Interview mit Seyfi Günay, Direktor für Finanzkriminalität und Terrorismus bei LexisNexis Risk Solutions

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Sascha Sychov, Bereichsleiter Digitalisierung und IT, Finanz Colloquium Heidelberg GmbH

Sychov: Erklären Sie uns bitte den Begriff „Kryptowährung“.

Günay: Unter Kryptowährungen versteht man Zahlungsmittel, die ausschließlich in digitaler Form existieren. Zu den bekanntesten zählen Bitcoin, Ethereum und Ripple. Eine Kryptowährung ist dabei nicht einfach nur eine Datei auf dem Computer – es handelt sich vielmehr um einen Eintrag in eine öffentlich zugängliche Datenbank, die sogenannte Blockchain.

Vereinfacht ausgedrückt stellen Kryptowährungen ein „Bezahlnetzwerk“ im Internet dar, mit dem man Münzen hin- und herschicken kann – nur dass die Münzen in diesem Fall aus Computercodes bestehen. Wer diesen Code hat, verfügt auch über die Coins dahinter.

Sychov: Was ist das Besondere an der digitalen Währung?

Günay: Im Gegensatz zu herkömmlichen Währungen, die von Zentralbanken ausgegeben werden, werden Kryptowährungen ausschließlich auf den Computern von Millionen von Nutzern verwaltet, was sie theoretisch immun gegen staatliche Eingriffe oder Manipulationen macht. Ein weiterer Unterschied zum normalen Geld: Der Zahlungsverkehr findet ebenfalls direkt zwischen den Teilnehmern des Währungssystems statt – und somit ganz ohne Banken und andere Mittelsmänner.

Bei Kryptowährungen werden Bankkonten zudem durch sogenannte Wallets ersetzt, auf die nur der jeweilige Nutzer Zugriff hat. Das Kassenbuch einer Kryptowährung ist die Blockchain, in der jede Coin und jede Überweisung aufgezeichnet wird. Obwohl diese Vorgänge für alle einsehbar sind, ist eine Identifizierung der Handelspartner dennoch nicht möglich. Man spricht in diesem Zusammenhang von sogenannter „Pseudoanonymität“.

Sychov: Wie entstehen diese?

Bitcoin und zahlreiche andere digitale Währungen werden im Computernetzwerk der User generiert – man spricht dabei vom sogenannten „Mining“. Einzelne Transaktionen werden dabei als Blöcke zusammengefasst und innerhalb des Kryptowährungsnetzwerks an die Computer aller Teilnehmer gesendet. Jeder neue Block mit Transaktionen wird mit einem mathematischen Problem versehen, das es zu lösen gilt – und das erfordert viel Rechenpower, da die Computer die Lösung mit Millionen von Versuchen erraten müssen. Für das richtige Ergebnis werden die schnellsten unter ihnen dann mit Coins „belohnt“. Dieser „Rechenwettbewerb“ dient aber nicht nur der bloßen Erzeugung der Währung, sondern wickelt gleichzeitig den verschlüsselten Finanztransfer zwischen den digitalen Konten ab.

Sychov: Kryptos sind sehr umstritten, wenn es sich um den legalen Gebrauch handelt. Selbst Bill Gates sagte, dass deren Hauptfunktion die Anonymität sei. Was denken Sie über eine Regulierung? Macht das Sinn, da sonst die Innovation „verloren” geht?

Günay: Obwohl viele in virtuellen Währungen eine Gefährdung der Finanzstabilität sehen, macht es meiner Ansicht nach dennoch wenig Sinn, Bitcoin & Co. zu regulieren. Kryptowährungen werden nämlich erst dann richtig wertvoll, wenn sie aus der diffusen Grauzone, in der sie sich momentan befinden, in den offiziellen, überwachten Finanzkreislauf überführt werden. Dazu muss man wissen, dass virtuelle Währungen keinen fundamentalen Wert haben – dieser bemisst sich lediglich nach der Erwartung der User, dass Kryptogeld irgendwann einmal ein akzeptiertes Zahlungsmittel ist. Wenn der Staat regulierend eingreift und Kryptowährungen offiziell zu einem gesetzlichen Zahlungsmittel macht, sorgt er also dafür, dass die Wette der Krypto-Pioniere aufgeht – und das kommt einer Lizenz zum Gelddrucken gleich.

Sychov: Viele behaupten, dass sich Kryptos hauptsächlich für Kriminelle eignen. Klar, da die dezentrale Währung nicht zurückzuverfolgen ist. Aber wo ist der Gewinn für die legalen Nutzer?

