Liquidität: Digitale Wachstumsunternehmen brauchen smarte Banken

Flexible Fremdkapital-Lösungen auf Basis innovativer Bewertungskriterien.

Daniel Kreis, CEO, Deutsche Handelsbank

I. Digitale Geschäftsmodelle im Banking- und Finance-Bereich sind auf dem Vormarsch

Finanztechnologie boomt: Alleine in Deutschland wurden laut einer aktuellen Studie in den ersten neun Monaten 2018 778 Mio. € in FinTechs investiert. Ausreichend Zugang zu Kapital ist einer der wichtigsten Wachstumshebel für die Digitalbranche und hier hat sich erfreulicherweise in den vergangenen Jahren viel getan. Es gibt mittlerweile viele verschiedene Optionen, um als Startup Finanzierungen zu sichern. Der Großteil des Kapitals für junge Unternehmen stammt dabei i. d. R. von professionellen Investoren (z. B. Venture Capital, Business Angels etc.). Der klassische Fremdkapital-Zugang hingegen, mit dem in der Vergangenheit viele Mittelständler hierzulande ihr Wachstum finanziert haben, wird von Digitalunternehmen nicht immer als mögliche Option wahrgenommen. Das liegt zum einen an den traditionellen Banken selbst, die bislang häufig Digital-Unternehmen in der Wachstumsphase gar nicht oder nur mit hohen Risikoaufschlägen finanzieren. Gründer wiederum scheuen den Aufwand, den ein herkömmlicher Kreditantragsprozess mit langwierigen Entscheidungen mit sich bringt. Digitale Wachstumsunternehmen benötigen hierbei die Hilfe von Spezialbanken, die das Geschäftsmodell des Startups verstehen und mit schnellen und flexiblen Finanzierungslösungen (z. B. Working Capital und Factoring) sowie im Zahlungsverkehr (z. B. Konto- und ZAG-Lösungen) unterstützen können. Eine professionelle Liquiditätsausstattung der Startups trägt dabei auch zur Entwicklung eines erfolgreichen Gründerstandorts Deutschland bei.

II. Wachstum benötigt Liquidität

Die Verfügbarkeit von Barmitteln ist für Gründer eine wichtige Frage. Bei allen Startups und Wachstumsunternehmen ist die Liquiditätsstrategie phasenabhängig und ein Schlüsselfaktor für den weiteren Unternehmenserfolg. Während der ersten Unternehmensphase (z. B. Seed-Phase, Pre-Series A) stellt Eigenkapital z. B. über Wagniskapital (VC oder Business Angel) oft die einzige Finanzierungsquelle bzw. Wachstumsmöglichkeit dar. Hat das Unternehmen dann den „Proof of Concept“ erreicht, beginnt die Growth-Phase, die mit einem dynamischen Kunden- und Umsatzwachstum einhergeht. In dieser Phase liegt der Fokus bei digitalen Unternehmen meist weniger auf Ertrag, sondern vielmehr auf der Gewinnung von Marktanteilen sowie auf der Expansion in neue Märkte und Umsatzsteigerung. Oft weisen diese Unternehmen exponentiell steigende Umsätze (> 50 % pro Jahr sind keine Seltenheit) bei häufig noch negativem EBIT aus. In dieser Phase ist Fremdkapital als weitere Finanzierungsquelle, speziell für das Working Capital, besonders geeignet.

III. Eigenkapital strategisch einsetzen

Der gezielte Einsatz von Fremdkapital kann potenzielle Liquiditätsengpässe bei Growth-Unternehmen verhindern, wie sie beispielsweise im E-Commerce-Bereich zu beobachten sind: Nebeneffekte des starken Unternehmenswachstums bei digitalen Händlern sind i. d. R. steigende Forderungsvolumina bei gleichzeitigem Aufbau der Lagerkapazitäten (i. d. R. nehmen z. B. bei E-Commerce-Unternehmen Sortimentsbreite und -tiefe zu). Das vorhandene Eigenkapital bzw. die vorhandene Liquidität wird dann häufig im großen Umfang für die Finanzierung des Umlaufvermögens herangezogen und ist damit im Working Capital gebunden. Dies ist ein Fehler, denn das „hochwertige“ Eigenkapital sollte in erster Linie zur Erreichung der strategischen Bereiche (z. B. Expansion, Marketing, Personal) verwendet werden, Fremdkapital dagegen zur Optimierung des Working Capital.

