Risikoinventur – ein geschätztes Thema[1]

Henning Riediger, Prüfungsleiter im Referat Bankgeschäftliche Prüfung, Deutsche Bundesbank, Hannover, im Interview mitFrank Sator, Geschäftsleiter Finanz Colloquium Heidelberg GmbH

 

 Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, mich mit Henning Riediger, Prüfungsleiter im Referat Bankgeschäftliche Prüfung, Deutsche Bundesbank, Hannover, über die Neuausrichtung der Risikoinventur in Kreditinstituten infolge der Vielzahl an regulatorischen Neuregelungen auszutauschen. Bei dem Interview handelt es sich um einen Vorabauszug aus der 2. Aufl. des Praktikerhandbuchs Risikoinventur, das er als Herausgeber betreut und voraussichtlich Mitte 2019 in unserem Verlag erscheinen wird.

Frank Sator: Welchen Stellenwert nimmt heutzutage die Risikoinventur in den Instituten ein?

Henning Riediger: Einen sehr hohen Stellenwert – es ist faktisch das Fundament eines erfolgreichen Risikomanagement. Viele Themen, die mir inzwischen die Risikosteuerungs- und Risikoüberwachungsprozesse erschweren, gehören sauber in der Risikoinventur bearbeitet und dann sieht der ganze Prozess deutlich stringenter aus.

Frank Sator: Welche Themen sind damit vorzugsweise gemeint?

Henning Riediger: Das betrifft zunächst v. a. Risikokonzentrationen. Wer sich bereits in der Risikoinventur damit stärker auseinander setzt, wird später bei der Risikomessung nicht davon überrascht sein, dass er bestimmte Konzentrationsausprägungen nicht in seiner Messung erfasst hat. Er hat dann zumeist vorgesorgt und erkannt, dass er das Thema auch gezielt mit Strukturlimiten angehen kann. Ein weiteres Thema sind Auslagerungen. Wenn die Ergebnisse von Risikoanalysen der Auslagerungsverhältnisse nicht Bestandteil der Risikoinventur sind, dann wird das Gesamtergebnis unvollständig und damit unzureichend sein.

Frank Sator: Wenn die Risikoinventur so bedeutsam ist, gehen die Institute wenigstens angemessen mit den Ergebnissen um?

Henning Riediger: In weiten Teilen ja, es zeigen sich jedoch häufig Bestrebungen bestimmte nicht wesentliche Risikoarten trotzdem irgendwie berichtsprominent steuern zu wollen. Das Ergebnis sind dann Inkonsistenzen in der Handhabung der Risikosteuerungs- und Risikoüberwachungsprozesse.

Frank Sator: Welche Inkonsistenzen sind damit gemeint?

Henning Riediger: Das zeigt sich häufig im Umgang mit bestimmten Risikoarten. Nehmen wir als Beispiel die Provisions- und Vertriebsrisiken. Diese sind als Ergebnis der Risikoinventur unseres Beispielinstituts als „unwesentlich“ eingestuft. Das nehmen wir jetzt mal so unreflektiert hin. Das Ergebnis hat zur Folge, dass bei der Überprüfung der Risikotragfähigkeit diese Risiken nicht einbezogen werden, was gem. AT 4.1 Tz. 1 der MaRisk auch zulässig ist, da hier nur wesentliche Risiken einbezogen werden – so weit so gut. Inkonsistent wird die ganze Sache, wenn ich als Institut im Rahmen der Stresstests anfange, das Thema der Provisions- und Vertriebsrisiken auszuwalzen und hier mit nennenswerten Auswirkungen auf die Ertrags- und Vermögenslage aufzuwarten. Entweder das Thema ist bedeutsam, dann muss ich es mir in der Risikotragfähigkeit auch anschauen oder es bleibt unwesentlich. Das typische Argumentationsmuster lautet häufig vereinfacht: „Wenn wir das Thema nicht in der Risikotragfähigkeit haben, so behandeln wir es doch ausführlich in den Stresstests!“ Der Aufseher würde dann sagen: Die Methodenfreiheit findet ihre Grenze in der Methodenwillkür.

Frank Sator: Also unwesentliche Risiken sollten nicht in die Risikotragfähigkeit und Stresstests einbezogen werden?

