The purpose of business is business (too)

Ein Plädoyer für eine ethische Unternehmensführung.

Stefan Kern, Mitglied des Vorstandes, Volksbank Trossingen eG.

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I. Einleitung: Ein Wirtschaftssystem am Scheideweg?

In den letzten Jahren hat sich in weiten Teilen der Wirtschaft und insbesondere der Finanzwirtschaft ein Unbehagen breit gemacht. Dieses Unbehagen umfasst grundlegende Fragen, die sich in konkreten Krisen und Skandalen manifestieren, allem voran die Finanzmarktkrise in den Jahren ab 2008 und deren bis heute anhaltenden Konsequenzen. Und diese Fragen erschüttern ehemals unbestrittene Wahrheiten: Ist vor dem Hintergrund von Umweltrisiken und Klimawandel ein unendliches Wirtschaftswachstum sinnvoll oder möglich? Schafft wirtschaftliches Wachstum auch in Zeiten veränderter Demographie und Digitalisierung immer von Neuem Arbeitsplätze und Prosperität? Sind freie und unbeschränkte Kapitalmärkte der Gesamtwirtschaft wirklich förderlich oder schaden vielmehr Finanzprodukte und deren Handel ohne sogenannten „realwirtschaftlichen“ Anknüpfungspunkt unter dem Strich der Wirtschaft und der Gesellschaft?

Einen Höhepunkt erfuhr diese Systemkritik von ungewöhnlicher, aber sehr prominenter Seite: In seinem apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ formulierte Papst Franziskus: „Diese Wirtschaft tötet.“[1] In der reflexhaften Abwehrhaltung, die diese Aussage zur Folge hatte, wurde meist (wohl bewusst) übersehen, dass das Kirchenoberhaupt offensichtlich nicht die (soziale) Marktwirtschaft an sich, sondern eine weitgehend unreglementierte Wirtschaft, mithin einen Laissez faire ohne wirksame rechtstaatliche und soziale Strukturen in den Blick nahm. Die Beschreibung dieses Systems gelingt in dem Schreiben präzise und gilt als Mahnung, entsprechende Tendenzen in Europa und in der Welt wirksam und entschieden zu bekämpfen. Zudem taugen das Schlagwort und die Kritik des Papstes als Allegorie in Bezug auf ein aus den Fugen geratenes Finanzsystem, welches – zumindest in Teilen – zunehmend um sich selbst kreist und den eigentlichen Geschäftszweck aus den Augen verliert.

Gerade eine jüngere Generation formuliert ihren Wunsch nach neuen unternehmerischen Methoden, die einen sozialen oder ökologischen Wandel in sich tragen. So gaben in einer Befragung des „Bundesverbandes Deutsche Startups“ rd. 30 % der befragten Gründer an, dass sie ein Ziel der „Green Economy“ sowie der „Social Entrepreneurship“ („soziales Unternehmertum“) verfolgen[2]. In einer (repräsentativen) Studie der Coaching-Plattform „BetterUp“ in den USA hatten neun von zehn befragten Berufstätigen angegeben, für sinnstiftende Arbeit auf Gehalt zu verzichten[3]. Die Anforderung an Unternehmen, sich stärker für die Gesellschaft zu engagieren, wird nunmehr sogar von hochrangigen Vertretern des „Big Business“ gefordert: In einem Schreiben an diverse Konzerne verweist Larry Fink, CEO von BlackRock, darauf, dass „die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, private wie öffentliche, einem sozialen Zweck dienen“ müssen. Um langfristig zu prosperieren, müsse jedes Unternehmen nicht nur eine finanzielle Leistung erbringen, sondern auch zeigen, wie es einen positiven Beitrag zur Gesellschaft erbringt. Alle müssten profitieren: Aktionäre, Beschäftigte, Kunden und auch die Gemeinschaft, in der ein Unternehmen tätig sei. Andernfalls drohe einem Unternehmen, dass es seine „Lizenz zum Arbeiten“ verliere[4].

Was ist also dran an dem Wunsch oder der Aufforderung, Unternehmen müssten sich sozial engagieren oder gar ihr Handeln und ihre Ziele auf einen sozialen und ökologischen Sinn und Zweck ausrichten. Nachfolgend soll grundsätzlich, jedoch mit einem Fokus auf Finanzdienstleister, nach der praktischen Relevanz und nach einer Orientierung gesucht werden.

