Quo vadis, Digitalisierung?

 

Markus Braun,
Geschäftsführer ESG GmbH;
IT-Leitung Speedpoint GmbH

Alle sprechen darüber, aber keiner weiß genau was das eigentlich ist: „Digitalisierung“. Es gab vor einigen Jahren einen Fernsehwerbespot, in dem nach dem Sinn gefragt wurde, warum die Firma der Protagonisten denn in dieses „Internet“ und einen Auftritt (Homepage) darin investieren sollte. Die Antwort erstaunt: „Weil es alle machen“. Vergleichbare Phänomene sehe ich seit einigen Jahren bei dem Themenkomplex „Digitalisierung“. Die Evangelisten der Branche sind sich sicher, dass kein Unternehmen, das nicht morgen komplett digitalisiert arbeitet, übermorgen noch existiert. Die Ewiggestrigen verharren im Modus der totalen Verweigerung. Wie findet das Gros der Unternehmen den Weg in die zweifelsohne wichtige und richtige Digitalisierung?

Zurück zum Themenkomplex: Auch wenn ich damit polarisiere, DIE Digitalisierung gibt es nicht. Einige Vordenker und Unternehmen, die sich – basierend meistens auf einer vorhandenen grundsätzlich digitalen Ausrichtung des Portfolios oder des Geschäftskonzeptes – an die Spitze der Digitalisierungsbewegung setzen konnten, werden nicht müde über die vielen Vorteile und das Potential der „Digitalisierung“ zu sprechen. Für diese Unternehmen war der zu gehende Schritt oft klein, die Risiken überschaubar und der erwartete Return sehr hoch. Das jedoch auf alle Unternehmen zu übertragen, wird der Realität nicht gerecht.

 

Von falschen und richtigen Gründen

 Bevor jetzt ein falscher Eindruck entsteht: Ich bin ein großer Fan dieser ominösen „Digitalisierung“. Solange es sich um durchdachte Weiterentwicklung von Prozessen, Geschäftsbereichen, Abteilungen oder der Generierung neuer Produkte oder Absatzstrategien bis hin zum Umbau beziehungsweise der Transformation ganzer Unternehmen dreht. Nicht aber, wenn es lediglich um die Teilnahme am aktuellsten Hype Train geht. Die Umbauarbeiten erfordern ein tiefgreifendes Verständnis der bestehenden Strukturen und den absoluten Willen aller Beteiligten, diesen Kraftakt zum Ziel zu führen und sich auf wirkliche Änderungen einzulassen. Apropos Ziel: Eine möglichst klare Zieldefinition – bei allen sonstigen Projekten der erste unumgängliche Schritt – wird bei der „Digitalisierung“ gern etwas schwammig gehalten. Es wird viel Geld in die Hand genommen, um irgendwie „dabei“ zu sein oder bei der nächsten Branchenumfrage mit Fug und Recht behaupten zu können: „Digitalisierung? Sind wir ganz vorn im Boot“.

Das breite Spektrum an Möglichkeiten, die in dem Themenkomplex „Digitalisierung“ stecken, sollte als das wahrgenommen werden, was es ist: Eine Chance, althergebrachtes zu überdenken, Krusten aufzubrechen und Firmen weiter zu entwickeln. Es gibt (noch) keine Faustformel für die erfolgreiche Digitalisierung von Unternehmen. Aber es gibt mutige Unternehmer, die die Chancen erkennen und als Kapitäne ihr Schiff in Richtung Digitalisierung steuern. Ich bin mir sicher, dass der Mittelstand – nach anfänglichem Zögern – seine Vorreiterrolle auch in puncto „Digitalisierung“ einnehmen wird.

 

Alles wird gut?

Die Arbeitswelt wird digitaler. Soweit der Konsens. Wie sich diese Digitalisierung aber bei den unterschiedlichen Teilnehmern in Wirtschaft, öffentlicher Hand, gesamtgesellschaftlich und im Zusammenspiel der Akteure auswirken wird, lässt sich derzeit nur erahnen.

Wichtig ist eine koordinierende Stelle im Unternehmen, an der alle Informationen zusammenlaufen und die den Überblick behält. Gerade die IT-Verantwortlichen sehen sich einem enormen Digitalisierungsdruck gegenüber, der z. B. durch einen steuernden CDO (Chief Digital Officer) deutlich gemildert werden kann.

Planvolles und zielgerichtetes Handeln ist somit der Schlüssel zum Erfolg. Ist das eine neue Erkenntnis? Nein. Aber: Überstürzter Aktionismus, wie er derzeit des Öfteren durch das Beschwören wahrer Horrorszenarien geschürt wird, ist bei dem dringend notwendigen Einstieg in die Themenwelt der Digitalisierung fehl am Platz.

Praxistipps
  • Oberste Prämisse: Digitalisierung betrifft das Unternehmen als Ganzes.
  • Zielgerichtetes, planvolles Vorgehen ist der Schlüssel zum Erfolg.
  • Identifizieren der individuellen digitalen Chancen.
  • Ein Muss: Entwicklung der eigenen „digitalen Strategie“.
  • Weiterbildung/Ausbildung der Mitarbeiter ist zwingend erforderlich.
  • Externe Berater sind – besonders in der Planungsphase – hilfreich.
  • Neue Position (CDO): unterstützt bei Bestandsaufnahme, Umsetzung und der ständigen Weiterentwicklung.

 

Beitragsnummer: 1123