Günay: Die Technologie, auf der Kryptowährungen basieren, ist viel sicherer als herkömmliche Verschlüsselungen. Alle Informationen, von der Geldmenge über die Guthaben der Teilnehmer, bis hin zu Transaktionen, werden in der gemeinschaftlichen Blockchain gesichert, also in einem fortlaufenden, kryptographisch verschlüsselten Protokoll.

Während der Überweisungen wird die Blockchain ständig weltweit synchronisiert. Jeder Nutzer im gesamten Netzwerk hat die gleiche Ausgabe der Blockchain – und da die Blockchain öffentlich ist, kann sie von niemandem kontrolliert werden. Es gibt keine Möglichkeit, die Blockchain zu hacken, es sei denn, den Hackern gelingt es, zeitgleich Millionen von Computern anzugreifen, die auf der ganzen Welt verteilt sind. Manipulationen sind somit nahezu unmöglich.

Sychov: Welches Potenzial können Banken aus Kryptowährungen erzielen?

Günay: Banken auf der ganzen Welt erkennen zunehmend die potenziellen Vorteile digitaler Währungen. Überweisungen im internationalen Zahlungsverkehr können durch den Einsatz von Kryptowährungen beispielsweise deutlich schneller und günstiger als bisher abgewickelt werden. Eine Partnerschaft zwischen Kryptowährungen und etablierter Finanzwelt ist somit durchaus möglich.

Sychov: Welche Vorteile lassen sich mittels Kryptowährungen erzielen?

Günay: Transaktionen mit Kryptowährungen sind kostenfrei und wesentlich schneller als herkömmliche Überweisungen. Eine normale Banküberweisung ins Ausland braucht beispielsweise vier Tage und verschlingt aufgrund der Umwege über Korrespondenzbanken und der damit einhergehenden Gebühren eine nicht unerhebliche Menge an Geld. Mit Kryptowährungen ist der Zahlungsvorgang fast umsonst und in zehn Minuten erledigt.

Darüber hinaus sind Kryptowährungen das perfekte Gegenteil des heutigen Banksystems: Sie sind absolut transparent und niemand kann die Menge an Coins oder die mathematischen Grundlagen ändern. Durch die begrenzte Anzahl an Coins ist die Währung außerdem nicht durch Inflation gefährdet.

Sychov: Welche Nachteile?

Günay: Während die Blockchain-Technologie als sicher gilt, geraten Wallets und Tauschbörsen immer wieder ins Visier von Hackern. Beispielsweise haben anonyme Hacker auf einer Tauschplattform in Hong Kong im August 2016 Bitcoins im Wert von 58 Mio. € gestohlen. Trotzdem boomen Kryptowährungen und immer mehr Coins geraten in Umlauf. Experten warnen mittlerweile vor einer Spekulationsblase und raten davon ab, in Kryptowährungen zu investieren. Sie finden, dass ihr Wert künstlich in die Höhe getrieben wird, was die Blase früher oder später zum Platzen bringen könnte.

Sychov: Haben Kryptowährungen eine Zukunft?

Günay: Dass Bitcoin, Ripple & Co. auf absehbare Zeit den etablierten Zahlungsverkehr komplett ersetzen werden, ist eher unwahrscheinlich, da kaum eine Regierung bereit sein wird, auf das Monopol eines eigenen gesetzlichen Zahlungsmittels zu verzichten. Folglich wird sich auch der Einfluss von Kryptowährungen auf die Geschäftswelt in Grenzen halten, da Finanzakteure und Privatpersonen nicht verpflichtet sind, Bitcoin und andere Kryptowährungen zu akzeptieren.

Doch selbst wenn Kryptowährungen ihren Platz in der Finanzwelt finden – was keinesfalls ausgeschlossen werden kann – kann niemand prophezeien, welche der zahlreichen virtuellen Währungen sich auf längere Sicht halten wird. Viele Experten gehen beispielsweise davon aus, dass Bitcoin aufgrund des hohen Energieeinsatzes, der für das Mining benötigt wird, wieder in der Versenkung verschwinden wird.

Eine eindeutige Prognose lässt sich somit nicht abgeben. Die Situation, in der sich die Finanzwelt derzeit befindet, ist mit der Einführung des Internets in die Telefonbranche vergleichbar: Das Aufregendste an Kryptowährungen ist nicht, was sie jetzt schon sind – sondern was sie in Zukunft noch sein werden.

Herr Günay, ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview und dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Mit den besten Grüßen

Sascha Sychov, Bereichsleiter Digitalisierung und IT, Finanz Colloquium Heidelberg GmbH

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