II. Was ist der Zweck eines Unternehmens – eine kurze Analyse

1. Die alleinige Verantwortung eines Unternehmens: Gewinne erzielen?

Bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen einer Veranstaltung der DDW lieferten sich der Philosoph, Richard David Precht und der BDI-Präsident, Ulrich Grillo einen sehenswerten Schlagabtausch zu der Frage, was die Aufgaben der Wirtschaft bzw. eines Unternehmens seien[5]. Recht überraschend insistierte der Philosoph, dass ein Unternehmen alleine die Aufgabe habe, Gewinne zu erzielen, was für sich genommen weder ethisch noch unethisch sei, während der Wirtschaftsvertreter betonte, dass die Wirtschaft der Gesellschaft zu dienen und deren Wohlstand zu mehren habe. Ein langfristiger Erfolg sei nur dann gegeben, wenn eine wertorientierte, ethische Haltung mit einem wirtschaftlichen Ziel der Gewinnerzielung in Einklang gebracht würde. So charmant die Ausführungen des BDI-Vorsitzenden sind, so sehr decken sie sich nicht mit den Rahmenbedingungen des augenblicklichen Wirtschaftssystems.

Nach ganz herrschender Auffassung in der Betriebswirtschaftslehre ist das erwerbswirtschaftliche Prinzip, also die Erzielung eines größtmöglichen Gewinns auf eingesetztes Eigenkapital („Eigenkapitalrentabilität“ oder auch „Unternehmensrentabilität“) Grundvoraussetzung für alle weiteren wissenschaftlichen Überlegungen. Der Erfolg eines Unternehmens wird letztlich gemessen an dessen Gewinn, und zwar als der Differenz von Ertrag und Aufwand, den das Unternehmen erzielt. Das sind die betriebswirtschaftlichen Größen[6]. Auch unser Rechtssystem nimmt eine ausnahmslos ökonomische Perspektive ein: Regelungsziel sind die Vermeidung oder die Lösung wirtschaftlicher Zielkonflikte zwischen den Beteiligten. Im Bereich der Banken kommen umfassende statuierte Kapitalanforderungen und sonstige regulatorische Anforderungen hinzu. Um es nun mit Milton Friedman zusammenzufassen: „In einem freien Wirtschaftssystem gibt es nur eine einzige Verantwortung für die Beteiligten: Sie besagt, dass die verfügbaren Mittel möglichst gewinnbringend eingesetzt und Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Profitabilität geführt werden müssen, solange dies unter Berücksichtigung der festgelegten Regeln des Spiels geschieht, d.h. unter Beachtung der Regeln des offenen und freien Wettbewerbs (…)“[7]. Die eine und einzige Verantwortung, die ein Unternehmen habe, sei es, Gewinne zu steigern. Dies sei die Voraussetzung für alles weitere. Oder in einem Schlagwort: The purpose of business is business[8].

2. Wirtschaftswachstum für sich allein führt nicht zu mehr Wohlstand und Partizipation

Die vorgenannte Einschätzung für sich genommen ist jedoch unscharf, da sie wirtschaftliches Wachstum und die damit einhergehende Produktivitätssteigerung, Arbeitsplatzschaffung und Konsummöglichkeit mit der Prosperität breiter Schichten einer Gesellschaft und deren Wohlstand gleichsetzt oder gar verwechselt. So ist denn auch der Trickle-down-Effekt, der davon ausgeht, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen mag, nicht belegbar und in wirtschaftlich erfolgreichen Gesellschaften schlicht nicht eingetreten[9]. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Eine freie (Wirtschafts-)Gesellschaft, welche die freie Ausübung der wirtschaftlichen Betätigung voraussetzt oder begünstigt, schafft ein wirtschaftliches Wachstum mit Partizipationsmöglichkeiten, die allerdings nicht aus sich selbst zu Gleichheit und Einbindung führen, sondern die in einer liberalen, freien und sozialen Gesellschaft durch die Menschen eingefordert bzw. gewährt werden. Mit anderen Worten: Eine liberale und soziale Gesellschaft, mit ihren Unternehmen und Unternehmern, mit ihren Gewerkschaften, Verbänden, Vereinen, Bürgerbewegungen, dem Staat und seinen Institutionen, also ein Zusammenspiel verschiedenster Funktionsträger, schafft die Grundlage für die breite Partizipation an Wohlstand, Gleichheit und Einbindung.

