspaukt (Bail-out), kalkulieren diese eine zu geringe Risikoprämie ein. Empirische Untersuchungen bestätigen, dass dies tatsächlich der Fall ist. Daher ist es unbedingt sinnvoll, Investoren in stärkerem Umfang als noch zu Zeiten der Bankenkrise an der Bewältigung von Verlusten zu beteiligen (Bail-in) und somit den Steuerzahler aus seiner De-facto-Haftung zu entlassen. Auch hier wäre es verkehrt zu behaupten, an dieser Front hätte sich seit der Krise nichts getan oder würde sich nichts mehr tun.

SEMINARTIPPS

RWA-Optimierung zur Eigenkapital-Einsparung, 26.04.2018, Köln.

Überprüfung eingesetzter Risikoquantifizierungsmaßnahmen, 24.04.2018, Köln.

Neuausrichtung Risikotragfähigkeit-Konzept, 18.–19.06.2018, Köln.

8. Kölner Risikomanagement Tagung, 04.-05.06.2018, Köln.

Wichtige Fragen und Lösungsansätze

Doch sind mit den seit der Bankenkrise verabschiedeten Reformen alle Probleme gelöst? Gewiss nicht. Gibt es überhaupt eindeutige Verfahren zur „richtigen“ Risikomessung oder zur „optimalen“ Härte einer Eigenkapitalnorm? Gewiss nicht.

Trüge hingegen eine weitere Verschärfung der Eigenkapitalnormen zur Verbesserung der Stabilität bei? Gewiss. Die von Martin Hellwig in den Raum gestellte Ziffer von bis zu 30 % (bilanziellem) Eigenkapital, wie sie bei Nichtbank-Unternehmen üblich sind, könnte eine Messlatte darstellen.

Ließen schärfere Normen den Banken allerdings noch Luft zum Arbeiten? Grundsätzlich schon, auch wenn die eine Bank darunter vielleicht lauter ächzt als die andere. Was den Banken (und teilweise auch ihren Kunden!) das Alltagsgeschäft enorm erschwert, ist die Flut von Detailvorschriften mit den zugehörigen Dokumentationspflichten. Würde den Banken im Wege von mehr Eigenkapital eine weitergehende Haftung auferlegt, käme es zu einer stärkeren Internalisierung externer Effekte und im Gegenzug könnten Detailvorschriften gelockert werden.

Die spannende Frage „Würden schärfere Eigenkapitalnormen die Finanzierungsmöglichkeiten für die Wirtschaft beeinträchtigen?“, lässt sich wohl nicht mit einem glatten Nein beantworten, wenngleich man nicht alles glauben sollte, was Parteien mit eigenen Interessen dazu vorbringen.

PRAXISTIPPS

  • Eigenkapital verwirklicht die für ein marktwirtschaftliches System relevante Anforderung der Haftung der Unternehmenseigentümer für ihre Entscheidungen.
  • Eigenkapitalnormen bestehen durchweg aus drei Bausteinen: Der Definition von Eigenkapital, der Definition von Risiko und der Festlegung einer Mindestrelation zwischen diesen beiden Größen.
  • Besteht die Erwartung, dass in einer akuten Bankenkrise der Staat die Gläubiger herauspaukt (Bail-out), kalkulieren diese eine zu geringe Risikoprämie ein.
  • Investoren sollten sich in stärkerem Umfang als noch zu Zeiten der Bankenkrise an der Bewältigung von Verlusten beteiligen müssen (Bail-in) und somit den Steuerzahler aus seiner De-facto-Haftung entlassen.

BUCHTIPPS

CRR-Handbuch zur Solvabilität, 3. Aufl. 2014.

Achtelik/Frommelt-Drexler/Flach (Hrsg.), Sicherheiten-Management nach CRR, 3. Aufl. 2015.

Klopf/Kasprowicz (Hrsg.), Neue regulatorische Offenlegungspflichten für Kreditinstitute, 2. Aufl. 2016.

Infos unter www.FC-Heidelberg.de

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