Nachruf Dr. h.c. Gerd Nobbe, Vorsitzender Richter am BGH a.D.

© Stefan Gröpper Photography

Liebe Leserinnen und Leser,

der Vorsitzende Richter am BGH a.D. Dr. h.c. Gerd Nobbe ist am 14.04.2019 im Alter von 75 Jahren verstorben. Mit ihm verlieren wir einen wirklich großen Bankrechtler, der das Rechtsgebiet wie kaum ein Zweiter gestaltet hat. Er hat den Vorsitz des XI. Zivilsenates und damit des Bankrechtssenates am BGH von Herbert Schimansky 1999 übernommen und den Senat zehn Jahre bis 2009 geleitet, bevor er altersbedingt aus dem aktiven Richterdienst ausgeschieden ist. Danach war er als Ombudsmann und weiterhin intensiv als Autor und Referent im Bankrecht tätig.

Eine meiner ersten persönlichen Begegnungen mit Gerd Nobbe war beim RWS-Forum Bankrecht im Jahr 2000. Als wir zufällig allein im Aufzug des Seminarhotels unterwegs waren, fragte er mich unvermittelt: Wie ist das nun mit der Vorfälligkeitsentschädigung, Herr Rösler? So habe ich ihn immer erlebt: Sehr neugierig, sehr fokussiert, sehr darauf bedacht, die singulären Sachverhalte beim BGH in das Lebenssachverhaltspotpourri einzuordnen. Dabei stand bei ihm das Recht im Vordergrund, es war ihm wichtig, juristisch und dogmatisch sauber zu argumentieren und nicht in unvorhersehbare Einzelfalljurisprudenz abzugleiten. Daher wurde ihm – für mich nie nachvollziehbar – gelegentlich auch vorgehalten, in seiner Rechtsprechung zu bankenfreundlich agiert zu haben.

In seine Zeit beim XI. Senat fielen die Schrottimmobilienfälle, Entgeltfälle, sittenwidrige Bürgschaften, AGB-Klauseln, Haftungsfälle bei Krediten und Wertpapieranlagen und vieles mehr.  Der Senat hat unter seiner Leitung immer versucht, sich solchen Themenkomplexen über den vorliegenden Einzelfall vorsichtig zu nähern, auch wenn das nicht immer einfach und vielleicht wie beim Thema Rechtsberatung auch nicht immer gelungen war.

Gerd Nobbe wollte dabei immer auch das Rechtgebiet Bankrecht nach vorn bringen. Er hat mir bei Gründung der Zeitschrift für Bank- und Kapitalmarktrecht im Beck-Verlag genauso schnell die Rolle als Mitherausgeber zugesagt wie später die Mitherausgeber- und Autorenschaft bei den im FCH erscheinenden Kommentaren zum Kreditrecht und zum Zahlungsverkehrsrecht. Zu letzterem hat er in den Wochen vor seinem Tod noch sein aktualisiertes Manuskript abgegeben. Pflichterfüllung und Bankrecht bis zum Schluss.

Bei allen Treffen habe ich ihn als Menschen mit einer klaren Meinung erlebt, der aber immer zum – auch nachdrücklichen – juristischen Diskurs mit glasklarer Argumentation bereit und für andere Ansichten sehr offen war. Ich hatte bei ihm nie den Eindruck, dass er von „oben herab“ als Vorsitzender Richter am BGH andere Meinungen nicht gelten ließ. So hatte Gerd Nobbe ja erst die Meinung, dass ein Bausparvertragabschlussentgelt nicht zulässig sei, hat sich dann aber während einer WM-Veranstaltung und den daran anschließenden Heidelberger Bankrechts-Tagen des FCH im Laufe der Diskussion durch Argumente vom Gegenteil überzeugen lassen.

In langen handgeschriebenen Briefen hat er sich für Beiträge bedankt, die ihm gewidmet bzw. in seiner Festschrift verfasst wurden. Nicht nur DANKE, die inhaltliche Beschäftigung mit dem bankrechtlichen Thema nahm in diesen Briefen wie in seinem Leben einen breiten Raum ein. Ich habe ihn als Juristen und Menschen außerordentlich geschätzt, werde ihn nie vergessen und ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Alle Mitarbeiter der FCH Gruppe trauern mit seinen Angehörigen und der ganzen bankrechtlichen Gemeinschaft. Zum Zeichen unserer Trauer ist das Cover dieser Ausgabe des BankPraktiker schwarz statt blau.

 

Prof. Dr. Patrick Rösler, Rechtsanwalt, Vorstandsvorsitzender FCH Gruppe AG und Professor für Bankrecht an der Allensbach Hochschule

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beitragsnummer: 71180


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