3. Ethik als unternehmerisches Anliegen

Die in einer freien Gesellschaft selbstverständliche wirtschaftliche Aktivität ist insofern für sich genommen weder ethisch noch unethisch. Die Verantwortlichen des Unternehmens entscheiden, ob neben dem wirtschaftlichen Erfolg ein zusätzliches „Ziel“, ein „Sinn“ oder ein „Ethos“ in dem Unternehmen gegeben ist. Dies wird in der Bundesrepublik auch tagtäglich von vielen (mittelständischen) Unternehmen praktiziert, indem viele Arbeitnehmer oder auch das gesellschaftliche Umfeld von sozialen Leistungen und Bindungen der Unternehmungen profitieren. Angesichts der ungeheuren Komplexität und Spezialisierungen von Wirtschaft und Technik – und hierbei insbesondere aufgrund der Digitalisierung –, aufgrund der Herausforderungen von neuen Wirtschafts- und Politiksystemen in den aufstrebenden Schwellenländern und angesichts des Klimawandels und weiterer ökologischer Themen können sich Unternehmen diesen grundlegenden Fragen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft nicht verschließen. Zu gewaltig sind diese Themen, um sie allein staatlichen Institutionen oder NGOs zu überlassen. Sie betreffen die Grundsatzfrage, wie wir mit diesen Veränderungen umgehen möchten und wie sie uns verändern und wie wir zukünftig leben möchten. Die Protagonisten, die aufgrund der technischen/wirtschaftlichen Entwicklung an diesem Veränderungsprozess maßgeblich beteiligt sind, müssen sich an dieser Entwicklung beteiligen. Hieraus erwächst die Notwendigkeit, eigene ethische Normen zu definieren, an welchen die wirtschaftliche und technische Entwicklung des eigenen Unternehmens zu messen ist. Insofern bedarf es der Institutionalisierung der Ethik in den Unternehmen.

Im Übrigen wird die Gestaltung der Zukunft mit ihren sozialen, ökologischen und technischen Herausforderungen sicherlich erfolgreicher gelingen, als mit immer neuen Vorschriften und Verboten zu versuchen, Unternehmen, Menschen und Gesellschaft zu „verbessern“. Reglementierung ist keine Orientierung und Gesetze sind noch keine guten Sitten. Der Ansatz, moralisch und ethisch zu handeln, muss von den Protagonisten in der Wirtschaft selbst kommen; er kann nicht von den Gesetzgebern, der EBA oder BaFin mittels Gesetzen, Mindestanforderungen oder Guidelines durchgesetzt werden.

III. Neue Wege in der unternehmerischen Entscheidung

1. Die Suche nach Ethik, Werten und Sinn

Doch was ist es eigentlich genau, das derzeit viele Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter beschäftigt? In diversen aktuellen Umfragen und Studien, welche in Fachmagazinen und in der Wirtschaftspresse veröffentlicht werden, wird recht allgemein nach „Werten“, nach „Sinn“ oder auch nach „sozialem Handeln“ gefragt und gesucht. Was ist aber hinter diesen Begriffen verborgen? In der Philosophie füllen die Ausführungen zu diesen Themen ganze Bibliotheken und es ist freilich weder zielführend noch möglich, hier eine Zusammenfassung des Meinungsstandes vorzunehmen.

Ausgehend von den entsprechenden Fragestellungen in diesen Umfragen und auch aus eigener Anschauung heraus zeigt sich, dass die Unternehmensverantwortlichen vermehrt neben das ökonomische Handeln auch ein ethisches Handeln setzen möchten. Neben eine betriebliche Wertschöpfung (i. S. einer Gewinnerzielung) sollen also ideelle Werte treten. Es sollen Kriterien für gutes (bzw. schlechtes) Handeln und die Bewertung der Motive und Folgen aufgestellt werden. Im Zentrum steht die Frage nach moralischem und somit ethischem Handeln.

Hinzu kommt die Frage nach dem „Sinn“ von (wirtschaftlicher) Tätigkeit: Diese Frage steht stets in engem Zusammenhang mit dem „Ziel“ oder dem „Zweck“ einer Tätigkeit: Eine Handlung ist dann sinnvoll, wenn sie auf ein konkretes Ziel hin ausgerichtet ist und geeignet ist, dieses Ziel zu erreichen. Wie sich aus den Studien und Umfragen jedoch ergibt, stehen wirtschaftliches „Ziel“ und ökonomischer „Sinn“ gleichfalls unter dem Eindruck ethischer oder moralischer Rahmenbedingungen: Es erscheint vielen Unternehmern und Beschäftigten nicht mehr „sinnvoll“, alleine wirtschaftliche oder monetäre Ziele zu erreichen (Vertriebsziele, Ertragsziele, die Nr. 1 zu werden etc.). Vielmehr wird ein Ziel und die darauf gerichtete Tätigkeit dann als sinnvoll angesehen, wenn es einem höheren, mithin einem ideellen Wert entspricht. Insofern schließt sich hier der Kreis: Die Frage nach ethischem Handeln steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem „Sinn“ einer Tätigkeit.