IV. Fremdkapital als Wachstumshebel

In der Wachstumsphase ist die Hinzunahme von Fremdkapital als flexible Kontokorrentlinie am wertvollsten: Es stellt einen enormen Wachstumshebel dar. Gleichzeitig müssen Gründer im Gegenzug keine Anteile abgeben und müssen keine Verwässerung befürchten. Dennoch fragen Gründer kaum den klassischen Bankkredit als Alternative nach. Das könnte daran liegen, dass die Growth-Phase durch starkes Wachstum gekennzeichnet ist, aber meistens eben auch noch negatives EBIT und eine hohe Cash Burn-Rate aufweist. Die meisten Banken sind aufgrund traditioneller Risikomodelle mit Schwerpunkt auf vergangenheitsbezogenen Daten schwer in dieser Phase als Finanzierungspartner zu gewinnen. Hier bieten sich vor allem Spezialbanken als Partner für digitale Wachstumsunternehmen an. Dabei handelt es sich um Geldinstitute, häufig selbst Startup-Unternehmen aus dem Bereich FinTech, die ein tiefes Grundverständnis der einzelnen Geschäftsmodelle aufbringen müssen.

Diese Spezialbanken legen bei digitalen Wachstumsunternehmen nicht selten Standards für die Kreditwirtschaft, wie Prüfung von Jahresabschlüssen und BWA, an. Dazu wird auch Wert auf eine genaue Analyse der jeweils unternehmensspezifischen Kennzahlen gelegt. Zu den wichtigsten KPIs neben Umsatz bzw. Umsatzwachstum zählen z. B. Customer Acquisition Costs (CAC), Customer Lifetime Value (CLV), Monthly oder Annual Recurring Revenues (MRR/ARR), die Cash Burn Rate, d. h. der regelmäßige Kapitalverzehr, die Churn Rate bei Abo-Modellen bzw. die Retourenquote bei E-Commerce-Unternehmen und die Rohertragsmarge. Anhand dieser Kennzahlen wird bewertet, ob das Geschäftsmodell funktioniert und ob damit – ggf. trotz noch auftretenden bzw. geplanten Verlusten – Fremdkapital gegeben werden kann oder ob es sich noch um Risikokapital handelt. Weitere Voraussetzungen sind eine erfolgreiche Series A-Finanzierungsrunde und mindestens ein professioneller VC-Geber an Bord. Die interne Prüfung der Kreditanträge erfolgt i. d. R. digital. Gründer legen zudem darauf Wert, innerhalb weniger Tage einen abschlussfähigen, dreiseitigen Kreditvertrag mit schneller Auszahlung zu erhalten.

PRAXISTIPPS

  • Keine Angst vor Fremdkapital. Es stellt im Vergleich zu Venture Debt oder auch der weiteren Aufnahme von Eigenkapital die günstigste und skalierbarste Finanzierungsalternative dar.
  • Die Bank ist der Partner. Besonders in der Growth-Phase dient die Bank als wichtiger Partner für Gründer, Manager, aber auch für bereits investierte professionelle Investoren.
  • Die Einbindung eines professionellen Fremdkapitalgebers verringert die Verwässerung der Anteile (Dilution) und sorgt zudem für eine optimierte Liquiditätsplanung und damit mehr Zeit bis zu einer eventuell weiteren Kapitalerhöhung.
  • Durch die Aufnahme von Fremdkapital zeigt das Wachstumsunternehmen „Bankability“. Dadurch ist durch die Skalierbarkeit bzw. den Leverage-Effekt des Fremdkapitals oftmals auch eine höhere Unternehmensbewertung zu erzielen.
  • Spezialbanken erwarten von digitalen Wachstumsunternehmen neben klassischen Bewertungsunterlagen wie Jahresabschlüssen oder BWA i. d. R. weitere unternehmensspezifische Kennzahlen wie Customer Acquisition Costs (CAC), Customer Lifetime Value (CLV), Monthly oder Annual Recurring Revenues (MRR/ ARR).

 

 

 

Beitragsnummer: 54556


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