Henning Riediger: Als Empfehlung – ausdrücklich als Empfehlung – würde ich sagen: Ja, nicht einbeziehen! Denn sonst offenbare ich ja, dass meine Risikoinventur nicht passt. Wenn ich diese Risiken trotzdem in den Überwachungsprozessen haben will, dann muss ich diese Risiken über qualitative Aspekte bzw. die Überprüfung der Risikoinventur als wesentlich einstufen. Dann müssen aber auch in der Folge die Überwachungsinstrumente in Form der Risikomessverfahren ein Mindestmaß an Validität und die Möglichkeit zur Gewinnung von Steuerungsimpulsen aufzeigen. In der Praxis fällt dann häufig ein Risikobetrag vom Himmel, den schon ein paar Minuten später keiner mehr erklären kann …

Frank Sator: … also die berühmte Expertenschätzung?

Henning Riediger: Naja, den Begriff Expertenschätzung sehe ich nicht negativ – wenn es tatsächlich eine Expertenschätzung ist. Der Unterschied von „wahllos einen Wert genannt“ und Expertenschätzung besteht darin, dass der Experte seinen Weg zum Wert offenlegen und begründen kann – also seine Expertise einbringt. Richtig rund wird die Geschichte dann noch, wenn man es dokumentiert und die Entscheidungsträger es nachvollziehen können. Dies gilt auch für den Aufseher: Er will die Überlegung verstehen und nachvollziehen können, wie die Dimension des Risikobetrags erreicht wird. Es geht in der Diskussion dann nicht um 1.000 oder 10.000 €, sondern tatsächlich um die potenzielle Verlustdimension.

Frank Sator: Wo wir gerade bei Beträgen sind – ab wann ist denn ein Risiko wesentlich?

Henning Riediger: Ich bin ja kein Jurist, aber ich verwende deren Standardantwort: Es kommt darauf an – und das meine ich ernst! Die Relevanz bemisst sich nach Ertrags-, Vermögens- und Liquiditätslage des jeweiligen Instituts. Das sind schon mal drei Ebenen. In der Praxis ist die Thematik häufig allein eindimensional. Da spielt häufig nur die Vermögenslage eine Rolle: also wie viel von meinem Vermögen wird verbraucht, wenn das Risiko schlagend wird? Sicherlich ein richtiger Schritt, aber entscheidend sind die Engpässe. Wenn ich ein Institut mit guter Kapitalausstattung habe, aber sich mittlerweile die Ertragslage eingetrübt hat, muss man sich schon fragen, ob es nicht auch Sinn macht Ertragsgrößen einzubeziehen, z. B. das Betriebsergebnis vor Bewertung, insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele Institute handelsrechtlich steuern.

Frank Sator: Also ist der „One fits all“-Ansatz an dieser Stelle in der Praxis schwierig umzusetzen?

Henning Riediger: Faktisch ja! Es gibt ja die Angemessenheits-Klausel der MaRisk – und darüber muss sich das Institut individuell abgrenzen. Da gibt es auch richtige Herangehensweisen in den Instituten. Nehme ich jetzt einfach die Grenze, die mir von Externen wiederholt empfohlen wird oder überlege ich mir selbst, aber welcher potenziellen Schadenshöhe ein intensiveres Risikomanagement – im Sinne der MaRisk – notwendig wird. Teilweise sind die empfohlenen Pauschalgrößen völlig überzogen. Da kommt es dann schon mal vor, dass die empfohlene Wesentlichkeitsgrenze ein Vielfaches der „gefühlten Wesentlichkeitsgrenze“ im Institut beträgt. Und da gilt es dann wie im wahren Leben: Erst Denken, dann Handeln!

Frank Sator: Welche Risikoarten kommen denn momentan bei der Risikoinventur zu kurz?

Henning Riediger: Das ist schon sehr unterschiedlich – je nach Geschäftsmodell und Zugehörigkeit zu einem Verbund. Aber stark vereinfacht gesagt: Die Behandlung der Beteiligungsrisiken sowie der Immobilienrisiken ist in weiten Teilen ausbaufähig!

Frank Sator: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

PRAXISTIPPS

  • Stellen Sie sicher, dass alle internen und externen Themen einbezogen sind.
  • Wählen Sie nachvollziehbare Schätzungen von Verlustausprägungen; Begründen und dokumentieren Sie Ihre Entscheidung.
  • Implementieren Sie eine an den Engpässen Ihres Instituts ausgerichtete Wesentlichkeitsschwelle.
  • Achten Sie darauf, dass Risikokonzentrationen angemessen erfasst werden.
  1. Disclaimer: Die nachfolgenden Interpretationen und Meinungen sind ausschließlich persönliche Auffassungen des Verfassers und stellen keine offizielle Meinungsäußerung der Deutschen Bundesbank dar.

 

Beitragsnummer: 54213



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