2. Welche Werte? Welche Ethik?

Der Wunsch nach Implementierung von „Werten“ und Sinn“ (oder in einem neuen Schlagwort „Purpose“) wird derzeit durch diverse Methoden (und diverse Unternehmensberatungen) unterstützt. Diese Herangehensweise hat sicherlich ihre Berechtigung. Gleichwohl stellt sich die Frage, wie tragfähig und wie dauerhaft solche Konzepte sein werden. Stellt man die Frage nach „Sinn“, nach „Moral und Ethos“, so ist diesen Begriffen die Dauerhaftigkeit und eine weite Akzeptanz der beteiligten Personen immanent: Es schließt sich von vornherein aus, sich einen „Sinn“ oder „Ethos“ zurechtzulegen, diesen aber nach kurzer Zeit wieder auszutauschen oder abzulegen. Es besteht daher die Notwendigkeit, bei der Suche nach „Sinn“ und „Ethos“ Grundlagen zu finden, welche dauerhaft und konsensfähig sind.

Doch welche Werte, welcher Sinn und welche ethischen Rahmenbedingungen sind dauerhaft tragfähig? Welche Grundlagen erscheinen hier zielführend? Eine denkbare Lösung besteht darin, auf bestehende historisch und gesellschaftlich gewachsene sowie allgemein anerkannte Prinzipien, Kulturen und Werte zurückzugreifen. Im Folgenden werden daher einzelne Grundprinzipien vorgestellt werden, welche als Grundlagen für Orientierung dienen können und mit welchen im Weiteren ein Wertekanon oder eine Wertekultur definiert werden kann.

a) Ethische Grundorientierungen

Die großen Weltreligionen sowie diverse Weltanschauungen bieten Grundorientierungen an, welche in wesentlichen Teilen inhaltliche Übereinstimmungen aufweisen. Im Fokus dieser Grundorientierungen steht stets das Wohl des Menschen. Hierbei werden – mit unbedingter Autorität, wie es wohl nur die Religionen vermögen – das Wohl und die Würde des Menschen als Grundprinzip und Handlungsziel des menschlichen Ethos herausgestellt. Menschenwürde, Menschenfreiheit, Menschenrechte lassen sich so nicht nur positivistisch statuieren, sondern in einer ultimativen Tiefe begründen[10]. Übereinstimmend und insoweit in einem hohen Maße universell fordern diese Religionen gemeinsam unverhandelbare Maximen, so die Gebote nicht zu töten, nicht zu stehlen, nicht zu lügen, moralisch integer zu leben und Eltern/Kinder zu achten. Diese Maximen mögen zunächst sehr allgemein und auch antiquiert klingen. In unsere aktuelle Lebenswirklichkeit übertragen formulieren sie jedoch konkretisierbare Anforderungen und Leitlinien im unternehmerischen Handeln. Hierzu einige Beispiele:

  • Die Maxime, nicht zu stehlen, formuliert die konkrete Aufforderung, (Anflüge von) Korruption oder auch Vetternwirtschaft zu vermeiden. Es hat zudem Einfluss auf unsere Vertriebsstrukturen, indem Vertriebssysteme zu vermeiden sind, die den eigenen wirtschaftlichen Erfolg über die Interessen von Kunden oder sonstigen Geschäftspartnern stellt.
  • Ähnlich verhält es sich mit dem Gebot der moralischen Integrität. Korrekterweise lautet dieses Gebot das „Verbot der Unzucht“. Und selbst dieses sehr sperrige und anachronistische Gebot liefert konkrete und hilfreiche Handlungsmaximen, so z. B. die eigene Machtposition im Verhältnis zu Dritten nicht auszunutzen, die Mitarbeiter und Kunden als Individuen und nicht lediglich als betrieblichen Faktor zu sehen oder auch die Grenzen im Geschäftsverkehr zu erkennen und zu bestimmen, so z. B. die Vertriebsziele sorgsam zu wählen ohne die Mitarbeiter, die Kunden sowie die Ressourcen und Strukturen nicht über Gebühr zu beanspruchen bzw. auszunutzen.
  • Bei dem Gebot, nicht zu lügen, drängen sich die aktuellen Skandale um Libor- und Abgaswertemanipulation auf. Heiligt das wirtschaftliche Ziel alle Mittel? Oder steht nicht vielmehr ein grundlegender Wert im Vordergrund: Vertrauen im gesellschaftlichen und geschäftlichen Zusammenarbeiten unter den Menschen.
  • Und selbst das vermeintlich wenig relevante Tötungsverbot vermag Leitlinien bei der Anlage- bzw. Kreditpolitik zu bilden. Bar jedes Aktionismus muss dieses Gebot freilich nicht dazu verpflichten, Kredite an Unternehmen mit bestimmten Geschäftszwecken zu unterlassen (Waffen; konventionelle Energieerzeugung etc.). Es kann aber im unternehmerischen Entscheidungsprozess die individuelle Auseinandersetzung bei der Anlage- bzw. Kreditentscheidung begleiten und die Beschlussfassung beeinflussen.

Die hieraus gewonnen Handlungsbilder weisen auf einen Weg der „Mitte“ im unternehmerischen Handeln und beinhalten damit eine Forderung nach einem verantwortungsbewussten Handeln, sich selbst und der Umwelt gegenüber[11]. Gefordert sind nicht nur Regeln, sondern eine Haltung oder eine Tugend, die das Verhalten der Menschen von innen zu steuern vermag. Wem dieser religiös verwurzelte Ansatz suspekt ist, dem kann Kants kategorischer Imperativ als eine rationale oder auch säkulare Variante dieser Regeln dienlich sei: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“[12] oder „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen … jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“.

b) Grundlegende soziale und ethische Modelle am Beispiel der Katholischen Soziallehre

Ein weiteres tragfähiges Modell für „ethisches“, „soziales“ und „sinnhaftes“ unternehmerisches Handeln kann in dem System der Katholischen Soziallehre gefunden werden. Für Ralf Dahrendorf, den großen Soziologen und Vordenker sozial-liberaler Gesellschaftsordnungen, galt die Katholische Soziallehre als wichtigste Wurzel des wirtschaftspolitischen Erfolgskonzepts der Bundesrepublik und mithin als Grundlage der sozialen Marktwirtschaft[13]. Die Grundlagen der katholischen Soziallehre sind vielfältig und entstammen Enzykliken sowie Essays und wissenschaftlichen Abhandlungen von Theologen, Soziologen, Ökonomen und Politikern. Der Erfolg dieses Konzeptes ist sicherlich in der breiten Unterstützung auch außerhalb der Katholischen Kirche und insbesondere auch außerhalb der christlichen Weltanschauung begründet. Als reales Grundprinzip oder besser Fundament steht das Caritas-Prinzip, also eine Lebenshaltung, die die Hochachtung, die Wertschätzung, die Wohltätigkeit und – in christlicher Sicht – die göttliche Liebe als Leitmotiv definiert. Sie ist getragen von ihrer streng humanistischen Ausrichtung, ihrer aus dem Gottesbezug heraus begründeten Betonung individueller Verantwortlichkeit.

Prinzipien wie die Katholische Soziallehre werden für sich allein niemals in der Lage sein, ökonomische Handlungen und Entscheidungen alleine zu begründen. Insbesondere in der Makroökonomie oder in Fragen der Wirtschaftspolitik sind neben normativ-ethischen Ansichten analytische Erklärungen ökonomischer Problemlagen erforderlich. So wie aber die Katholische Soziallehre Schnittmengen zu und Einfluss auf Ordo-Liberalismus und letztendlich zu der Sozialen Marktwirtschaft hatte, so kann dieses Prinzip auch einen Rahmen oder ein Fundament für konkrete unternehmerische Entscheidungen bilden. Die wesentlichen Orientierungspunkte der Katholischen Soziallehre[14] sind Sozialverpflichtung des Eigentums, soziale und Chancen-Gerechtigkeit, Wahrung der Rechte der Frau, weltweite Verteilung von Wirtschaftsgütern, Mitverantwortung und Mitbestimmung im Unternehmen, Interessensausgleich zwischen Kapital und Arbeit, Schutz der Familie und Eigentumsbildung in Arbeitnehmerhand. Als Leitbegriffe gelten Personalität (Würde der Person), Solidarität (mitmenschlicher Zusammenhalt) und Subsidiarität. Diese Orientierungspunkte und Leitbegriffe decken ein weites Feld menschlichen Zusammenlebens ab und verfügen sicherlich über eine breite Konsensfähigkeit und eine tragende Kraft, auch für grundlegende Entscheidungen in Unternehmen. Aus jedem der Orientierungspunkte oder der Leitbegriffe lassen sich unternehmensspezifische und „ethische“ bzw. „sinnstiftende“ Maximen ableiten. Unternehmerisches Handeln wäre in diesem Sinne dann mehr, als die Summe rein ökonomischer Entscheidungen.

c) Weitere Grundorientierungen

Selbstverständlich kommen noch viele weitere, auch weniger religiös oder weltanschaulich geprägte Grundorientierungen in Betracht. Denkbar wären hier z. B. die „Wiederbelebung“ grundlegender Geschäftsmodelle, also die Frage, warum es das Unternehmen bzw. die Bank überhaupt gibt und zukünftig geben soll (Genossenschaftsprinzip; Gründungsursprung von Sparkassen etc.).

3. Einbindung in die unternehmerische Praxis

a) Aussöhnung von ethischem und ökonomischem Handeln

Die aktuellen Tendenzen nach Suche und Implementierung von „Sinn“ und „Ethos“ haben in manchen Teilen der klassischen ökonomischen Kreise zu gewissen Unsicherheiten geführt[15]. Die Einordnung als „Purpose-Zirkus“, als „Wandel der Kapitalisten zu Weltverbesserern“ verkennt freilich, dass es hier zunächst um klare ökonomische Themenstellungen geht: Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den entwickelten westlichen Gesellschaften haben sich schlicht verändert. Neben dem Prinzip, ein Produkt qualitativ hochwertig und kostengünstig zu erlangen, sind nunmehr weitere Anforderungen getreten, nämlich die Frage nach ökologischer Verträglichkeit und nach sozialen Standards bei der Herstellung. Dies als „Weltverbesserer“ abzutun bedeutet zunächst, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und somit ökonomische (!) Realitäten zu vernachlässigen.

b) Implementierung von ethischen Rahmenbedingungen: Wertekultur

Die Moral und das Ethos dürfen jedoch nicht etwas Marginales oder etwas künstlich Aufgesetztes sein, sondern müssen einen „moral framework“ des Unternehmens und seines Handelns bilden; mit Ethos sind nicht nur moralische Appelle gemeint, sondern moralisches Handeln[16]. Ein verantwortungsvolles Wirtschaften in heutiger Zeit besteht darin, die wirtschaftliche Strategie und das ethische Urteil überzeugend miteinander zu verbinden. Dieses Paradigma wird darin konkret, dass es wirtschaftliches Handeln daraufhin überprüft, ob es sozial-, umwelt- und zukunftsverträglich, kurz: ob es nachhaltig und humanistisch ist[17]. In der unternehmerischen Praxis sollte insoweit ein Wertekanon oder eine Wertekultur erarbeitet werden, z. B. auf der Grundlage der zuvor vorgestellten Grundprinzipien oder Grundorientierungen. Hierbei sollte darauf geachtet werden, dass die so erstellten Werte und ethischen Maximen konkret und greifbar sind und auch der Lebenswirklichkeit des Unternehmens entsprechen.

Diese Wertekultur ist sodann in die Unternehmensstrukturen einzubringen. Leitlinien im Hochglanzformat sind wichtig; sie finden aber nur dann ihre Entfaltung, wenn sie im Unternehmen gelebt werden. Daher kann in einem ersten Schritt die Wertekultur oder der Wertekanon auf die Ebene des unternehmerischen Leitbildes und der Geschäfts- und Risikostrategie gehoben werden. Die Inhalte von Geschäfts- und Risikostrategie sind insoweit auf die ethischen Vorgaben des Wertekanons zu überprüfen und abzugleichen. Im Rahmen des Strategieprozesses (z. B. mittels SWOT-Analyse und Balanced Scorecard) wären die strategischen Ziele und die einzelnen Zielvorgaben gleichfalls anhand der ethischen Vorgaben zu überprüfen. Dies hat freilich Konsequenzen auf die wesentlichen Parameter des Unternehmens: Im Bereich der Finanzen werden die ethischen Vorgaben Auswirkungen insbesondere auf die Anlagepolitik haben. Im Bereich des Personals werden neue Führungsstrukturen und Beteiligungsmöglichkeiten zu überdenken sein, daneben aber auch Schulungen und Fortbildungen, nicht nur in Bezug auf fachliche, sondern auch auf soziale Kompetenzen. Im Bereich des Marktes werden Fragen von Verbraucherschutz, Geeignetheit von Produkten, Vertriebsziele in den Fokus geraten. Auch bei den Prozessen werden sich Fragen stellen, etwa in Bezug auf ökologische Auswirkungen, auf die Frage, wie sie die Tätigkeiten von Mitarbeiter unterstützen oder sie im Gegenteil kontrollieren oder die freie Betätigung sogar beeinträchtigen.

Die Wertekultur und die durch sie beeinflussten Leitbilder und Strategien müssen schließlich gelebt werden. Sie brauchen ein Fundament in Form einer inneren Haltung aller Beteiligten, diese neuen Leitbilder im Unternehmen umzusetzen. Maßgebend sind hier die Unternehmensführung bzw. die Führungskräfte, welche durch ihre Handlungen und Entscheidungen die Werte vorleben, kommunizieren und erfahrbar machen. Diese – leicht gesagte – Vorgabe braucht ihrerseits Voraussetzungen: Es muss in die Infrastruktur und die Kompetenz der Führungskräfte investiert werden. Ebenso kann ein solches Leitbild Auswirkungen auf die personelle Organisation haben, da ein entsprechendes Führungsverständnis in flachen Hierarchien sicherlich einfacher und konsequenter umzusetzen ist. Ggf. bedarf es auch eines Paradigmenwechsels bei der Mitarbeiterauswahl: Es werden (nicht nur) die fachlich Besten zu suchen sein, sondern auch diejenigen mit sozialer Kompetenz und emotionaler Intelligenz.

Die Implementierung eines solchen neuen Leitbildes und dessen Umsetzung bedarf einer ständigen Überprüfung im Hinblick auf die Umsetzung und natürlich auch auf die Fortentwicklung. Hierbei sollte sich das Unternehmen vor einer Gefahr hüten, nämlich vor der Reglementierung der ethischen Vorgaben. Nach diesseitigem Verständnis bedürfen ethische Leitbilder oder eine Wertekultur der Führungsverantwortung und der unternehmerischen Organisation und nicht vertraglichen oder arbeitsrechtlichen Geboten.

IV. Praktische Konsequenzen

Ethik, Werte und Sinn sollten in einem Unternehmen für sich selbst stehen und keiner ökonomischen Legitimation bedürfen. Unabhängig hiervon führt die Ausbalancierung von wirtschaftlicher Strategie und ethischem Urteil gleichsam zu Prosperität und wirtschaftlichem Erfolg.

In zwei unterschiedlichen Langzeit-Studien konnte ermittelt werden, dass sowohl die Aktien-Wertentwicklung als auch der Umsatz von ethisch-orientierten Unternehmen die Werte der Unternehmen ohne eine entsprechende Orientierung deutlich übertrafen (Aktienwert 1.681 % bzw. Umsatz 400 %)[18]. Auch bei einem singulären, in den letzten Jahrzehnten kontrovers diskutierten Thema schneiden Unternehmen mit einem entsprechenden sozial-ethischen Fokus besser ab, nämlich diejenigen Unternehmen, die den Frauenanteil in den Chefetagen erhöht haben: Nach einer Studie des Peterson Instituts for International Economics wurde bei einer Untersuchung von fast 22.000 Unternehmen aus 91 Ländern festgestellt, dass ein um 30 % höherer Frauenanteil in der Chefetage mit einem um 15 % höheren Netto-Umsatz einhergeht[19].

In Zeiten des demografischen Wandels und der Notwendigkeit, bestqualifizierte Mitarbeiter zu finden, lassen die eingangs erwähnten Zahlen aufhorchen, wonach neun von zehn befragten Berufstätigen angeben, für sinnstiftende Arbeit auf Gehalt zu verzichten. Andere Befragungen gehen in eine ähnliche Richtung, so eine Umfrage der Boston Consulting, bei welcher 28 % der Top-Talente als „Sinnsucher“ eingeordnet wurden, da für sie bei der Arbeit nicht in erster Linie materielle Werte wichtig seien[20]. Der Kampf um die besten Talente der Zukunft wird nicht mehr (alleine) mit dem Gehaltsscheck entschieden, sondern mit dem Angebot einer sinnvollen, wertorientierten Tätigkeit. Die Mitarbeiter in einem solchen Team werden zudem motivierter sein und weniger Mitarbeiter denn Mitstreiter für die gemeinsamen Herausforderungen sein[21].

Auch die Zahlen zum Verhalten von Kunden und Konsumenten lassen aufhorchen: 80 % der deutschen Konsumenten glauben, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessen gleich starkes Gewicht bei Geschäftsentscheidungen haben sollten. Bei der Wahl zwischen zwei Marken gleicher Qualität und gleichen Preises ist „Social Purpose“ das entscheidende Kaufkriterium für deutsche Konsumenten (45 %), deutlich vor Design und Innovation (34 %) sowie Markentreue (21 %). 47% der deutschen Konsumenten würden zu einer vergleichbaren Marke wechseln, die sich sozial engagiert und 50 % würden Produkte oder Services, die Gutes tun, weiterempfehlen[22].

Und zuletzt wirkt eine ethische Unternehmensführung krisenprophylaktisch, mit der Minimierung von operationellen (Rechts-)Risiken und einer Reduzierung von Aufwänden in allen Bereichen der Compliance.

Es ist an der Zeit, Ethik, Werte und Sinn auf die unternehmerische Agenda zu nehmen.

PRAXISTIPPS

  • Der Wunsch vieler Führungskräfte und Beschäftigten nach sinnstiftendem Handeln sollte ernstgenommen werden, da sich hierin eine grundlegende, gesellschaftliche Tendenz manifestiert.
  • Moral und Ethos in einem Unternehmen sollten nicht etwas künstlich Aufgesetztes oder Teil eines Marketingkonzeptes sein, sondern einen „moral framework“ des unternehmerischen Handelns bilden.
  • Dauerhafte und konsensfähige Wertesysteme können einen positiven Einfluss auf die unternehmerische Tätigkeit haben, insbesondere im Hinblick auf die Gewinnung von Kunden und Mitarbeitern sowie auf die Reduzierung von Risiken.
  1. Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium vom 24.11.2013, Ziff. 53.
  2. Vgl. Deutscher Startup Monitor 2018, S. 27.
  3. Vgl. Nachweis unter www.betterup.co
  4. Vgl. FAZ, Eine bemerkenswerte Mahnung, vom 17.01.2018, mit Verweis auf einen Bericht in der New York Times: BlackRock’s Message: Contribute to Society, or Risk Losing Our Support, vom 15.01.2018.
  5. Vgl. auch https://die-deutsche-wirtschaft.de/bedingsloses-grundeinkommen-precht-grillo-hajali-diskutieren/
  6. Vgl. Albach, Working Paper: Gutenberg und die Zukunft der Betriebswirtschaftslehre; WZB Discussion Paper, No. FS IV 97-16.
  7. Friedman: Kapitalismus und Freiheit, 11. Aufl. 2016, S. 164.
  8. Vgl. auch: Think: Act Magazine Purpose vom 25.06.2018 – Why companies need to strive for more than just profit.
  9. Vgl. Paul Krugman: „Die USA sind kein Vorbild“, Interview Managermagazin 26.05.2018.
  10. Vgl. Küng, Projekt Weltethos (1990), S. 81–86.
  11. Küng, a.a.O.
  12. Kant, Kritik der praktischen Vernunft; zitiert nach: Gesammelte Schriften, AA IV, 421.
  13. Vgl. Emunds, Ungewollte Vaterschaft in: Ethik und Gesellschaft 1/2010, S. 1–26, abrufbar unter www.ethik-und-gesellschaft.de; Katholische Soziallehre und Soziale Marktwirtschaft, Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages WD1-3000-073/13, mit Übersicht auch zu kritischen Stimmen.
  14. Nach Oswald von Nell-Breuning, vgl. Marx, Wirtschaftsliberalismus und Katholische Soziallehre, Freiburg, Walter Eucken Institut (2006).
  15. Vgl. exemplarisch Merk, Purpose, FAS vom 10.03.2019, S. 17.
  16. Vgl. Küng, Handbuch Weltethos (2012), S. 109–116.
  17. So schon Küng, Projekt Weltethos (1990), S. 109–116.
  18. Vgl. Thomsen, Die Wirtschaft muss sich neu ausrichten, um nachhaltig erfolgreich zu sein, Handelsblatt vom 22.03.2019.
  19. Vgl. Bös, FAZ vom 11.02.2016.
  20. https://www.bcg.com/de-de/d/press/PM_Millennials_Germany_25102018-205778
  21. vgl. hierzu, neben vielen, die Studien von Morton Hansen, zitiert u.a. in https://karriereboost.de/karrierecoach/der-sinn-der-arbeit-purpose-steigert-performance/
  22. vgl. Edelman goodpurposeTM Studie, https://pr-journal.de/lese-tipps/themen-der-zeit/9770-konsumenten-verlangen-heute-mehr-von-unternehmen-purpose-als-fuenftes-pa-im-marketing-mix.html

 

Beitragsnummer: 80827

 


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